Das Wetter

„Und du spürst natürlich wieder einmal gar nichts davon“

Dieser schnell hingeworfene Satz lässt mich in Sekundenschnelle zu einem gefühllosen Wesen mutieren. Nur diese paar Worte und ich bin kalt, unempfindlich und ignorant gegen alles, was da so um mich passiert.

Manches Mal tarnt sich diese Feststellung auch als Frage.

“ Du spürst nichts, oder?“, eine Frage, die Mutter sofort gleich selbst beantwortet:“ Na, eh klar, du hast ja keine Vorstellung davon.“

Damit bin ich ein für alle mal ausgeschlossen vom eingeschworenen Kreis der Wetterfühligen.

Ob Anitas Hoch oder Klaus Tief, Mutter spürt sie alle.

Meist schon bevor sie auf unseren Wetterkarten aufscheinen.

Das macht mich ein bisschen misstrauisch. 

An manchen Tagen hat niemand Zeit, im Kühlschrank sind nur drei  Eier und das Fernsehprogramm spielt Wiederholungen.

Da hör ich schon beim morgendlichen Telefonat.“ Ich weiss nicht was heut ist, mir ist so komisch.“ Ich warte ab, denn wie das Amen im Gebet folgt nun der Satz:“ Du spürst nichts, oder?“

Unabhängig davon ob es stürmt oder mild und warm ist, das Wetter macht Mutter zu schaffen. Und zwar meist wenn niemand bei ihr ist, oft, wenn sonst nichts passiert. Oder ist das nur Zufall? 

Ich habe mich erkundigt: Es gibt keinen kausalen, medizinischen Zusammenhang zwischen Wetter und Wohlbefinden. 

Trotzdem spricht man von Meteoropathie  – der Wetterfühligkeit.

Es ist ja gut wenn das Kind einen Namen hat. Ich habe Klaustrophobie, meine Tochter Agoraphobie. Mir ist schon klar, es ist nicht ganz das Gleiche. Phobien kann man aus dem Weg gehen, das Wetter kann ich schwer vermeiden. 

Ich habe Mutter beobachtet um eine Regelmäßigkeit herauszufiltern.

Sie leidet bei grosser Hitze an Kopfweh, bei starker Kälte an Gelenksschmerzen; ist es föhnig kommt der Schwindel, bei Luftdruckschwankungen schwankt alles. Bei Gewitter tobt es im Kopf, bei anhaltendem Regen macht die Feuchtigkeit zu schaffen. Besonders schlimm ist es beim Wechsel von einem Wetterextrem ins andere. Aber auch wenn längere Zeit gleichmäßige Temperaturen herrschen wirkt sich das auf irgendeine Weise auf ihr Wohlbefinden aus. 

Das Wetter ist natürlich ein dankbarer Sündenbock, denn irgendwas ist immer. 

Ich muss meinen Bruder zitieren, der sagt“ Egal, ob Meteoropathie existiert oder nicht, sie fühlt es so und basta.“

Er hat leicht reden. Der Satz:“ Du spürst wieder nichts, oder?“ perlt  bei ihm ab. Nur  mich umhüllt er wie eine nasse Regenpelerine, zieht mich hinunter wie das Sturmtief Heinz , peitscht mich hoch wie Orkan Eberhard um mich zu beuteln wie der Hagel Franz. 

“ Ich spür es eh, Mutter…“

Die Kränkung

Ich möchte alles richtig machen.

Wenn es eine Unstimmigkeit bei den Medikamenten gibt, rufe ich Mutters Neurologen an um die richtige Dosierung zu erfahren.

Wenn meine Mutter eine schlecht heilende Wunde hat, berate ich mich mit der Apothekerin meines Vertrauens um eine adäquate Behandlung zu ermöglichen.

Und weil ich mit den Stimmungsschwankungen und ihrer Depression, die mit ihrer Krankheit einher geht, so schlecht zurecht komme, suche ich eine Selbsthilfegruppe auf. 

Im Sesselkreis werden Magensonden, Bettpfannen und Tipps zur  Vermeidung von Dekubitus( Wundliegen)erläutert. 

Ich schaue in die betroffenen Gesichter von Töchtern, Schwiegertöchtern und Nichten. Ich fühle mich  äusserst unwohl, fast wie ein Voyeur, eindeutig fehl am Platz. Die besprochenen Probleme treten bei uns nicht auf. Wir haben diese Sorgen noch nicht. 

Es gibt noch etwas das ich in Anspruch nehmen will: Eine  psychologische Beratung für pflegende Angehörige.  Von einer karikativen Organisation, finanziert nur durch Spenden.

Ich melde mich für ein Erstgespräch an und möchte die einzige Person, die meiner Mutter genauso nahe steht wie ich, mitnehmen: meinen Bruder.

Die Psychologin ist leise, weich, rund und – sehr jung. Mir kommen Zweifel. Es ist ein bisschen so wie mit den Kindern: Wenn man noch keine Kinder hat kann man sich die Sorge und die Liebe gar nicht vorstellen. Und es ist auch nicht vermittelbar. 

Weiß diese junge Frau um die Ängste die man um die eigene Mutter haben kann? Kann sie sich die tausend Tode vorstellen die man stirbt, wenn die Mutter nicht ans Telefon geht und auch sonst nicht erreichbar ist? Ahnt sie den Zwiespalt zwischen Tochterliebe und auch der Wut die einen oft überkommt? Kennt sie die Verzweiflung, wenn man wieder und wieder versucht, die eigene Mutter aufzurichten und doch immer wieder scheitert?

Wir geben der jungen Psychologin eine Chance. Mit zarter Stimme fordert  sie uns auf, erst unsere Beziehung zur Mutter in Kindertagen zu schildern. Was war gut. Was war nicht so gut. 

Die Erlebnisse und Erinnerungen meines Bruders decken sich nicht immer mit den meinen. Er ist viel jünger als ich. Er ist ein gewünschtes Kind. Für ihn hat sie sich in reiferen Jahren bewusst entschieden. Ich bin während ihres Studiums, kurz vor ihrer Diplomprüfung eher überraschend da gewesen. 

Aber viele Erinnerungen sind ähnlich. Plötzlich fallen uns beiden immer mehr bestimmte Situationen und Aussagen ein. Nicht nur aus vergangenen Tagen sondern erst kürzlich getätigte.

Mein Schlüsselsatz in dieser Sitzung:“ Ich habe mich so gekränkt, als  sie zu mir gesagt hat, sie würde mir wünschen, dass ich auch einmal solche Schmerzen hätte wie sie, damit ich weiß wie arm sie dran sei…“ Und die Psychologin hat ruhig gesagt:“ Ihre eigene Mutter hat ihnen also Schmerzen gewünscht. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?“

Und aus dem Mund der Psychologin hat es auf einmal noch viel schrecklicher geklungen als es für mich in der Situation damals war.

