Die Entscheidung

„ Weißt du „ sagt meine Mutter „ Keine Tochter ist verpflichtet ihre Mutter zu pflegen. Aber als Kind hast du schon die Verantwortung und die Pflicht dafür zu sorgen, daß die Eltern rundum versorgt sind“. 

Ja eh

„ Bei deiner Großmutter hab ich das gut organisiert“ kommt schnell der Nachsatz .

Was soll ich antworten? Daß ihre Mutter äußerst pflegeleicht war? Mit großem Gleichmut , fast schon phlegmatisch, hat sie alles hingenommen,  jeden dankbar akzeptiert,  der für sie da war. Solange sie  täglich ihre Topfenknödel essen durfte und das Fernsehbild dank Zimmerantenne nicht grieselte.

„ Gut“ sage ich entschlossen und mit bemühtem Opportunismus in der Stimme. “Gut,dann kommt die Frau Hermi nun jeden Tag und hilft dir bei allem wo du Hilfe brauchst“. 

Schweigen. 

Die Frau Hermi gibt es natürlich ( noch) nicht. Aber sowas schwebt mir vor. Eine Frau Hermi, die kommt, wäscht ,  bisschen putzt ,  kocht und vielleicht auch noch Karten spielt und Spazieren geht. 

Das braucht sie nicht. Sagt Mutter. Und das will sie auch nicht.

Drei Wochen war meine Mutter im Sanatorium und nun ist sie wieder daheim. 

Drei Wochen hat sie , laut  eigenen Angaben, gut gegessen , hat geturnt geplaudert mit den Mitbewohnern, ihre Runden im Kaffeehaus gedreht, so manches Kartenspiel gewonnen und sich sicher und geborgen gefühlt.

„ Ich möchte in ein betreutes Wohnen ziehen“ sagt sie mit großem Ernst. 

„ Mutter ins Heim? Niemals ! “ schreit mein Bruder, “ Da gibt sie sich auf. Das ist das Ende“.

Während ich eine lachende Kartenrunde , Kaffe und Kuchen sehe sieht er Linoleumböden , Rollator- Fuhrparks und volle Windeleimer.

Wir haben beide recht und auch wieder nicht.

Ich schaue ein paar Häuser an. Sie heißen Fortuna, Wie daheim oder auch Residenzen. Mit dem Namen bekommt man gleich das Preisschild dazu .

Ich kann und ich möchte nicht entscheiden. Sie müsste mitgehen. Das will sie aber nicht. Unlösbar.

Soll sie nun einige Zeit alleine zu Hause bleiben um dann den Vorteil einer betreuten Wohneinrichtung zu sehen? 

Oder gewöhnt sie sich wieder an den Alltag, den wir ihr daheim organisieren?

Natürlich ist ihre Wohnung schön. Natürlich ist die Terrasse ein Traum, wenn erst der Frühling, der Sommer kommt. 

Aber wenn ich tief in mich hinein höre muss ich zugeben daß ich die letzten drei Wochen sehr fein fand ; zu wissen, Mutter ist versorgt und ich kann wirklich nur zu Besuch kommen war eine große Erleichterung. 

Natürlich kann ich meinen Bruder verstehen, der allein beim Wort „ Heim“ schon Magenweh bekommt. 

Fast fühle ich mich in die „ Abschiebe Rolle“ gedrängt.Als wollte ich sie loswerden. Nicht sie will ich loswerden; die Verantwortung, die Sorge will ich loswerden. Die tägliche  Angst um sie will ich loswerden. 

Sie will in ein betreutes Wohnen. Das hat sie selbst gesagt. Aber will sie das morgen noch? Nächste Woche? Will sie das wirklich oder ist es so wie mein Bruder befürchtet: Jetzt im Moment der Einsamkeit und Hilflosigkeit stellt sie es sich gut vor, aber wenn sie einmal dort ist, alle Brücken hinter ihr abgebrochen sind, die Wohnung weg ist, empfindet sie es als Endstation.

Dann ist es die Endstation. Die letzte Wohnstation in einem Leben . Gibt sie dann auf oder arrangiert sie sich?

Beim eigenen Kind trifft man täglich auch weitgreifende Entscheidungen. Aber bei meiner Mutter habe ich so eine Hemmung etwas in Gang zu setzen dass unwiderruflich ein Schritt weg ist. So empfinde ich es : Ein Schritt weg.


Die Gurke

Vier Stunden und sechzehn Minuten. Genau solange glaube ich, alles richtig gemacht zu haben. Vier Stunden und sechzehn Minuten lang bin ich überzeugt, meine Mutter ist in besten Händen, erholt sich, um nach zwei Wochen gestärkt wieder nach Hause zu gehen.

„Kein Luxus, nur Preis.“

War die erste Nachricht die ich am Handy erhalte und die mich Schlimmere befürchten lässt. 

„Kann Lustspiel über Zimmernachbarin drehen“ war die Nummer zwei.

Sie hat sich für ein Zweibettzimmer entschieden, nach den guten Erfahrungen mit dem jungen Mädchen im öffentlichen Spital. 

Die Sanatoriumsleitung findet es eine gute Idee, die Frau Magister zu einer weiteren Frau Magister zu legen.

Aber die beiden „Alpha-Weibchen“ halten es nur eine Nacht miteinander aus.

Am nächsten Morgen bekomme ich einen Anruf von der Sanatoriumsleitung: „Ihre Frau Mutter ist sehr aufgeregt. Es hat einen Streit in der Nacht gegeben. Sie will verlegt werden.“ 

Ich sitze in dem wirklich schönen Kaffeehaus auf dem Dach des Sanatoriums mit einem Rundumblick auf die Stadt.

„So eine Gurkn“ fängt Mutter an ihrem Ärger Luft zu machen

„Dreht mitten in der Nacht alle Lichter auf und reißt mich mit Gebrüll aus dem Tiefschlaf. Ich hätte die Nachtkasterln verschoben“.

Ich muss grinsen, denn wir haben Mutters Nachtkästchen wirklich verschoben,  weil es links stand und sie aber gewohnt ist, rechts nach Tabletten, Buch und Brille zu greifen. Ich habe die ungeschriebene Rangordnung missachtet: Wer Erster im Zimmer liegt, hat das Sagen. 

Offensichtlich haben sich die beiden Damen mitten in der Nacht nichts geschenkt.  Die Nachtschwestern mussten eingreifen. Und ab sofort will Mutter ein Einzelzimmer.

Es ist geräumig mit einem schönen Blick auf alte Bäume gegenüber. Aber sie ist eben wieder alleine. Wie schon zu Hause. 

Hier ist nur der große Vorteil: Sie kann ohne Hindernisse jederzeit in das Kaffeehaus. Das nützen wir aus. „Schau, da sitzt sie, die Frau Magister“ zeigt sie mir ihre Kontrahentin . „So schöne Haare- sicher eine Perücke.Und niemals ist sie 97 Jahre alt…“

Ich freue mich, dass sie offensichtlich am Leben wieder teilnimmt.

Auch körperlich soll es aufwärts gehen:

Der Physiotherapeut kommt zweimal am Tag und animiert sie zur Bewegung. Sie ist noch sehr schwach aber willig. Und das ist das Wichtigste.

Ich bin erleichtert. Sie lobt das Essen, bemängelt die löchrige Bettwäsche, verschenkt Schokolade an die Pfleger und ist vom Arzt begeistert. 

„Du packst es nicht.“

lautet eine weitere Textnachricht am Abend.

„Seit zwei Tagen warte ich in diesem Luxusetablissement auf einen Flaschenöffner für mein alkoholfreies Bier vor dem Schlafengehen. Heute wieder nix.“

Ja, das sind die Probleme,die ich gerne höre! 

Das Krankenhaus

„Scheußlich hier, so altmodisch und verdreckt. Der Boden pickt richtig“, mit diesen Worten betreten wir die Station des Krankenhauses  und  mit diesen Worten empfängt meine Mutter die Schwester, die zur Aufnahme herbeieilt.