 Ja, es hat mich gekränkt, aber ich möchte trotzdem nicht, dass andere, fremde Leute schlecht von meiner Mutter denken. 

Ab da war es für mich eigentlich gelaufen. Ich möchte keine professionelle Unterstützung. Ich weiß um die Kränkungen aus Kindertagen. Ich kenne  ihre Sprüche, ihre Ansagen jetzt, im hilflosen Alter. 

Ich möchte alles richtig machen. 

Aber ich möchte mir auch vorbehalten, manchmal echt wütend auf ihre Aussagen zu sein. 

Denn wenn sie einmal gar nichts mehr sagt, bin ich nur mehr traurig. 

Die Schönheit


„An meine Haut lasse ich nur Wasser und …“

Erinnert sich noch wer an diese Werbecampagne?

Wasser und Seife — Das mag ja für einige erstrebenswert sein. Für meine Mutter gilt das nicht. Sie schmiert und cremt für ihr Leben gern. 

Schon in jungen Jahren, so erzählt man sich, war ihr das Gemüse auf dem Bauernmarkt zu teuer.  Für die Cremes und Lotionen aus den Parfümerien und Apotheken  war immer genug Geld übrig.

Und der Aufwand hat sich gelohnt. Bis jetzt ins hohe Alter hat sie eine straffe, ziemlich faltenfreie Haut und ein beneidenswert jugendliches Aussehen. Das sind nicht die „guten Gene“ allein.

Das ist auch das Resultat von jahrzehntelangen eincremen, von einölen und von Masken und Seren. 

Kosmetik hat sie immer schon interessiert. Daran hat die schlechte körperliche und seelische Verfassung nichts geändert.

Eine durch ihre Krankheit vermehrte Talkproduktion lässt ihre Haut glänzen und prall wirken obwohl sie spannt und trocken ist.

Das bringt sie zur Verzweiflung. 

Hat sie im letzten Jahrhundert noch auf die neuesten Innovationen bekannter Kosmetikmarken geschworen, so sollten es heute, krankheitsbedingt sowieso mit Chemie vollgestopft, Naturprodukte sein. 

Selbst Pharmazeutin, möchte sie auf die fachkundige Beratung in der Apotheke vertrauen. 

Es ist ja nicht so, dass es in der Großstadt keine geduldigen Verkäufer gibt.

Aber ich habe das Gefühl, es ist ihr irgendwie peinlich, neben den lebenswichtigen Medikamenten in ihrer Stammapotheke plötzlich auch ein Schönheitsprodukt zu verlangen. So quasi, sie ist alt und krank, so wird sie wahrgenommen, so zart und mitfühlend bekommt sie die Pulver über die Theke gereicht. 

„Darf es außer ihren schweren Präparaten noch was sein?“…“Ja, etwas für jugendliches Aussehen und frische Ausstrahlung…“

Wie frivol ist denn das nun ? Wen will sie damit beeindrucken?

Zum Glück gibt es A. 

A. ist nicht nur eine kompetente Pharmazeutin. Sie ist auch einfühlsam und erfahren. Der großer Nachteil: Ihre Apotheke liegt rund 200 km entfernt in ländlichem Gebiet. 

Ich bin zufällig in der  Nähe und suche ihren fachlichen Rat. A. hat das Problem im Nu erkannt  und stattet mich mit diversen Fläschchen und Proben aus.

Das freut Mutter sehr.

Sie kann schon lange kein  Kosmetikinstitut mehr besuchen. Auch die Friseurbesuche werden für meine Mutter fast so unangenehm wie ein Zahnarzt Termin. Ewiges Sitzen, unnatürliche Körperhaltung und das Resultat unbefriedigend –  eine Kopie Ihres einstigen rotbraunen Haarschopf –  in wenigen Wochen wieder verblasst. 

Heute ist ihr fast ganz weißer Dutt bezaubernd anzusehen.

Sie gefällt sich( auch wenn sie sich oft nicht mag, aber das ist eine andere Geschichte) 

Das Hautserum aus A.‘s Apotheke trägt sie begeistert auf. 

Wen will sie damit beeindrucken? 

Sie möchte in den Spiegel schauen und darin das frische Gesicht von damals  erahnen. Umrahmt von weißem Haar. 

Sie kann nicht aus ihrer Haut heraus, auch wenn sie das oft genug versucht.

Sie soll sich darin zumindest wohlfühlen.

Das Bemühen

„Es geht mir wirklich schlecht. Aber das fällt hier wieder einmal niemandem auf“.

Mutter ist völlig fertig bei unserem täglichen Telefonat.

Während ich noch in den Bergen verweile, geben sich Betreuer und Besucher die Türklinke in die Hand. 

Es dürfte alles gut funktionieren. Sie hat genug Abwechslung. Jeden Tag besucht sie jemand. Bei den Heimhilfen ist zwar die Abwechslung besonders groß (wegen der Urlaubszeit kommt jedes Mal eine Andere) aber auf Freunde und Familie ist Verlass.

Für mich ist es schwer, die total konträren Erzählungen am Telefon zusammenzubringen.

Ihr Schwiegersohn berichtet von einem sehr netten französischen Frühstück bei ihr auf der Dachterrasse. „Ich habe Croissants gebracht, sie hat Milchkaffee in Schälchen serviert. Es war wunderbar. Wir sind in der Sonne gesessen und haben über alles mögliche geplaudert“.

„Wie hat sie ausgeschaut.“ hake ich nach.“ kommt sie dir schwach vor? Gebrechlich?“

Mir wird versichert, alles sei so wie immer. Sie sieht blendend aus, sei fröhlich und sehr interessiert an allem. Allerdings habe er sie ja nur sitzend gesehen. Daher könnte es schon sein, das Mutter schwach auf den Beinen sei.

„ Grauenhaft“ höre ich von ihr etwas später, „Grauenhaft geht es mir. Das Frühstück war sehr nett aber ich habe mich kaum auf den Beinen halten können“.

„Aber du bist ja eh nur gesessen“ bemerke ich.

Schwindlig sei ihr gewesen, übel und überhaupt, ein Mann sieht ja nie, wenn es einem wirklich schlecht geht. Das wisse sie aus Erfahrung. 

Sie sei müde gewesen und habe um Erzählungen gebeten damit sie selber nur zuhören muss weil sie sich zu schwach für lange Gespräche fühle. Das sagt die jüngste Enkelin nach einem Nachmittag über meine Mutter.

Es war ein bisschen anstrengend, weil sie nie zu Wort gekommen ist. Die heutige Jugend ist nur mit sich selbst beschäftigt. Sagt meine Mutter über den selben Nachmittag.

Und was sage ich? 

Ich höre ständig zwei komplett unterschiedliche Geschichten.

Einerseits versichern mir ihre  Besucher alles sei in Ordnung, sie sei guter Dinge, kein Grund zur Sorge.

Spreche ich mit meiner Mutter, so höre ich nur wie schwach sie sei, wie schlecht es ihr gehe und wie sehr sie sich zusammenreißen müsse um überhaupt jeden Besuch zu überstehen.

Mir hilft das in der Ferne nicht wirklich. 

Ich weiß, sie freut und bemüht sich für jeden lieben Menschen der Zeit mit ihr verbringt. 

Diese lieben Menschen versichern mir dann wiederum jedesmal dass ich keinen Grund zur Sorge habe. Alles läuft gut. 

Mutter  will mir zweierlei zu verstehen geben: das sie sich eh bemühe aber daß sie wirklich krank sei…und daß ich eindeutig zu lange schon weg bin. 

Soll ich die täglichen Telefonate einstellen? Ich bleibe nach jedem Gespräch ratlos zurück. 

Alle bemühen sich und vor lauter Bemühen weiß ich erst nicht, wie es meiner Mutter wirklich geht. 

Der Feind

Es ist jetzt mehr als ein Jahrzehnt  seit der niederschmetternden Diagnose vergangen. Vor über zehn Jahren hat sich die Welt aufgehört zu drehen; blanke Angst  hat sich in unser aller Leben breit gemacht: Mutter ist krank. Todkrank.

Es gibt genau beschriebene Stadien, die fast jeder durchläuft, der so ein vernichtendes Urteil erfahren muss. Erst der Schock, dann der Zorn, (warum gerade ich) dann immer noch Wut aber auf einer Verhandlungsbasis( mit der Hoffnung, es könnte sich noch was ändern) die Depression und zum Schluss die Akzeptanz des Unausweichlichen.

Meine Mutter war sehr lange in der Schockphase, die fast übergangslos in die Depression geglitten ist.

Dazwischen ein bisschen Zorn. Ein wenig Wut. Aber mehr auf die anderen, die unbeschwert weiterleben können. Da war viel von „wofür werde gerade ich so gestraft“ bis zu „womit habe ich das nur verdient“.

In diesen Phasen haben wir kaum Zugang zu ihr. Sie führt einen endlosen Kampf gegen sich selbst und gegen ihren Körper. Ist sich selbst der größte Feind und lässt sich keinen Raum für die innere Ruhe, die sie so dringend benötigen würde.

Von der Akzeptanz ist sie noch weit entfernt. 

Aber hieße akzeptieren nicht auch aufgeben? Ist aufgeben auch abschließen? Ist abschließen nicht das Ende?

Ihr größter Vorwurf an mich ist, daß ich mich in ihren Augen nicht einfühlen könne, das ich nicht sehe, wie schlecht es ihr wirklich geht.

Ich schaue meine Mutter an: sie sieht gut aus („ Im Gesicht fehlt mir ja nichts“!) Natürlich bemerke ich die körperliche Schwäche, die Steifheit der Gelenke, die langsamen Bewegungen. 

Ich weiß von den Schmerzen. 

Die Erfahrung mit ihr hat uns aber alle gelehrt, nicht zu sehr darauf einzugehen. Der körperliche Zustand ist schlecht, aber wenn wir uns damit eingehend befassen, wird er noch schlechter. Das mag jetzt zynisch klingen aber man darf nicht vergessen: sie beobachtet sich sehr genau. Man könnte fast sagen, sie verbringt großteils ihrer Zeit damit, sich selbst zu analysieren. 

Bei jedem Besuch bekomme ich sozusagen ein Bulletin über den momentanen Zustand. Das ist auch gut so und wichtig für sie, ihre Schmerzen, Ängste und Sorgen auch in Worte kleiden zu können. 

Aber irgendwann im Laufe des Tages sollte damit Schluss sein. Ablenkung ist gefragt. Befassen wir uns zu intensiv mit ihrem Zustand so verdrängt der „Zustand“ alles andere, dann führt die Krankheit Regie.

Dann ist sie unempfänglich für ein Leben außerhalb ihres eigenen Raumes, außerhalb ihres Körpers.

Aber wer bin ich, daß ich so über ihr Denken und ihre Gefühle spreche? Ihr vorschreibe wie oft und wann sie sozusagen jammern darf?

Hat sie nicht das Recht, sich so lange und so intensiv mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen wie sie möchte?

Es ist ihr Leben um das sie weint. 

Meine Verzweiflung lässt mich härter erscheinen als ich bin. Meine Angst kapselt auch meine Gefühle ein. Ich versuche rational zu handeln und zu denken, bin aber voll Emotion.

Es ist meine Mama um die ich weine.

Die Sommerfrische

Es gibt ein Haus in den Bergen, in dem schon Mutter als Kind ihre Ferien verbracht hat.

Meine Enkel sind nun die fünfte Generation die, eingebettet unter Fichten und Tannen, im Sommer Pilze und Beeren, im Winter Eis und Schnee genießen.

Jeden Sommer fahre ich mit Kind und Kegel, sprich,  mit dem alten Hund, meiner Mutter und den Kindern in dieses Haus. Die Älteste, eben meine Mutter und die Jüngsten, meine Enkel haben praktischerweise gleiche Essens- und Schlafenszeiten, die Tage sind angenehm kühl, das Haus groß genug für alle.

Die Idylle ist nicht immer ungetrübt: Spannungen unter den Generationen ziehen oft unvermutet wie Berggewitter auf und lassen die Luft erst flirren und dann kochen. 

Am häufigsten kracht es zwischen meiner Mutter und einer  meiner  Töchter. Beide buhlen um meine Aufmerksamkeit. Das sollte mich freuen. Tut es aber nicht. Ich flüchte dann in den Wald. 

Dieses Jahr ist alles anders.

Der jüngste Sohn pfeift auf Pilze ohne Internet, der Ältere bleibt in Afrika, die Töchter orientieren sich neu im Leben. Bleiben die Enkel, der Hund und – Mutter.

Sie möchte nicht mit. 

Erstmals hätte sie die Gelegenheit, meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben. Den ganzen Tag. Das Haus ihrer Kindheit mit all den Erzählungen und Erinnerungen wartet.

Sie möchte nicht mit.

Ich verstehe, dass in einem gewissen Alter ein Ortswechsel mühsam und unerwünscht ist…. aber sie kennt das Haus , länger als ich.

Ich verstehe, dass man in einem gewissen Alter auf Bequemlichkeit nicht verzichten möchte….aber sogar ein Krankenbett ließe sich da leihweise hinauftransportieren…

Was das schlimmste sei, das passieren könnte, bohre ich weiter. Ein Sturz? Wir wären schneller im nächsten Krankenhaus als die Rettung in  der Großstadt. 