Ich schlupfe tiefer in meinen Mantel und versuche mit den Augen Verständnis und Entschuldigung gleichzeitig zu signalisieren.

Die Aufnahme erfolgt schnell und professionell. Eine mehrere Stunden dauernde Infusion, eine Art „Minichemo“ soll die Entzündung im Körper eindämmen und die Schmerzen reduzieren.

Dazu sind zwei Tage Krankenhausaufenthalt notwendig.

Niemals hätte sich meine Mutter dazu bereit erklärt wenn nicht die Schmerzen unerträglich gewesen wären. 

Ihr Arzt kennt sie nur zu genau. „Sie soll auf keinen Fall abschwellende entzündungshemmende Mittel schlucken, sonst kommt sie wieder nicht her“, lautet seine Anweisung und ich bemühe mich. Bemühe mich den Anweisungen des Arztes zu folgen, die Medikation quasi zu überwachen ohne ihr Misstrauen zu wecken. Denn hätte sie gewusst daß Tablette X ihr kurzfristig Linderung verschafft sie hätte sie sofort geschluckt um dann triumphierend auf die Unnotwendigkeit der Infusion hinzuweisen.

Nun sind wir da. In der Annahme, es sei natürlich ein Ein-Bett-Zimmer reißt sie die Tür des ihr zugewiesenen Raums ohne Anklopfen auf. Mit dem Rücken zu uns  steht ein zartes junges Mädchen im klassischen Spitals outfit, das Hemdchen klafft hinten weit auseinander. Beide erschrecken zutiefst.

„Na sehr fein, kein Einzelzimmer und das Bett hier bei der Tür“, murmelt Mutter. Ich entschuldige mich tausendmal. Bei dem Mädchen natürlich. 

Die Erstuntersuchungen und das Aufnahme-Prozedere lenken Mutter gut ab. Ich fahre nach Hause.

Nachmittags dann der erste Anruf. „Ich läute hier jetzt schon seit zehn Minuten und keine der Schwestern kommt“.

Auf ihre Zeitangaben kann man sich nicht wirklich verlassen. („Ich war seit einer Woche nicht auf der Strasse“. „Ich habe drei Tage nichts gegessen“ „ Das Telefon klingelt nie mehr“.)

„Wenn ich jetzt aus dem Bett fallen würde, würde ich die ganze Nacht am Boden liegen“. „Auf diesem dreckigen Boden“, fügt sie noch schnell dazu.

„Mutter, was soll ich jetzt am anderen Ende der Stadt machen. Es kommt sicher bald wer“.

Nächster Anruf. „Dieses Mädchen schaut ununterbrochen fern. Und wenn der Fernseher ausgeschaltet ist, dann hört sie laute Musik. Das halte ich nicht aus“.

„ Mutter, du kannst dich sicher einigen mit ihr. Versuche es“.

Die Infusion verläuft gut. Die Schmerzen sind weg. Euphorischer Anruf am nächsten Tag. „Es geht mir wunderbar. Kommt mich holen“. Und dann erzählt sie noch, dass es so nett war mit der Zimmergenossin der jungen Frau türkischer Abstammung. Sie haben sich so gut verstanden und sie war froh nicht allein im Zimmer zu sein. Und überhaupt…sie fühle sich im Grunde sehr einsam zu Hause….

Auf den Entlassungspapieren steht, dass sie einseitig ernährt sei, Mangelernährt. Das erschreckt mich sehr und ruft sofort massive Schuldgefühle hervor. Für die Angstzustände, die sie dort dem Psychiater geschildert hat hat sie Lavendelöl statt ihre Psychopharmaka bekommen. Und die Tabletten, die als Einschlafhilfe gedacht waren sind durch andere Schlafmittel ersetzt worden. 

Ihr ohnehin sehr sensibler Körper reagiert auf diese Umstellung natürlich prompt. 

Die erste Nacht wieder daheim ist katastrophal. Alles zurück auf Anfang? Sie ist ein Häufchen Elend und ich fasse einen Entschluss:

Es gibt ein wunderschönes Sanatorium am Stadtrand die haben sogar Zimmer frei. Dort soll sie aufgepäppelt werden, wieder gehen lernen… damit sie im Frühling im Park unter blühenden Bäumen spazieren gehen kann.

„Ich geh nur dir zuliebe“, flüstert sie, sichtbar erleichtert.

Das ist mir recht. 

Die Erholung

Zwei Seelen kämpfen in meiner Brust. Eine, die will dass bald alles wieder so läuft wie bisher, dass Mutter sich erholt, zu Kräften kommt und wir uns wieder wie bisher mit der Betreuung von Tag zu Tag hanteln. 

Und die andere Seele, die will abgeben, die sehnt sich nach einer Lösung, bei der Mutter glücklich und in guten Händen ist und der Alltag nicht immer von Tag zu Tag neu zu organisieren ist. 

Sie steht langsam wieder aus dem Bett auf, fühlt sich sehr schwach. Sie möchte ihren Hausarzt kommen lassen. Die Idee eines Sanatoriums, einer Art Kuraufenthalt schwebt im Raum. Sie möchte „aufgepäppelt“ werden. Er soll die nötigen Überweisungen machen.

Ich finde das eine gute Idee.

Der liebenswürdige Arzt kommt gerne zu Mutter. Er mag ihre großzügige Wohnung und schätzt sie als intelligente Patientin.

Wenn sie das wirklich möchte, schreibt er ihr gerne die Überweisung in ein Sanatorium, aber eine Notwendigkeit sieht er nicht. Ein paar kräftigende Mahlzeiten, tägliche Bewegung und die von ihm verordneten Medikamente sollten sie bald wieder fitter werden lassen. Sie ist glücklich. Sein Optimismus steckt sie an.

„Weißt, ich möchte möglichst lange meine Unabhängigkeit behalten“ haucht sie ins Telefon.

Ich schreie… innerlich laut, ins Telefon etwas leiser „Deine Unabhängigkeit ist abhängig von uns, von mir. Du bist nicht unabhängig.“ Und erstmals rede ich mir meine Sorgen von der Seele. Ich sage ihr, dass ich mich so verantwortlich fühle, dass es mich zerreißt vor Kummer sie nicht gut versorgt zu wissen. Ständig zu überlegen, wer geht wann einkaufen, was sie wohl essen mag und ob sie genug Besuch hat ist sehr belastend, dass ich leide, wenn ich höre, sie fühlt sich einsam und dass ich fast zornig werde bei dem Satz „Es geht ja niemand mit mir spazieren“. 

Sie hört sich alles still an. Schweigt. Und sagt dann mit Grabesstimme „Ich glaube du solltest jetzt ein paar Tage nicht kommen“, um dann hinzuzufügen „Damit du dich erholen kannst…“

Es ist Freitag Nachmittag und ich bespreche mit meinem Bruder seinen Wochenend-Einsatz. 

Samstag fragt er an ob sie etwas brauche. „Nein“. Kurz und bündig. 

Sonntag lässt er sich nicht abhalten und geht mit einer Suppe zu ihr. „Von deinen Suppen ist mir übel geworden. Deswegen war ich auch so krank die letzte Woche“. Peng

Fast habe ich Hemmungen, das so niederzuschreiben, weil mir mein Bruder schrecklich leid tut. Aber es kommt noch schlimmer: 

Sie fühlt sich elend und bittet ihn, einen Arzt anzurufen. Er gibt zu bedenken: Ein Notarzt am Sonntag Nachmittag wird sie wahrscheinlich in ein Krankenhaus bringen, aber wenn sie möchte, ruft er gerne an.

„Nein, auf keinen Fall“, sie ist ausser sich allein beim Gedanken daran . Sie geht in kein Spital, er soll auf keinen Fall anzurufen.

Ein wenig später fügt sie hinzu: „Und wenn ich jetzt sterbe, bist du schuld, weil du nicht angerufen hast“.

(Meine „Erholung“ ist übrigens Montag Vormittag zu Ende. )

Die Bergtour

Das war ein Spaziergang bis jetzt. Sozusagen. 

Nach massiven Schüben gleich zweier Autoimmunkrankheiten ist es eine Bergtour geworden. Im Schneegestöber. In Sandalen.

Wie konnte ich nur glauben, daß es so weiter geht wie bisher.

Ein bisserl den Alltag organisieren, Arztbesuche einfädeln, Mahlzeiten vorbeibringen, Kaffee am Nachmittag, die Langeweile vertreiben, Beschwerden, Schmerzen und Sorgen anhören und versuchen sie zu lindern.

Nun liegt sie da und steht nicht auf. Will nicht aufstehen. Kann nicht aufstehen.

Will auch nicht den Arzt rufen aus Sorge dann ins Spital zu müssen. 

Gleichzeitig bekomme ich eine Liste diktiert mit all den Sachen die ich beachten müsse, wenn sie ins Spital kommt.

Ein Widerspruch? 

Ich koche Käsepappeltee, zerdrücke eine Süsskartoffel mit Butter und Salz und versuche sie zum Essen zu animieren. In den zwei Tagen, die ich nicht bei ihr war, hat sie nichts gegessen. Sagt sie. Genau weiß ich es nicht. 

Ich möchte sie einpacken, zu mir nach Hause nehmen und sie versorgt wissen. Das will sie aber nicht. Ich habe kein Bett mit Einstiegshilfe, keine ebenerdige Dusche, und ihre Sachen und überhaupt…

Ich kann meine Mutter verstehen,bin aber ratlos.

Jetzt, wo es ihr wirklich schlechter geht als je zuvor, körperlich schlechter, scheinen die psychischen Probleme in den Hintergrund getreten zu sein. Sie kämpft mit ihrem Körper, sie kämpft ums Aufstehen, um das „Ins Bad gehen“  können, ums Schlucken beim Essen, um Schwindel und um Schmerzen bei jeder Bewegung. Da bleibt kein Platz für „ich bin so einsam, niemand liebt mich ,niemand ruft an“

Ich habe das Telefon in der Nacht neben meinem Bett und hoffe auf keinen Anruf. Ich laufe in der Früh zu ihrer Wohnung und möchte sie fröhlich am Tisch sitzen sehen, bin aber so erleichtert, sie überhaupt lebend zu sehen. 

Ja, das ist die Angst: In die Wohnung zu kommen und sie ist nicht mehr da.

Eine treue Haushaltshilfe kommt einmal in der Woche. Das ist heute. Was morgen ist, darüber will sie nicht nachdenken. Sie will auch keine 24 Stunden Pflege, weil ständig wen um sich herum, das hält sie nicht aus.  Also doch wieder die tägliche Betreuung durch den Pflegedienst, Schlüsselkastl hin, Fremde in der Wohnung her…?

Sie will nicht. Kann man sie zwingen? Ich höre von Bekannten, die Pfleger werden oft nicht in die Wohnung gelassen, weggeschickt. Würde sie das machen? Hat sie noch die Kraft dazu?Und was dann? 

Ein Gespräch vor vielen Monaten fällt mir ein. Sie will nicht mehr leben. SO will sie nicht leben, hat sie gesagt. So eingeschränkt, so an die Wohnung gefesselt, so abhängig. Sie wisse um die Schmerzen die kommen werden, um die Beschwerden die ihre Krankheit mit sich bringt und die auch zum Ende führen. Ich war sehr hart: „So darfst du nicht reden. Wir bemühen uns alle daß es dir gut geht.“

Nun liegt sie eingepackt im Bett und flüstert: „Ich darf ja nicht sagen, daß ich nicht mehr will“. „Mutter, du darfst alles sagen…“

Der Heilige Abend

Der Heilige Abend fängt bereits am Nachmittag an. Da  sitzt Mutter mit den Enkerln in meiner Küche und wartet.

„ Das dauert aber lange heute bis das Glockerl klingelt?

„ Also mehr als drei Lieder bitte nicht singen “

„ Ich hab so einen Hunger. Können wir nicht jetzt essen“?

Nein, da jammert nicht meine dreijährige Enkelin sondern meine Mutter.

Wann wird man wieder zum Kind? Nicht zum staunenden Kind, nicht zum glückselig lachenden Kind sondern zum unbeherrschten, ungeduldigen, zum „ ich will alles und das sofort“ Kind?

Wann habe ich den Zeitpunkt bei meiner Mutter versäumt?

Warum ist mir nicht aufgefallen,dass sie genauso nervös und aufgeregt ist am Heiligen Abend wie meine Enkel? Aber doch aus anderen Gründen.

Kinder, die muss ich jetzt nicht groß erklären. Sie versuchen einen Blick ins Weihnachtszimmer zu erhaschen, spitzen die Ohren um das Glockerl nicht zu überhören und rutschen aufgeregt kichernd auf den Knien durchs Vorzimmer.

Mutter sitzt in der Küche, nippt am „ ich trinke sicher keinen Alkohol“ Champagner und versucht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Indem sie unglücklich, ja fast verzweifelt schaut und immer wieder betont, wie schlecht sie sich gerade heute fühlt. Das ist kein guter Zeitpunkt, weil ja doch jeder von uns nur ein leuchtendes Paar Kinderaugen erhaschen will.

Es hat schon so ein wenig was von „ jetzt habe ich mich extra auf den Weg hierher gemacht und nun kümmert sich keiner“. Alle anderen ignorieren es aber ich fühle mich schuldbewusst.

Auf Kinder nimmt man Rücksicht und legt den Heiligen Abend so an, daß sie möglichst viel davon haben. Aber was ist mit den älteren Menschen? Mutter will wie jeden Tag früh Abendessen und früh ins Bett aber trotzdem Weihnachten mit uns allen erleben. Für die Babys damals hat man das abgestimmt. Hatte Einladungen abgelehnt, Abendessen vorgezogen und das Glockerl klingeln lassen zu einer Uhrzeit wo in andren Haushalten der Baum noch im Netz eingewickelt am Balkon stand.

Von einer Erwachsenen erwartet man Flexibilität im gewohnten Tagesablauf. Aber ab wann wird man wieder quasi zum Kind, ab wann wäre Rücksicht angesagt?

Wenn sie nicht so fordernd wäre…Das ist mir jetzt so herausgerutscht und wenn ich länger darüber nachdenke dann ist es das wohl. Man macht alles gerne, wenn man sieht, es ist notwendig. Gut, aber andererseits will sich Mutter nicht gehen lassen. Sie will daß man Rücksicht nimmt, weil sie sich schwach fühlt aber niemand soll es merken. Sie will bestimmen wie und wo und wann, aber aus einer Stärke heraus die nur als Forderung beim Gegenüber ankommt. . Das geht sich oft nicht aus.

Sie drängt zur Bescherung. Im Namen der Kleinen, versteht sich.

Die rutschen aber glücklich und entspannt vor dem Wohnzimmer umher, weil….die Vorfreude ist oft am Schönsten.

Als die letzten Familienmitglieder endlich eintreffen, schiebt sie diese fast noch im Mantel zur „Weihnachtstüre“.

Das Glockerl soll endlich klingeln und als es soweit ist, ist sie noch vor den Kindern im Zimmer.

Wir sind eine unmusikalische Familie. Kein Flötenkonzert, keine Klavierdarbietung aber alle singen begeistert sämtliche bekannten Weihnachtslieder,meist nur die ersten zwei Strophen, die dafür doppelt so laut.

Zumindest war es bis jetzt immer so. Nach dem zweiten Lied möchte Mutter aufhören zu singen. Das heisst, sie möchte daß wir alle aufhören.
„Viel zu viele Geschenke sind da. Schrecklich“ sagt sie

“Das dauert ja wieder ewig, bis die alle ausgepackt sind“ meint sie.