Ich werde viele Wochen nicht da sein. „ Schrecklich,ich leide jetzt schon“ „ Dann komm doch mit“……

„Wenn du nicht willst, findest du immer einen Grund, wenn du willst findest du einen Weg“ zitiere ich.

Na, mehr hab ich nicht gebraucht.“ Deine Kalendersprüche kannst du dir aufmalen…“ kommentiert sie bissig.

Ich finde nicht heraus, warum sie nicht mit möchte. Erst als sie zaghaft andeutet, „ Was soll ich denn da oben den ganzen Tag machen…“ dämmerts mir ein wenig. Das Haus ist abgelegen. Es gibt keinen Fernseher, kaum Nachbarn. Bis jetzt war das für sie ein Pluspunkt.

Gibt es Lebensabschnittshäuser so wie es Lebensabschnittspartner gibt? Hat jedes Alter nicht  seine unterschiedlichen Bedürfnisse?  Bin ich ganz alleine mit meiner Vorstellung von einem generationsübergreifenden Leben, zumindest in den Ferien? 

„Was soll ich den ganzen Tag da oben machen?“ Gute Frage, zu der mir viele Antworten einfielen: Den Enkeln vorlesen, mit mir kochen, tratschen, in der Sonne sitzen, nicht alleine sein. Das ist ihr zu wenig.

Ich bin zwei Autostunden entfernt. Ihre Versorgung ist organisiert und  im Notfall bin ich schnell da. 

Aber nur Langeweile wird ab sofort kein Notfall mehr sein. 

Die Motivation

„Im Gesicht fehlt mir ja nichts“ 

Das ist Mutters regelmäßige Antwort auf Komplimente wie gut sie aussehe. „Was die Leute immer glauben. Leider sieht mir niemand an der Nasenspitze an, wie schlecht es mir wirklich  geht“.

Sie sieht bezaubernd aus. Im hellgrauen Hosenanzug, die Haare zu einem Dutt gebunden, mit dezentem Schmuck, ähnelt sie mehr denn je einer bekannten Filmschauspielerin. Ich komme mir wie die arme aber geduldete Verwandte neben ihr vor. Die Einkäufe schleppend, den  Hund hinter mir herziehend, suche ich meine  Brille um ihren Schlüssel ins schmiedeeiserne Haustor stecken zu können. Das Tor ist schwer und einhändig fast nicht aufzudrücken. Sie zappelt, den Rollator fest im Griff neben mir, weil ich gar so langsam bin. Im Lift haben wir nicht alle Platz. Ich stapfe so schnell wie es mit dem hüftleidenden Hund nur geht, die fünf Stockwerke hinauf, während sie schon oben ungeduldig vor der Wohnungstür wartet.

„In deinem Alter hab ich vor dem Büro noch Tennis gespielt“. Kommentiert sie mein Schnaufen.

Das sind wieder so Momente, in denen ich zweifle und auch verzweifle.

Alles hinschmeissen und gehen? Aufstehen, Krönchen richten und lächeln wie es in einem Spruch heißt. Nur, dass ich nicht diejenige mit dem Krönchen bin.

Aber ist mir nicht lieber, sie ist munter und schlagfertig als müde und leidend?

Schlucke ich nicht lieber ihre Sprüche schweigend runter als an der Verzweiflung zu würgen die mich befällt wenn sie leidend ist? 

Aber an manchen Tagen kann sie es wirklich wieder: Ihre tapfere, kürzlich operierte jüngste Schwester lässt sich von einer gemeinsamen Cousine zu einem Besuch bei meiner Mutter überreden. Cousine W.  ist voller Tatendrang, voller Motivation und gewillt, alles aus dem Weg zu räumen was diesen Besuch in Frage stellen könnte. Nach den langen Vorplanungen sind die Bustickets besorgt, der Stadtplan samt U Bahn Karten griffbereit.Am Busbahnhof angekommen, stürzen sich beiden Damen Hand in Hand mutig in die Großstadt. Und kommen tatsächlich bei Mutter an, mit erheiternden Familiengeschichten und Kuchen  in der geräumigen Tasche.

Mutter nimmt freudig alles Dargebotene an.  

Ich möchte sie zu einem Gegenbesuch animieren. Sie müsste nicht mit dem  Bus sondern könnte bequem im Auto anreisen.

„ Das schaff ich nicht“ sagt sie. Zu meinem  Einwurf, sogar ihre frisch operierte Schwester hätte das geschafft meint sie nur :“ Die hat ja auch Cousine W. Wenn ich nur ab und zu auch so jemanden hätte, der mich so lieb motiviert, könnte ich viel mehr unternehmen. Aber ich hab ja niemanden…“.

Die Nachbarin

 

„Ich glaube, das macht sie absichtlich“

Meine Mutter ist erbost.

Ihre Nachbarin schwärmt von Rosen im Park, von der kleinen Konditorei in der sie bis zur Sperrstunde gesessen ist, weil es so nett und gemütlich war. 

„ Sie weiß, ich kann das Haus nicht verlassen und dann erzählt sie noch, sie sei drei Stunden spazieren gegangen. Man muss nur wollen, dann geht das schon- sagt sie auch noch zu mir!“

Mutter dreht mit weichen Knien einige Runden auf ihrer  Terrasse und beruhigt sich kaum. 

„Diese Selbstgefälligkeit…sie sieht ja, dass es mir heute schlecht geht. Da muss sie mir ja nicht auf die Nase binden, wie toll sie es hat. Als ob sie mich extra quälen wollte“.

Kann man in fortgeschrittenen Alter noch Freundschaften schliessen? 

Eigentlich freuen wir uns alle: Einen Stock darunter lebt auch eine Witwe, etwas älter und sehr rüstig. Die Annäherung ist zaghaft.

Meine Mutter hat ja nicht immer im Haus gelebt. Sie ist erst vor einigen Jahren hingezogen. Die Witwe war immer schon da. 

Irgendwie haben sie sich gefunden. Ein Kaffee am Nachmittag, ein Kartenspiel am Abend. Es wird Neujahr zusammen gefeiert und auch an den Geburtstagen stösst man auf den anderen an. 

Die Nachbarin schätzt die Terrasse. „ Ich komm auf Kur zu dir hinauf“ und Mutter freut sich über die Gesellschaft. Meistens.

Denn das Verhältnis ist nicht konfliktfrei.

„Sie glaubt, nur weil ich in meinen Bewegungen langsam bin, bin ich auch im Kopf langsam, bin ich irgendwie blöd“ lautet die Kritik meiner Mutter und sie resümiert: 

„Sie kennt mich ja nur krank“.

Ständiger Diskussionspunkt ist die Anzahl der Medikamente, die Mutter einnimmt. 