Während die Kinder noch beschäftigt sind, stürmt sie schon den Esstisch und wartet auf die Vorspeise.

Der Abend endet für sie wie sie es wollte: früh. Er endet noch vor der Nachspeise, denn da steht sie auf und will gehen. Und während ich sie mit dem Auto nach Hause fahre, bedankt sie sich überschwänglich für den netten Abend. Sie bedankt sich so lieb, daß ich mich frage ob sie die Spannungen überhaupt gespürt hat? Oder ob sie in ihrem Bemühen , ihre Schwäche herunterzuspielen so sehr auf sich selbst konzentriert war daß sie sonst nichts wahrgenommen hat?

Der Therapeut

…und hat mit großer Geduld ihr Leiden bis zum Ende ertragen. „Das könnt ihr nie in meiner Todesanzeige schreiben“ , sagt Mutter. „Denn ich ertrage es nicht und ich weiß, ich bin dabei sehr ungeduldig“.

Aber wie geht man um mit einer Krankheit, bei der es nie mehr besser sondern kontinuierlich nur schlechter wird? Bei der man nicht sagen kann: “ Wenn ich mich erholt habe, dann….“ oder “ Ich brauche nur ein bisschen Zeit, das wird schon wieder…“ 

Annehmen? Damit leben lernen? Sich dem Schicksal fügen?

Das sind alles Schlagworte die man in diesem Zusammenhang hört. Aber nicht jeder hat die Kraft, die Geduld und den Willen sein gewohntes Leben einfach aufzugeben , seine Krankheit anzunehmen und sich so dem Unausweichlichen zu fügen.

Medikamente können aber dabei helfen. Sie nehmen den Emotionen die Spitzen, machen ruhiger ,relaxter und ja, vieles lässt sich dadurch leichter ertragen.

Medikamente sollen aber nicht die einzige Lösung sein. Wir meinen, eine Theraphie könnte helfen herauszufinden, warum sie so sehr hadert mit ihrem Schicksal. Warum sie „ krank – alt – nutzlos “ in einem Atemzug sagt und auch so meint.

Der Therapeut, den wir suchen, muß sich in unmittelbarer Gehweite befinden und Erfahrung mit chronischen Krankheiten haben.

Dr.M hat die Ausbildung im zweiten Bildungsweg gemacht, vorher in der Pflege gearbeitet und scheint sehr einfühlsam.

Nach dem dritten Besuch ist Mutter fahriger, nervöser und unruhiger denn je. Sie schläft nicht gut. Sie hat jede Nacht Albträume.

Ich verstehe es erst nach einer Weile.

In den Sitzungen haben sie über ihre Kindheit geredet, über die Beziehung zu den Eltern, zum Vater. Das war keine glückliche Kindheit, keine unbeschwerte, wie auch, mitten im Krieg. Die Beziehung zum Vater war konfliktreich, fast bis zu seinem Ende.

All das war Jahrzehnte gut verdeckt und durch ein arbeitsreiches Leben erfolgreich verdrängt worden.

Nun ist ihr Vater auferstanden und setzt sich jede Nacht an ihr Bett. Sie erlebt Diskussionen, die sie so wahrscheinlich nie geführt hat und Gespräche die nie stattgefunden haben. Sie ist plötzlich wieder das kleine Mädchen in der Abhängigkeit ihres mächtigen Vaters. Unliebsame Erinnerungen kommen hoch und rauben ihr den Schlaf.

Der Therapeut sucht den Grund für das „ nicht annehmen können“ in ihrer Kindheit. Er mag da sicher auf dem richtigen Weg sein,  aber es geht gründlich schief.

„ Jetzt muß ich mich nicht nur mit meiner Krankheit beschäftigen sondern auch noch mein Elternhaus aufarbeiten.“ Mutter ist verzweifelt. Ihr fehlt die Kraft für beides und sie will die Therapie sofort abbrechen. Sie ist überzeugt: es muß nicht alles zerredet und aufgearbeitet werden. Bei manchen Erlebnissen aus der weit entfernten Vergangenheit ist es gut nicht daran zu rühren. Außerdem weiß sie sicher : Bis sie zu einem Ergebnis kämen , wäre sie eh schon tot. 

Ein Abbruch der Therapie scheint mir nicht ideal: „Nutze doch die Gelegenheit um mit einem jungen Mann zu plaudern“ . locke ich sie. So geht sie weiter zu den Sitzungen, aber sie plaudern über….ja über was eigentlich?

Offensichtlich haben sie sich auf Themen geeinigt ,die beide positiv  erlebt haben. Doch das geht nur kurze Zeit gut. 

„ Ich zahl doch nicht einen Haufen Geld um mit einem fremden Menschen über die 60-er Jahre zu quatschen“ meint Mutter, „ das kann ich mit dir genauso reden“ . Sie sagt die weiteren Stunden endgültig  ab.

Nun bin ich auf der Suche nach einer Beratung für Angehörige um zu verstehen und um zu lernen mit Krankheiten umzugehen, die früher oder später zum Tod führen. Wie erfolgreich ich dabei bin, das ist eine andere Geschichte.

Das Alter

„Das erste Mal so richtig alt gefühlt hab ich mich, als mir an einer Baustelle niemand mehr hinterher gepfiffen hat“. 

„Mutter… das kannst du heute nicht mehr so sagen! Du liest doch Zeitungen, du kennst die „meToo“ Debatten. Ausserdem definieren sich Frauen heute nicht mehr über solche Äußerlichkeiten.“

„Blödsinn“, mit einer Handbewegung wischt sie jedes Argument vom Tisch. „Glaubst du heute ist es anders als vor 50 Jahren? Jeder will lieber ein junges Mädchen sehen als einen alten Tattergreis wie mich.“

Von einem „Tattergreis“ ist sie weit entfernt. Und das weiß sie auch. 

Mutter legt Wert auf Äußerlichkeiten. Bei sich und bei Anderen. Das heißt nicht, dass sie oberflächlich ist. Aber der erste Eindruck ist wichtig. Da ist sie ganz alte Schule: Geputzte Schuhe, guter Haarschnitt und kein Mantel der voller Futzel und (Hunde)haare ist. Sie geht nie mit dem „Hausgewand“ auf die Straße. Auch Mantel und Schuhe müssen zusammen passen. Das Handtaschenproblem hat sich dank flottem, roten Körbchen am Rollator erübrigt. 

Sie beobachtet sich genau. „Die Augen werden immer kleiner“ klagt sie und zieht mit immer noch geübter Hand einen Lidstrich.

„Und im Alter verschwindet die Unterlippe irgendwie im Mund und die Mundwinkel hängen. Schau dir einmal die alten Frauen auf der Straße an. Die wirken alle grantig oder traurig. Dabei sind es oft nur diese hängenden Mundwinkel“. 

Sie versucht bewußt dagegen zu steuern  und geht auf der Straße mit erhobenen Kopf und lächelt… „Na, mehr hab ich nicht gebraucht“ schimpft sie dann. „Jetzt halten mich alle für die ständig blöd grinsende Alte von Tür elf, die sicher nicht ganz richtig im Kopf ist“.

So mancher mag sich jetzt denken: Na, wenn man kaum mehr Luft bekommt und unerträgliche Schmerzen hat, sind hängende Mundwinkel das allerkleinste Problem.

Das ist ja klar, aber darum geht es auch nicht. Wenn Mutters Schmerzen überhand nehmen und sie das Bett nicht verlassen kann, dann ist der Lidstrich wirklich egal. (Auch wenn der fesche Hausarzt kommt. Obwohl, da geht dann schon ein bisserl was…) 

Es geht um die Anerkennung des Alters, um die Schönheit im Alter, um die Würde und den Wunsch vieler alter Menschen wahrgenommen zu werden, angeschaut, angelächelt zu werden. Und der Wunsch zu gefallen hat ja kein Ablaufdatum.

„Wenn ich nach einem schönen Traum am Morgen in den Spiegel schaue, schrecke ich mich“ erzählt sie. „Ich kann kaum glauben, dass dieses alte Gesicht meines ist. Ich hab die Runzeln und die Falten schlicht vergessen“. Der Körper altert, aber die junge Frau die man einmal war, verlässt uns nie.

Mir war das nie so bewußt. Aber seit ich mit meiner Mutter diese Dinge erlebe und sie auch sehr offen darüber spricht, ertappe ich mich, wie ich älteren Damen in der Straßenbahn liebevoll zulächle wie ich kleine Komplimente verteile und immer ein strahlendes Lächeln zurückbekomme.

Meine Mutter ist überzeugt: Ältere Frauen werden in unserer Gesellschaft kaum wahrgenommen; und die alten Frauen, die sind unsichtbar. 

Der Rollstuhl

Einmal noch durch Blätter rascheln, durch Schnee stapfen. So bescheidene Wünsche und doch nicht zu erfüllen.

Nach einem Sturz ist Mutter verunsichert und ängstlich. Und es muss nicht nur das Selbstbewusstsein, auch die Muskeln müssen wieder aufgebaut werden.

Wir besorgen einen Rollator für die Wohnung und einen Rollstuhl für die Ausfahrten. Mit dem Rollator soll sie in den eigenen vier Wänden üben, auf und ab gehen, bei jedem Schritt etwas zum Festhalten haben.

Ich gebe es zu: freue mich auf die Rollstuhl-Ausfahrten. Kein ängstliches, an meinem Arm geklammertes, langsames Spazierengehen sondern ein flottes Marschieren, die Mutter warm,  sicher und wohlbehalten vor mich herschiebend. 

Ich sehe sie im Rollstuhl sitzen, aufrecht und elegant, eine karierte Decke um die Mitte, ein Urenkerl auf den Knien. Ich sehe uns in Konzerten, im Theater und im Kaffeehaus, plaudernd über den Zeitungen sitzen.

Nach langem Überreden ist Mutter bereit, dem Rollstuhl eine Chance zu geben. Das erste, sehr überraschende Hindernis: der Rollstuhl passt nicht in den Aufzug. Sie muss daneben stehen, der Stuhl leicht zusammengeklappt. Es ist fast unmöglich für sie den Liftknopf zu erreichen. Ich drücke das „E“ für Erdgeschoss durch die schnell schließende Lifttüre und rase sechs Stockwerke über die Stufen hinunter, um unten eine zitternde Mutter in Empfang zu nehmen. Das geht so nicht. Und Ausfahren möchte sie jetzt sowieso nicht mehr. Also wieder retour hinauf. Diesmal lasse ich den Rollstuhl gleich unten und bringe ihn zum Umtausch ins Geschäft. Mit dem leichtesten, kleinsten und lifttauglichen Modell komme ich wieder.

Sie übt fleißig gehen mit dem Rollator, macht das wirklich gut, aber ich spüre, irgendwas bedrückt sie .

„Ich muss jeden Tag beim Aufwachen weinen“. Weil der erste Blick in der Früh auf den Rollstuhl im Vorzimmer fällt. „Da wird mir meine Gebrechlichkeit so bewußt“.

Ich bin sehr betroffen und wir beschließen den Rollstuhl zusammenzuklappen und für sie unsichtbar hinter der Garderobe aufzubewahren. Doch das reicht nicht. Allein die Anwesenheit bedrückt sie und bringt sie zum Weinen. Nach einiger Zeit bringe ich ihn ungebraucht ins Geschäft zurück.

Sie traut sich mit den Rollator auf die Straße. Geschickt manovriert sie das Gefährt an den abgeflachten Gehsteigkanten über die Fahrbahn. Sie rast und ich komme, den alten Hund hinter mir her ziehend, kaum mit. Die flotte, rote Tasche vorne ist sehr praktisch beim Einkauf. 

Leider will sie niemals mehr ein Kaffeehaus betreten.Und ins Kino will sie auch nicht.„Wohin soll ich denn das blöde Ding da abstellen“.

„Das blöde Ding“ schenkt ihr ganz viel Beweglichkeit und auch Freiheit, aber sie geniert sich. Die Straße auf und ab, der Supermarkt, das geht, aber die Orte der vergangenen Zeit, die Kaffeehäuser, das Theater vermeidet sie.

Ich versuche es mit Überreden, mit Bitten und Drohen. Aber Mutter ist stur. 

Ich kann  ihre Ängste nicht nachvollziehen und bin überzeugt davon ein Besuch im Kaffeehaus oder im Kino würde für sie eine schöne Abwechslung in ihrem Alltag sein, ja sie ihrem gewohnten früheren Leben näher bringen. 

Ich soll viele Hürden für sie bewältigen, Entscheidungen treffen, Hindernisse aus den Weg räumen aber letztlich ist sie eine eigenständige Person.

Diesen Balanceakt zwischen ständiger Verfügbarkeit und Hilfestellung meinerseits und Mutters starken eigenen Willen andererseits muß ich noch üben.

Die Mahlzeit

Kochen war nie Mutters Königsdisziplin. Untrennbar mit meiner Kindheit verbunden:

„Kochsalat mit Erbsen“ (kennt das noch wer?). Sie hat nie gern gekocht, stand aber doch fast jeden Tag notgedrungen am Herd.

Mit zunehmenden Alter hat aber ihre Lust, überhaupt zu kochen, abgenommen. Das ist verständlich. Es erfordert von einem kranken Menschen sehr viel Disziplin, sich jeden Tag selbst ein Essen zuzubereiten und es auch alleine zu essen.

Eine Zeitlang waren die Mittagsmenüs in diversen Gaststätten eine gute Alternative. Aber seit sie nicht mehr so gern außer Haus geht und der Mittagsschlaf unmittelbar nach dem Essen so wichtig geworden ist, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.

Die Einrichtung „Essen auf Rädern“ ist großartig. Frische Menüs, die man sich aussucht, werden direkt zugestellt. 

Wenn es doch so einfach wäre. 

Da ist erst einmal die Hürde des Bestellens zu überwinden. Die Wunschspeisen müssten online wöchentlich deponiert werden. Das kann ich für sie tun . „Ich weiß doch heute nicht, was ich übermorgen essen möchte “, jammert Mutter und überhaupt: Wohin mit den Speisen, die gekühlt einmal in der Woche geliefert werden. Ihr Kühlschrank ist klein, ihr Tiefkühler nur ein Eisfach. Es gibt auch die Möglichkeit einer täglichen Lieferung. Das bringt jedoch ein weiteres Problem mit sich: 

Die Zustellungszeit ist mit „von….bis“ angegeben. 

Mutter befürchtet, daß sie die Türglocke nicht hört. Das bedeutet dann, daß sie sich ab, sagen wir 10 Uhr, in den Vorraum auf einen Hocker setzt und wartet bis das Essen geliefert wird. Und wenn es dann endlich läutet, ist sie ein Wrack. Nervlich so am Ende, daß sie keinen Bissen hinunterbekommt.

Wir  beschließen die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Mein Bruder, der nur sonntags zeit zum Kochen hat, soll sie mit Vorgekochtem bis Mitte der Woche versorgen, dann übernehme ich.

Wir besorgen hübsche Glasbehälter, gut stapelbar und mit leicht zu öffnendem Verschluss.

Sonntag Abend wird der Kühlschrank gefüllt. Mit Linseneintopf. Den wärmt sie sich Montag Mittag auf. Dienstag: Linseneintopf. Mittwoch… ich höre es schon an der zaghaften Stimme am Telefon… „Linsen, zwar  gesund und nahrhaft, aber dreimal hintereinander, das kriegt kein Mensch runter“.

In der zweiten Woche probiert es mein Bruder mit Gemüse, variabel zu Nudeln oder Reis. 

Mitte der Woche finde ich einen sehr vollen Kühlschrank und eine sehr unglückliche Mutter vor. 