„Weißt, da sieht sie, wie zittrig und panisch ich bin und wie ich meine Tropfen suche und dann sagt sie „ Na, ich würde nie was nehmen. Nicht einmal wie mein Mann gestorben ist hab ich was geschluckt. Man muss sich halt einfach zusammenreissen.“

Ein wunder Punkt. Vor ein paar Jahren noch hätte meine Mutter vielleicht auch so gesprochen.

Hat Freundschaft Bestand, wenn man sich erst  alt und krank kennenlernt? Respektiert man seine neue Bekannte, auch wenn sie nicht  in die Konditorei  kann, wenn sie nicht stundenlang im Park mit flaniert?

Bringt man die gleiche Geduld auf, die man bei einer langjährigen Freundin hat, jemandem mit dem man quasi zusammen altert?

Ein immer wiederkehrender Vorwurf meiner Mutter lautet, die Nachbarin weiß ja gar nicht was für ein Leben sie vorher gelebt hat. Wie bunt und abwechslungsreich ihre Ehen, ihre Arbeit wirklich war. Sie sehe sie nur schwach und bedürftig, so, wie sie niemals war.

„Als ob sie spüren würde, da war einmal mehr als jetzt zu sehen ist. Ich könnte ihr viel erzählen. Aber statt an meiner Vergangenheit Interesse zu zeigen bohrt sie nur in meiner Gegenwart.“

Und in dieser Gegenwart hat Mutter das Gefühl nicht mithalten zu können. 

Das Gewissen

„Ich ärgere mich so über meinen Mann“.

„ Sei froh, du hast wenigstens noch einen“.

„ Jetzt muss ich extra so weit  wieder zum Umtausch in dieses Geschäft laufen“.  

„ Ach, du kannst zumindest irgendwohin laufen“.

„ Diese Schlamperei der anderen zuhause halte ich fast nicht aus“

„ Naja, schau, sei froh dass überhaupt wer da ist“.

„ Ich fühl mich nicht gut, ich glaube ich habe eine Verkühlung“.

„ Aber geh, das bisserl Schnupfen, das ist ja nix. Du hast ja keine Ahnung wie schlecht ich mich fühle“.

Ich habe keine Chance.

Es geht hier nicht ums gewinnen. Oder doch? 

Was immer ich meiner Mutter erzähle, es ist nicht relevant. Es ist nichts im Vergleich zu ihren Sorgen.  Es ist bedeutungslos zu ihren wirklich existenziellen Bedrohungen. 

Aber ich sehne mich nach der Mutter, der ich erzählen kann was mich bedrückt. Mit der ich besprechen kann, was für Lösungen es gäbe und wie ich mich verhalten könnte bei diesem oder jenem Problem. 

Das haben wir immer so gemacht. Und auch wenn sie, wie sie sagt, ihr Leben oft nicht im Griff hatte, für andere konnte sie immer ein Patentrezept aus dem Ärmel schütteln. 

Sie war eine aufmerksame Zuhörerin und gute Ratgeberin. 

Das hat sich grundlegend geändert. 

Es interessiert sie nicht mehr was andere für Ballast mit sich schleppen. Ihr eigener ist ihr schwer genug.

„Heute gehe ich ins Theater“ – „Theater –  da war ich so lange nicht mehr“ und die Sehnsucht in der Stimme lässt meine Freude auf den Abend schwinden.

„ Ich bin zum Essen eingeladen“ -„Na, du gehst aber wirklich oft aus“- und schon setze ich zu einer unnötigen Rechtfertigung an.

„Wir fahren aufs Land“- „ Ach, die Natur. Einmal noch einen Wald sehen…“ und schon habe ich die Lust auf den Ausflug verloren.

Es ist ja nicht so, dass sie nicht mitkönnte. Ins Theater, aufs Land. Aber die Angst überlagert die Sehnsucht.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich fühle mich schuldig, sozusagen noch ins Theater gehen zu können, in Ausstellungen und ins Kaffeehaus und nicht immer daheim zu sein. 

Und es endet damit, dass ich gar nichts mehr erzähle. „Was machst du morgen?“- „ Naja, putzen und waschen“ lautet mein Versuch ihr meinen Alltag langweilig zu machen.

Mutter, wenn ich auch nicht bei dir bin, so bin ich trotzdem da. Und wenn ich auch nicht alles erzähle, ich höre Dir trotzdem immer zu. Das sage  und das meine ich auch so.

Aber sooft  ich es auch sage, es ist nicht relevant, es bleibt ungehört. Ich glaube, ich soll einfach immer da sein und alles erzählen, damit sie bedauernd  auf ihr jetziges Leben schauen kann.

Der Notfall-Knopf 2

Diese kurze Geschichte erzählt, warum mein Enkel besonders gerne Telefonanrufe seiner Uroma entgegen nimmt und warum ich nun ständig einsatzbereit bin: 

Der abbestellte Festnetzapparat liegt mit dem Kabel aufgerollt im Vorzimmer, abholbereit. Das graue Kästchen des Notfallknopfes samt Armband ebenfalls.

Nun ist das Neue der beiden gleichen Handymodelle aktiviert.

Die kleine schwarze Taste mit dem Herz darauf( Wozu ein Herz? Ist ja kein Defibrillator) auf der Rückseite des Telefons sollte nun funktionieren.

Zwei Nummern werden auf Knopfdruck gewählt: Meine Telefonnummer und wenn ich nicht erreichbar bin wird automatisch mein Bruder angewählt. 

Das müssen wir natürlich sofort ausprobieren. 

Meine Mutter drückt den Notfall Knopf. 

Ein lautes Fiepsen und dann setzt ein schriller Alarm ein, einem Spielzeug Rettungsauto nicht unähnlich: Tatü Tatü Tata …(“Zum Tote aufwecken“ merkt Mutter an, nachdem sie sich vom Schreck erholt hat)

Meine Nummer sollte nun angewählt werden. 

Auf meinem Handy ertönt ein leises „ Pling“; eine Nachricht ist eingegangen. In diesem SMS steht:“ Sie erhalten einen Notruf. Bitte dreimal die  Taste O drücken damit die Verbindung hergestellt ist.“

Ich suche nervös am Display nach der Tastenfunktion. Da kommt auch schon Mutters Probe-Notruf herein. Ich soll nun schnell abheben und dreimal die Taste O drücken.

Zu langsam. Während ich noch die Tasten auf  meinem Handy suche, wird der Anruf an meinen Bruder weitergeleitet, der auch sofort abhebt. Das scheint ja gut zu funktionieren. Er glaubt, es ist ein Notfall und beruhigt sich kaum.

Aber wahrscheinlich beruhigt er sich nur deshalb so langsam, weil ich hysterisch ins Telefon brülle, was das für ein bescheuertes System sei: Mutter, die den Notfall Knopf drückt bekommt einen lauten schrillen Alarm und ich, der den Notfall empfangen sollte, ein leises „pling“. Das kann doch nicht wahr sein.