Dazu ist folgendes zu sagen. Ganz unüblich für ihre Generation sind für meine Mutter Vorräte äußerst belastend. Alles aufgebraucht, alles verwendet, keine Reste, ein leerer Kühlschrank, das ist der ideale Zustand. Da freut sie sich. „Wenn nichts da ist, kann auch nichts schlecht werden“.

In der dritten Woche ist mein Bruder schon ein bisschen weniger enthusiastisch was die Kocherei betrifft und ab der vierten Woche kommt nur mehr gelegentlich und auf Wunsch ein Glaserl  Vorgekochtes.

Ich habe es da ein bisschen leichter. Ich stelle mir vor, daß ich vom täglichen Mittagessen etwas abzweige und ihr bringe. Leider habe ich dabei nicht bedacht, daß meine Mutter nur zwischen halb zwölf und zwölf Uhr Mittagessen kann. 

Die strengen Essenszeiten sind von der Medikamenteneinnahme abhängig. 

An manchen Tagen gelingt es mir, bis elf Uhr ein Mittagessen zu kochen, aber nicht immer. Und vom Vortag Gekochtes soll die Ausnahme sein. 

Nun stehen wir wieder am Anfang. 

Die momentane Lösung ist nur eine vorübergehende. Wir hanteln uns von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Gelegentlich bringt mein Bruder was vorbei; dann wieder ich. Enkel kochen mit ihr in ihrer Küche und manches Mal wird eingekauft und sie bereitet sich selbst etwas zu. Das funktioniert im Moment ganz gut.

Aber das alles basiert auf einem fein gesponnenen Familiennetzwerk, daß nur solange hält solange die Fäden nicht reißen.

Ich schätze die Entlastung durch die Familie sehr, aber ich spüre auch das Gewicht dieses fragilen Netzes, in dem meine Mutter hängt und sich festklammert.

Der Besuch

„Der schönste Besuch ist der, den man kurzfristig abgesagt hat“ meint Mutter. Das muß sie mir erst einmal erklären.

Sie lebt allein. Das möchte sie auch. In jungen Jahren hat sie die klassische Vater- Mutter- Kind Konstellation gelebt, um dann in der zweiten Ehe auf getrennte Wohnungen zu bestehen. Die persönliche Tagesstruktur, die freie Entscheidung der Mahlzeiten, der Freizeit, das ist ihr bis heute wichtig.

Aber ein nur auf die eigenen vier Wände reduzierter Alltag ist etwas ganz anderes als ein seliges Durchschnaufen nach einem langen Arbeitstag.

Sie ist einsam. Sie fühlt sich einsam. Einsam sein heisst für sie am Abend alleine schlafen gehen und in der Früh alleine aufwachen. Unabhängig davon wie der Tag verlaufen ist.

So bekomme ich abends oft noch einen Anruf.“ Es ist so still“.“ Aber ich bin doch grad eben erst weggegangen“ „Ja, es war nett mit dir, aber jetzt, jetzt ist es so still hier“. Oder ich sitze noch beim Kaffee mit ihr und sie sagt ganz unvermittelt.“ Nun bin ich schon traurig, weil du bald gehst und ich werde gleich alleine sein.“ In solchen Augenblicken ist es sehr schwer aufzustehen,  seinen Mantel anzuziehen und nach Hause zu gehen. Ich möchte bleiben. Ich möchte aber auch flüchten. Davonlaufen vor der Traurigkeit, für die ich mich verantwortlich fühle, vor der Einsamkeit, die ich ja scheinbar durch mein Weggehen verursache.

Das Angebot,  zu mir zu ziehen, lehnt sie nach wie vor ab. Sie möchte sich ihre Unabhängigkeit beibehalten. Das ist ja grundsätzlich sehr lobenswert. Nur: Durch ihre (scheinbare) Unabhängigkeit wird meine Abhängigkeit immer größer.

Andere Familienmitglieder besuchen sie auch. Nicht untereinander   abgesprochen, wodurch sich oft skurrile Situationen entwickeln. „Ich war seit einer Woche nicht auf der Straße“ höre ich von Mutter und bin sofort alamiert und voll schlechtem Gewissen. Es stellt sich jedoch schnell heraus,daß sie am Vortag sehr wohl spazieren war, wenn auch nur ganz kurz, wie sie betont.“ Er war nur ein kleines Viertelstündchen da“ heißt es dann von einem anderen Besuch. Nach Rücksprache stellt sich jedoch heraus, das es nicht ganz so war wie sie es erzählt. Es ist nicht die Vergeßlichkeit des Alters. Ihr Geist ist wach. Was ist es dann? Möchte sie jedem Einzelnen von uns das Gefühl geben, unersetzlich zu sein? Oft denke ich, sie spielt uns gegenseitig aus um  so ein Gefühl der Nähe zu vermitteln.

Sie hat auch Freundinnen die sie besuchen wollen. Das ist nicht so einfach. Sie möchte nicht über ihre Krankheit reden, aber der Kreis der Eingeweihten ist sehr klein. Auch die, die Bescheid wissen, haben Schwierigkeiten mit der plötzlichen Müdigkeit, der abfallenden Konzentration und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Und da auch die Freunde schon ein fortgeschrittenes Alter und daher diverse Wehwechens haben ist ihre Geduld endenwollend. 

Diese Besuche strengen sie auch ungeheuer an. Einerseits. Andererseits sind sie eine willkommene Abwechslung. Glaube ich, werde aber eines besseren belehrt.

Wenn tagelang niemand anruft( und mit „niemand“ ist kein Familienmitglied gemeint, aber das ist eine andere Geschichte) dann fühlt sie sich von der Welt vergessen. Meldet sich dann doch wer telefonisch für einen Besuch an, steigt die Nervosität.

Sie muß absagen. Das schafft sie nicht. Zu anstrengend. Davon wird sie sich nie mehr erholen. Niemand kann doch ahnen wie schlecht sie sich fühlt.

Sie steigert sich so lange da hinein bis sie zum Hörer greift und den angekündigten Besuch absagt. Erleichtert ist sie dann,wie befreit. Denn sie ist nicht vergessen worden von der Welt da draußen; sie hätte ja Besuch haben können. Aber es war ihre freie Entscheidung abzusagen.

Es ist sehr still gewordenen ihrer Wohnung. Bald ruft niemand mehr an. Niemand Wichtiges; niemand aus vergangenen Zeiten, keine alten Bekannten, niemand Interessantes. Nur Familie.

Das Bett

„Machen sie ihre Wohnung fit. Barriere und angstfrei durch den Alltag. Von Anzieh-Hilfe für Socken und Strümpfe bis zum Hebekran für Bett und Bad.“ Die Angebote der einschlägigen Firmen lassen mich staunen: Kopfwaschwanne aufblasbar, Trinkbecher Nightwatch (fluoreszierend) oder einen Universalgriff für alle Drehknöpfe im Haus.

Lieber als die Wohnung hätte ich meine Mutter fit. Der Alltag ist mühsam für sie. Kleine Handgriffe sind oft ein großes Problem.

Daher soll  die Wohnung  adaptiert werden. Wir durchstöbern Kataloge und tauchen gemeinsam ein in die uns gänzlich unbekannte Welt der Heilmittelbedarfe.

Fangen wir mit dem Dringlichsten an. Mit der Toilette. Es gibt unheimlich praktische Toilettensitze: so hoch, daß man bequem auf und absteigen kann, mit zwei großen hochklappbaren Griffen links und rechts. Den kann ich sogar selbst montieren. 

Mutter geniert sich. 

Dieser Toilettensitz ist eine wirkliche Erleichterung für sie, trotzdem soll ich ihn wieder abbauen.

Die Sorge: Ihre Besucher würden glauben, sie sei auf solche Hilfsmittel angewiesen.  „Total peinlich“, findet sie.

„Aber du bist ja darauf angewiesen“ entgegne ich. Das hört sie gar nicht gerne. Zwei Tage Schweigen.