Ich suche ein einschlägiges Geschäft auf, erkläre das Problem und stoße auf Unverständnis. Der Alarm sei ja laut und deutlich…

Ja eh – aber auf dem Telefon wo der Alarm gedrückt wird. Diese Person weiß ja sowieso dass sie Alarm geschlagen hat, da braucht’s kein Tatü Tata. Ich würde das benötigen, damit ich den Anruf von all den anderen Telefonanrufen unterscheiden könne und überhaupt, in der Nacht, wie soll ich da jemals schnell reagieren, wenn ich das gar nicht mitbekomme.

„Der Alarm sei deswegen so laut“, erklärt mir der junge Mann,der hoffentlich  noch lange keine Sorge mit seiner Mutter haben wird,  „damit die Person, die ihn gedrückt hat, weiß dass sie ihn gedrückt hat“.

Hä?

„Ja, sie könnte ja in Ohnmacht fallen und kurz vorher hört sie, die Rettung naht.“

Ein fingiertes Rettungsgeräusch zur Beruhigung des in Ohnmacht Fallenden? 

Nur wie soll jemals tatsächlich die Rettung kommen, wenn die mit dem Notfall Knopf Verbundenen gar nicht hören, dass da ein Einsatz erforderlich sei? Weil das Notfalls-SMS und auch der darauf folgende Anruf nicht laut genug sind? 

Ich muss ein eigenes Klingelgeräusch für Mutters Anrufe installieren. Am Besten eines mit einem Rettungs -Geräusch. Leider gibt es keine eigene Ton-Einstellung nur für die Notfallstaste. 

Deshalb ertönt nun,  zur großen Freude meines Enkels, jedesmal ein lautes „Tatü Tata“ wenn seine Uroma anruft. 

Und ich bin nun, gefühlsmäßig, immer und ständig einsatzbereit. 

Der Notfall-Knopf

Das Festnetz, das Mobiltelefon und der Notfall- Knopf.

Die wichtigen Drei im Leben eines älteren, alleinstehenden Menschen.

Aber braucht man gleich drei Rettungsleinen nach draußen? 

Auf Mutters Festnetz rufen ausser einigen Behörden nur mehr eine sparsame Verwandte und die Nachbarin einen Stock darunter an. 

Das könnte man doch, auch aus Kostengründen, abmelden.

Das Handy hat sie immer griffbereit. Mal liegt  es vor ihr auf dem Rollator, neben dem Bett am Nachtkästchen oder am Esstisch.

Sie hat ein klobiges, älteres Modell. Das Display ist winzig und zum Nachrichten-Schreiben müssen die kleinen Buchstabenknöpfe für den jeweiligen Buchstaben mehrmal gedrückt werden. 

Der Dritte im Bunde, der Notfallsknopf ist ( O-Ton Mutter) das hässlichste  Stück im ganzen Haushalt: Mausgrau mit hellrotem Knopf und einem flexiblen Plastikarmband. 

Es gehört auf das Handgelenk. „ Viel zu schwer und hinderlich“ demonstrativ hebt Mutter ihren Arm langsam und mühevoll. Niemals würde sie es, wie von mir einmal vorgeschlagen, stattdessen an einer Kette um den Hals tragen. „Mühlstein“ war noch das Netteste, was ihr dazu eingefallen ist.  

Dieser Knopf war noch nie in Gebrauch. (Gott sei Dank) Bis auf die Kontrollanrufe der zuständigen Institution und einiger Fehlalarme ist er still. Sie hat diesen Knopf noch nie gedrückt, obwohl es schon einige Anlässe gegeben hätte. Denn da ist erst einmal die grundsätzliche Furcht, dass sie sofort nach Knopfdruck ins Spital eingeliefert werden würde. 

Der Hauptgrund aber ist: Das Armband  ist niemals dort, wo sie gerade ist. Würde sie im Badezimmer stürzen, läge das Teil unberührt im Wohnzimmer. Stolpert sie im Vorraum – der Knopf wäre außer Reichweite im Schlafzimmer. 

„ Das ist nur für euch, zur Absicherung“ denkt sie laut.

Jetzt haben wir das Festnetz abgemeldet. Plötzlich kommt Bewegung in den grauen Notfall- Knopf. Er blinkt und piepst. Ein Lautsprecher aktiviert sich, ruft schrill in den Raum. Ein Notfall? 

Daran habe ich nicht gedacht: Dieser Alarm ist mit dem Festnetz gekoppelt. Abmelden? Jetzt gesellt sich eine neue Furcht zu all den andern dazu: „Wenn ich das abmelde werde ich dann wirklich  stürzen, mich verletzten ohne dass ich Hilfe rufen kann?“

Wir haben eine Lösung gefunden: Ein neues Handy mit einer Notfallstaste. Ein Seniorenhandy. Handlich, praktisch und mit einem kleinen Knopf auf der Rückseite, der auf Knopfdruck eingespeicherte Nummern automatisch abruft.

Ich bin von der Idee begeistert und  suche ein entsprechendes Modell aus. Es soll möglichst ähnlich dem alten Gerät sein, damit sie zurecht kommt. Froh trage ich den  Einkauf zu meiner Mutter.

Wir packen das Telefon gemeinsam aus. Es sieht ganz gleich wie ihr altes Handy aus. Total gleich. Es ist das gleiche Modell. Ich drehe ihr altes Gerät um und sehe den Notfall Knopf auf der Rückseite. Da war er immer schon. Hat immer schon gewartet aktiviert werden. 

Nun hat sie kein Festnetz mehr, keinen Notfall-Knopf aber dafür zwei identische Handys.

Die Frage ist: Wenn ich nun auf einem der Telefone diese Notfall Taste aktiviere, drückt sie die dann auch? Ohne Angst „sofort“ ins Krankenhaus eingeliefert zu werden oder war, wieder einmal, eh alles für die Katz?

Die Partnerin

Mutter will gebeten werden.

Ich soll bitten und betteln und ihr alle Vorzüge gleichzeitig aufzählen:

Wie gut es ihr täte, doch in den Park zu gehen, den Besuch zu machen, diese Einladung anzunehmen.

Ich rutsche vor ihr auf den Knien. Und wenn meine Nase bodennah an ihren Hausschuhen klebt, dann endlich winkt sie ab. Die Augen geschlossen, mit einer leichten, kleinen Bewegung aus dem Handgelenk heraus, die Queen Elisabeth vor Neid erblassen lassen würde.

Unmöglich. Das schafft sie nie. Wie ich jemals auf die Idee kommen würde, die Schmerzen sind zu stark, gerade heute fühlt sie sich besonders schlecht, ich wüsste ja gar nicht wie es ihr wirklich geht…

Die Argumente, die Ausreden ließen sich noch endlos fortsetzen.