Am dritten Tag hat sie sich so gewöhnt an diesen Toilettenaufbau, daß von Abbau keine Rede mehr ist.

Falls es in der Nacht einmal schnell gehen muss, besorgen wir auch eine Zimmertoilette. Spontan taufen wir dieses Teil „ Louis quatorze“: Denn es ist ein wahrhaft königlicher Sessel: royalblau mit goldenen Ornamenten. Gut, die Sitzfläche ist aus grobem Kunstleder und die Ornamente aus Plastik, aber dieser Sessel kaschiert sein wahres Geheimnis gut: nämlich den grauen Eimer der unter der Sitzfläche versteckt ist. Auf Schienen zum leichten hinein und hinausschieben.

„Grauenhaft“ sagt meine Mutter. Niemals wird sie den benutzen (zur Zeit steht „Louis quatorze“ tatsächlich in einem ungenützten Zimmer als Kleiderablage).

Das Bett ist eine große Schwachstelle. Ein Krankenbett muss her mit Aufstehhilfe und einem mit Motor beweglichen Kopf und Fußteil.

Da sie bis jetzt in einem breiten Bett geschlafen hat, möchte sie auf diesen Komfort nicht verzichten. Krankenbetten gibt es aber oft nur als Einzelbett. „Die breiten Betten werden für besonders große, breite und auch schwere Menschen bestellt“, werde ich im Fachhandel aufgeklärt. Und zur Zeit sind keine solchen Betten verfügbar.

Ich mache eine Firma in einem benachbarten Bundesland ausfindig, die recht schnell, aber leider in Einzelteilen das breite Bett liefert und stundenlang zusammenbaut.

Es würde ins Schlafzimmer passen, aber durch die ungewohnt hohen Kopf und Fußteile wirkt das Zimmer plötzlich eng und dunkel.

Das Wohnzimmer wird adaptiert und wir bauen in einer Ecke einen kuscheligen Schlafplatz. Hinter einem Paravent wird das Bett neu aufgebaut. 

Das geht ein paar Nächte gut. „Weißt du“ sagt meine Mutter, „ich vermisse mein kleines Schlafzimmer. Ich hätte doch auch gerne ein Krankenbett dort“.

Plötzlich ist die Bettbreite kein Thema mehr. Sie gibt sich auch mit einem Einzelbett zufrieden. „Das Wohnzimmer-Bett ist viel zu breit. Ich lieg ja eh nur auf der einen Seite“.

Wir bestellen ein zusätzliches Einzelbett. Das Bett wird von einem netten, älteren Herrn geliefert und aufgebaut.

Für wen das zweite Krankenbett denn sei, fragt er, er sehe nicht einen Kranken hier.

Mutter ist fassungslos. 

Ob denn nicht klar ersichtlich wäre, wie krank sie sei…

Der nette Herr sieht eine zarte, ältere Dame vor sich, mit sorgfältig hochgestecktem, weissem Haar, Perlkette und weichem, farblich  abgestimmten Pullover. Sie steht vor ihm, frei ohne Stock oder Rollator, lächelt ihn scheu an und schwankt zwischen Freude und Beleidigtsein.

Freude darüber, daß sie offensichtlich noch so jung und fit wirkt. Beleidigt ist sie aber dennoch. Auch wenn man es ihr meist äußerlich nicht ansieht, ist sie krank. Und als Kranke möchte sie auch von allen wahrgenommen und vor allem respektiert werden.  

Frau Troll

„Stell dir vor“, sagt meine Mutter „du wachst in der Früh auf und vor deinem Bett steht eine wildfremde Person.“

Erschreckende Vorstellung. Da stimme ich ihr zu (sagt irgendwer heute noch  „wildfremd“?)

Nach einem Sturz und einem längeren Krankenhausaufenthalt soll nun regelmäßig in der Früh jemand vorbeikommen um beim Waschen, Ankleiden und Frühstück machen zu helfen.“Und um zu sehen, ob ich die Nacht überhaupt überlebt habe“, sagt Mutter.

In der Stadt gibt es etliche Hilfsorganisationen und wir entscheiden uns für die Heimhilfe einer grossen, bekannten Organisation.

Beim Evaluierungsgespräch, bei dem festgestellt werden soll wieviel Hilfe sie wirklich benötigt, wirkt meine Mutter eloquent, wach und sehr selbstbewusst. Das ist mir fast peinlich. Sollte sie nicht irgendwie hilfsbedürftiger sein, abhängiger wirken?

Sie diktiert dem zuständigen Herrn ihre Vorstellungen: nicht zu früh, gegen neun Uhr, mit Frühstücksgebäck, fünf Mal die Woche.

An der Wohnungstür wird ein Schlüsselsafe montiert. Grundsätzlich eine gute Idee, auch für Familienmitglieder. So muss sie nicht jedesmal aufstehen, wenn es an der Türe klingelt.

Die meisten Heimhelfer holen mit dem Nummerncode den Schlüssel aus dem Safe, sperren in der Früh die Wohnungstüre auf, tasten sich durch die fremde, dunkle Wohnung zum Schlafzimmer vor und stehen eben abwartend vor dem Bett.

„Kennst du das“, fragt Mutter „wenn du spürst, daß da wer steht und dich anschaut?“

Nicht so bei Frau Troll. Bei Frau Troll ist alles anders.

Frau Troll schreit schon während des Türe öffnens laut und kräftig „Guten Morgen Frau Magistaaaaa“ in die stillen Zimmer hinein.

„Zum Tote aufwecken“, kommentiert Mutter trocken.

Frau Troll hat grosse Erfahrung in der Altenpflege. Mit geübten Handgriffen zieht sie meine zarte, kleine Mutter aus dem Bett, aus dem Nachthemd, ins Bad und in die Dusche in scheinbar einer einzigen fließenden Bewegung.

Und bleibt neben der Dusche im engen Bad stehen. Auf die Bitte meiner Mutter, ihr entweder beim Duschen zu helfen oder das kleine Bad zu verlassen, reagiert sie ungehalten. Helfen darf sie nicht, sie darf nur aufpassen. Und um die Zeit nicht unnütz vergehen zu lassen, wischt sie mit einem Putzfetzen am Waschbecken und an den Armaturen herum während Mutter versucht mit dem Rücken zu ihr in der schmalen Duschkabine mit Waschlappen und Seife zurechtzukommen. Das passt gar nicht.

Nach drei Troll-Tagen ruft Mutter bei der Organisation an und verringert die Heimhilfe auf zweimal die Woche. 

Ab und zu kommen Aushilfen, das heisst, in den Augen meiner Mutter schleicht eine „wildfremde“ Person ans Bett und schaut sie abwartend an. Erst wenn sie sich vom Schreck erholt hat, kann mit der Körperpflege begonnen werden.  Meist aber wird sie vom Kasernenton der Frau Troll aufgeweckt.

Die Nerven liegen blank. Sie braucht oft den ganzen Tag um sich von einem Troll-Morgen zu erholen. Das geht so nicht weiter.

Sie möchte anrufen und um eine Ablöse bitten. Jemanden nettes, jemanden, der leise und zart mit ihr umgeht; der sich langsam bewegt und der vor allem nicht immer so schreit. Nach langem Zögern greift sie zum Telefon.

„Das wird schwierig“ heisst es bei der Zentrale „weil aussuchen kann man sich die Heimhilfen nicht.“ Aber man wird versuchen jemanden anderes als die wirklich sehr erfahrende Frau Troll zu finden sagen sie. Zwischen den Zeilen aber kommt klar hervor: Das werden sie bitter bereuen.

Zumindest hört dies meine Mutter hervor, denn augenblicklich stellt sich Panik ein. Was ist, wenn jemand kommt, der noch weniger passt.

„Ich schmeiße die Scheiter weg und bekomme einen Prügel zurück.“

Und was ist das Ende dieser Geschichte? 

Sie will gar keine „wildfremde“ Person mehr in ihrer Wohnung haben. Keine Heimhilfe,  keine Duschhilfe, kein frisches Frühstückskipferl. Und der Schlüsselsafe vor der Wohnungstüre macht ihr auch Angst. Der Nummerncode ist so vielen Leuten nun bekannt befürchtet Mutter. Jeder könnte sich da in die Wohnung schleichen.

Also wird alles abbestellt und der Schlüssel aus dem Kästchen neben der Wohnungstür entfernt.

Trotzdem wacht sie oft noch auf mit dem mulmigen Gefühl: da ist wer, da steht wer vor ihrem Bett und wartet…

 

Das Medikament

Da sitzt ein großer schwarzer Vogel auf den Schultern meiner Mutter und verdeckt mit schweren dunklen Flügeln jede Realität.
Sie liegt im Bett, mag nicht aufstehen, mag nicht essen, mag nicht leben. Aber da ist noch ein Funken schlechten Gewissens in ihr und ich ahne es längst: Sie hat, wieder einmal, ihr Psychopharmakon selbstständig abgesetzt.

Medikamente werden von meiner Mutter grundsätzlich nur nach ihren Nebenwirkungen beurteilt. Und die fangen meist schon beim Durchlesen des Beipacktextes an: Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit.
Aufgrund ihrer chronischen Erkrankung muss sie alle drei Stunden ein Präparat einnehmen, dass die Beschwerden lindert und den Alltag erträglicher macht.
Das schluckt sie auch mit der Sorgfalt und der Präzision der Pharmazeutin, die sie einmal war. Aber leider hat ihre Erkrankung auch einen ständigen Begleiter: Depression.
Und keines der von Ärzten empfohlene Psychopharmaka entspricht ihren Vorstellungen.
Es sind nur die Nebenwirkungen die zählen. Ist sie gelassener, hat sie Kopfschmerzen, die Panik ist weg aber dafür stellt sich Schwindel ein.
Es ist ein immer wiederkehrender fast monatlicher Rhythmus: Sie denkt an ihr durch Krankheit eingeschränktes Leben, hadert mit dem Schicksal, beugt sich immer weiter dem Abgrund entgegen und würde sich am Liebsten sofort fallen lassen.
Der in meiner Panik gerufene Neurologe verschreibt ein Antidepressivum, das sie mindestens acht Tage schlucken muss bis eine Wirkung eintritt. Nach zwei Tagen hat sie das Gefühl, ihr Dasein besteht nur aus einer Woge von Übelkeit und Schmerzen. Nach einer Woche tritt merkliche Besserung ein. Ich bin erleichtert.Wir plaudern, gehen spazieren. Doch nach drei Wochen wirkt die Stimme am Telefon dunkler, leiser. Besuch will sie nicht.
Die ersten paar Male habe ich mich vertrösten lassen.
Es ist schwer alte Muster zu durchbrechen. Da ist die Mutter, die sagt: „das passt schon“und da ist das Kind, das vertraut.
Und auf einmal merkt man, da passt gar nichts. Die starke Mutter gibt es nicht mehr. Da liegt ein kleiner hilfloser Mensch im Bett und ich steh genauso hilflos davor. “Hast du alle deine Medikamente genommen?“. Die Frage kommt mir schrecklich intim vor, fast ungehörig. Dann mit der Zeit wird mir klar: Sie durchleidet die erste Woche mit dem Psychopharmakon und sobald sich eine geringe Besserung einstellt, setzt sie es ab. Glücklich, ohne den üblichen Nebenwirkungen, geht es noch ein paar Tage dahin… bis sich der große schwarze Vogel wieder festkrallt.
Wieder wird der Arzt gerufen, wieder ein Mittel verschrieben, andere Marke, geringere Dosis. Aber ihr Verhalten ändert sich nicht. Es bleibt alles beim Alten: Sobald der Wirkstoff greift, sich ein wenig Lebensfreude einstellt, hört sie auf, die Tabletten zu schlucken.

Wir haben lange Gespräche über den Sinn des Lebens und den Tod. Ich kann als Kind nicht verstehen, das ich nicht genug Lebenssinn bin für sie. Ich bin gekränkt. Andererseits habe ich meine Mutter doch immer bewundert für ihre Selbstständigkeit zu einer Zeit, als es für eine Frau noch nicht üblich war voll berufstätig zu sein und Kinder zu haben. Sie hatte immer ein Leben neben der Familie. Ein Leben das sie nun eben vermisst.

Wir bekommen das von ihr so abgelehnte Medikament irgendwie in den Griff: Sie schluckt eine mikroskopisch kleine Dosis Psychopharmakon und wenn sich der Abgrund trotzdem auftut, Panik sich breitmacht, das Herzklopfen nicht aufhört greift sie zu pflanzlichen Tropfen, auch Notfalltropfen, die ihr das Gefühl geben,  ihr Leben, zumindest für den Moment, wieder zurückzubekommen.

das Grab

Mutter will ein Grab.

Warum also nicht mit dem Ende anfangen?

Sie will in der Stadt begraben werden in der wir alle jetzt leben. Ich fahre mit zwei meiner Kinder zum grössten Friedhof der Stadt. In der Friedhofsverwaltung wird uns ein Lageplan ausgehändigt auf dem die freien Gräber markiert sind. Wir versuchen unsere Beklemmung zu ignorieren und kreisen ungefähr zehn in Frage kommende Stellen rot ein. Dann marschieren wir los. Bäume… Bäume hat sie doch immer schon gemocht und ein Grab unter der mächtigen Eiche, das wäre doch was. Oder hier am Waldrand. Vorne duftende Wiese und dahinter  wie beschützend der Wald… Wir steigern uns richtig hinein, jeder hat Ideen und ein noch schöneres, freies Platzerl gefunden. 

Für das Grab. Meiner Mutter. Die daheim sitzt und auf uns wartet. 

Drei Favoriten festgehalten am Plan und auf Fotos zeigen wir ihr. Sie schwankt zwischen Wald und Wiese oder doch einer schmalen Grabstätte in der Nähe des Ehrenhains, also dort wo viele Ehrengräber liegen. Das muss sie nun doch selbst entscheiden.Mit dem Rollator fährt  es sich zwar schwer am Kies zwischen den Grabreihen aber wir schaffen es. Rechts hinein beim Philosophen Ludwig Wittgenstein… und… jö schau… da drüben ist der Erwin Ringel, den hat sie immer schon sehr geschätzt. Sie fühlt sich hier sofort wohl. Nicht unter der einsamen Eiche sondern hier inmitten den vielen engen Grabreihen möchte sie liegen… weil allein,  sagt sie, das ist sie jetzt eh die ganze Zeit schon. Wir entscheiden uns also für 33 E Reihe 6, Nummer 14. Der Friedhofsverwalter sieht es sehr nüchtern. Zu den üblichen Kosten kommt ein Lebenszeitzuschlag und ausserdem empfehle er der gnädigen Frau doch das Grab gleich auf die Tochter schreiben zu lassen, dann braucht man es später nicht umschreiben.

Die Nummer 14 ist knapp 180×80 cm klein mit Gras bedeckt, das ich nun regelmässig mähen müsste, sollten wir uns nicht gleich für eine Steineinfassung und einen Grabstein entscheiden.

Das geht mir jetzt doch zu weit. Mutter überlegt kurz, einen Rosenstock auf das noch leere Grab pflanzen zu lassen oder Vergissmeinnicht (“meine Lieblingsblumen“). Aber das hat doch wirklich noch Zeit. Ein leeres Grab herzurichten käme mir wie ein Aufbetten, ein Bereitmachen vor. Mutter ist zufrieden. Der Ausflug hat sich für sie ausgezahlt. 

Weißt du, sagt sie dann in der Friedhofs Konditorei bei Kaffee und Torte, dieses Grab ist ideal für mich. Gut erreichbar… weil es auch nicht weit vom Eingangstor entfernt ist – wo sie doch eh so schlecht zu Fuß sei…