Ich wende mich ab, resigniert, mit dem Gefühl des Versagens. Ich habe es nicht geschafft. Ich konnte sie nicht genug motivieren. Nun wird sie alleine, einsam und traurig den restlichen Tag verbringen. Und sie wird mir versichern, wie sehr sie es selbst bedauere, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen sei, natürlich würde sie wirklich so gerne…. aber leider…

Dann ist meistens der Punkt erreicht, an dem ich sie fast ein bisschen böse verlasse.

Mutter hat gewonnen.

Aber um welchen Preis? Ich fühle mich schlecht und ihr Triumph, wieder ihre Krankheit in den Vordergrund gerückt zu haben, kann doch nicht so groß sein.

Aber ich lerne. Und ich versuche eine andere Taktik. Ich bitte nicht mehr. 

Wenn ein Ereignis ansteht, ein Besuch oder auch nur ein kleiner Spaziergang geplant ist, dann frage ich sie. Ich frage nur ein Mal. „ Kommst du mit?“

Erwartungsgemäß ein forsches „Nein, Unmöglich“. Wenn ich dann einfach die Achsel zucke und bemüht teilnahmslos:„ Gut“ sage, dann zuckt auch sie leicht zusammen. 

„ Meinst du, ich sollte mitkommen, glaubst du, ich schaffe das“ fragt sie dann. Aber so leicht lasse ich sie nicht davonkommen. 

„ Wie du willst, keine Ahnung“ ist nicht die Antwort die sie hören möchte.

Und es ist erstaunlich. Fast jedes Mal geht die Rechnung auf.

Aber ich muß aufpassen. Ich muss mich selbst ein wenig kontrollieren. Ich merke, dass auch ich manipuliere. Habe ich genug Zeit und Nerven mich ihr ganz zu widmen, dann spiele ich die Gleichgültige, um sie zu motivieren. Ist es mir ein wenig mühsam, dann bitte und bettle ich, weil dann kann ich sicher sein, sie schlägt alles aus. 

Hat sie mein Spiel durchschaut? Spielt sie mit? Das wäre mir sehr recht. Denn sie möchte genauso wenig manipuliert werden wie ich. Wir sollten gleichwertige Partnerinnen sein bei diesem Spiel. 


Der Schnaps

Wann ist mir erstmals der Gedanke gekommen, ein Stamperl klare Flüssigkeit vor einem Mutter Besuch könnte mir helfen, diesen ruhiger und gelassener anzugehen? 

War es der Moment, wo mir dämmerte, die Koliken, die sie (und uns alle) über  eine Woche in Atem gehalten haben, nur  das Resultat von exzessivem Genuss eines „verdauungsfördernden Tees“ war?

Oder war es an jenem Nachmittag an dem sich der alte  Hund am Schwanz verletzt hatte, schmerzlos aber blutend. Und mit jedem freudigen Schwanzwedeln einen Blutregen aus lauter kleinsten, feinsten Tröpfchen über das Parkett sprühte. Und während ich bei der Entscheidung zögerte, erst das schnell trocknende Blut aufwischen oder erst Hund verbinden kam der hilfeschreiende Anruf:“ Bitte komm sofort, es ist schrecklich“.

Ich packe den alten Hund, wickle eine Socke um die noch blutende Schwanzspitze, fixiere das Ganze mit einem Haargummi  und rase hin. Da sitzt meine Mutter verzweifelt im Sessel, links und rechts in die Seiten gepackt zwei Wärmflaschen. Beide erkaltet. Und das Schreckliche war: Sie bekommt den Verschluss nicht auf und kann  die Wärmflaschen nicht entleeren bzw.neu heiß befüllen. Das ist wirklich ein Problem, das verstehe ich.  Noch besser hätte ich es verstanden, wenn ich vorher ein Stamperl gekippt hätte…

Eindeutig mehr als ein Beruhigungsschluckerl wäre kurz darauf nötig gewesen: Ein Anruf, wie wir ihn alle fürchten. Sie hat Atemnot, Herzrasen, eine Panikattacke wie nie zuvor. Mehr war am Telefon nicht herauszubekommen. Ich stürze mich in Schuh und Mantel  und fliege durch die Gassen zu ihr hin.  Kaum bin ich dort, hat sich das Herz beruhigt, sie atmet hörbar ruhiger. „Ich glaube, ich habe mich nur einsam gefühlt“ lautet die Selbstdiagnose.

  Diese Situation gibt es in etlichen Variationen. Mein Bruder führt, laut eigenen Angaben, eine„ Dreiviertel- Wochenend- Beziehung“. Auch er hat alle Liegen und Stehen lassen um nach einem Hilferuf von Mutter zu ihr zu eilen. „ Ich glaube, mir war langweilig“ war die Antwort und ein kostbares Viertel seines Wochenendes war weg. 

Wie geht man damit um? Wann weiss ich, es ist nicht Langeweile sondern echte Not? Aber ist Langeweile nicht auch oft „echte“ Not?  Wird einem nicht Krankheit, Unzulängigkeit und Schmerzen erst in der Einsamkeit so richtig bewusst? Wenn man ohne Ablenkung im Zimmer sitzt und über alles nachdenkt? Oder wenn einfachste Handgriffe wie das Öffnen von Gegenständen zu einem echten Problem werden; Sachen, die man in jungen Jahren ohne Nachdenken fast nebenbei tut wachsen  zu unbezwingbaren Bergen heran. 

Ich möchte meine Mutter unterstützen so gut es geht. Aber es fehlt mir  im Alltag manchmal an der nötigen Gelassenheit. Ich reagiere auf ihre Hilferufe zwar prompt, bin aber  dann ungeduldiger als ich es sein möchte, wenn sich die Situation (für mich) als nicht so lebensbedrohlich darstellt.  Dann wieder habe ich ein  schlechtes Gewissen, weil was sie im Moment des Hilferufes fühlt ist ja real und wirklich und nur das sollte ich berücksichtigen. 

Dass ich ab und zu ein Stamperl brauchen könnte ist wahr. Dass ich aber natürlich keines kippe ist auch wahr.   

Die Königin

Es war einmal eine Prinzessin, die beweisen musste eine richtige Prinzessin zu sein. Und sie bestand den Test: Sie spürte die Erbse unter viele viele Matratzen hindurch und wurde Königin.

Es war einmal – meine Mutter – die  durch viele viele Matratzen hindurch ständig die eine Erbse spürte. Und es war eine Tochter, die den Test nie bestand( und deswegen nie Königin wurde)

Wer jemals für jemanden anderen eine Matratze gekauft hat wird das Problem sofort ahnen. 

Es ist sehr schwer. 

Es ist aber praktisch unmöglich für meine Mutter eine Matratze zu kaufen. 

Die Geschichte hat eigentlich mit dem zweiten Krankenbett begonnen. Das eine, das erste Krankenbett steht im Wohnzimmer und ist eine Spezialanfertigung aus einem Bundesland. Die Matratze hat Sondergrösse. Ist relativ weich und bequem.

Da Mutter in der warmen, hellen Jahreszeit nicht ständig im Wohnzimmer schlafen möchte, haben wir ein zweites Bett mit all der Ausstattung, die für einen Kranken nötig ist, besorgt. Für das kleine gemütliche Schlafzimmer ( das „Wohnzimmerbett“ ist zu gross für „das  Kammerl“, das zweite Bett deswegen ein Einzelbett) 

Natürlich kommt auch eine Matratze dazu.  Die ist mittelweich bis hart ( abhängig, wer von uns darauf Probe liegt) und eingepackt in eine dicke undurchlässige Plastikschicht. Liegen darauf ist  ungefähr so wie man sich ein Wasserbett vorstellt, nur ohne Wasser und nicht so nachgiebig. Bei jeder Umdrehung knirscht und quietscht es als ob man auf tausend Einkaufssackerln liegen würde. 

Das passt gar nicht.

Ich habe den Auftrag, eine weiche, aber nicht zu weiche Matratze zu besorgen. In der Stadt ist das nicht möglich. Diverse Möbelhäuser sind nur mit dem Auto erreichbar. Und Mutter kann nicht mit. Unmöglich.

Und so verbringe ich einen Nachmittag in unzähligen  fremden Betten liegend. Die sechste Matratze aus einem bekannten Möbelhaus nehme ich dann. Fast hätte ich vergessen: Auch die Höhe ist relevant. Dieses Krankenbett lässt sich nicht bodennah senken. Ist die Matratze zu hoch, kommt sie mit den Füssen nicht hinunter und kann nicht aufstehen. Zehn Zentimeter Maximum. Das schränkt die Auswahl erheblich ein. 

Ich schleppe die feste Rolle in ihre Wohnung und breite sie über das Bett. Laut Anleitung braucht es einige Stunden, bis die Rolle entrollt und das Bett benutzbar ist. Dann kommt ein schnelles Urteil: 

„Steinhart“.

Jeder Besucher muss sich von der Eingangstür kommend sofort auf das Bett legen. Und laut Mutter bestätigt jeder, was sie sofort wusste: Steinhart.

Matratzen kann man nicht umtauschen, da es Hygieneartikel sind. Aber man kann eine Auflage dazu kaufen. Und das will sie: Eine weiche Auflage auf die von mir total falsch eingeschätzte weil steinharte Matratze.

Ich schleppe mich wieder durch diverse Möbelhäuser um eine weiche nicht zu hohe Schaumstoffauflage zu erwerben.

Wieder liege ich in unzähligen Betten, wälze mich auf diversen Auflagen und habe bald überhaupt kein Gefühl mehr, was hart oder was weich ist. Und so verlasse ich mich auf eine kompetente Verkäuferin, packe die feste Rolle und schleppe  sie in Mutters Schlafzimmer.

Und wer glaubt da liegt jetzt keine Erbse mehr darunter, die drückt, täuscht sich. Es sind unzählige Erbsen, ja die Auflage samt Matratze dürfte mit harten kleinen Erbsen gefüllt sein. Und meine Mutter, die Königin, spürt jede einzelne, die ganze Nacht hindurch.

Das Fahrrad

Der Bürgermeister hat gratuliert. 

Nicht in einer Delegation mit Blumen und Fotografen sondern nur mit einer hübschen Karte samt Stadtwahrzeichen. “ Für ein Foto mit ihm in der Bezirkszeitung hätte ich 100 Jahre werden müssen“. sagt Mutter und freut sich über die Glückwünsche per Post.

Auch ihre Bank hat gratuliert. Der Friseur hat eine Geburtstagskarte geschickt, der Fleischhauer um die Ecke auch. Sogar „ihre“ Zeitung, die sie abonniert hat, denkt an ihren runden Festtag und schickt beste Wünsche.

Das Telefon läutet oft und im Minutentakt trudeln die SMS auf ihr kleines, altes Handy ein. 

Die für sie schönste und längste Nachricht kommt vom Enkel  aus Afrika. „ Dass er meinen Geburtstag nicht vergessen hat ist unglaublich. Das sind die allerschönsten Glückwünsche“ strahlt Mutter ihre drei anwesenden  Enkelkinder an, die ihren Geburtstag auch nicht vergessen haben, obwohl sie nicht in Afrika sind. 

Es war schon immer schwer sie zu beschenken. Die Erwartungshaltung war groß, die Enttäuschung hat sie kaum verborgen. „ Na geh, blau hab ich gesagt, niemals rot, das weißt du doch“ oder: „ Ganz klein wollte ich es, doch nicht soooo“.

Aber ich muss zugeben: Mit dem Alter ist sie auch milder geworden mit der Kritik an ihren Geschenken und es kommt mir manchmal vor, sie freue sich sogar. Zumindest hat sie ihr Mienenspiel besser im Griff als in jungen Jahren. 

Trotzdem ist es immer sehr schwer etwas für sie zu finden. Etwas das sie vielleicht brauchen könnte und das Freude macht. 

Da ihre Geschenke auch nicht so viel Platz einnehmen sollten (sie möchte Ballast loswerden in der Wohnung, nicht ansammeln) schenke ich ihr seit Jahren Bücher, die ich dann wieder zurücknehme. So gesehen sind es keine richtigen Geschenke.

Diesmal freue ich mich besonders: Wir haben gemeinsam die Liebe zu einem Autor aus den Siebziger Jahren  quasi  wieder entdeckt. Er wurde immer als „ Trivialschriftsteller“ abgekanzelt. Wir finden das gar nicht und so habe ich das Internet durchstöbert um die im Buchhandel vergriffenen Bände zu bestellen.

Auch die drei Enkel haben eine gute Idee: Ein Fahrrad. 

Ein „Sessel- Fahrrad“. Das ist ein Gestell mit Pedalen daran das man unter jeden Sessel stellen kann. Man tretet im Sitzen, bequem vor dem Fernseher oder unter dem Esstisch. Das Gestell ist leicht handhabbar und zusammenklappbar.

Die Beinmuskulatur wird gestärkt. Sie soll trainieren, um dann doch wieder einmal auf die Strasse gehen zu können.

Es gefällt ihr. Sie probiert es gleich vor dem Fernsehsessel aus. Es tritt sich leicht und angenehm. Wir sitzen um sie herum und schauen ihr beim Treten zu. Dann hat sie genug, schiebt das Teil mit dem Fuß beiseite und steht auf. Sie versucht ihren Rollator zu erreichen, fädelt aber mit dem rechten Fuß in das Fahrrad- Gestell ein. Wir fangen Sie im letzten Moment , kurz vor dem Aufprall, zu viert auf.

„Na Bravo. Tödlicher Sturz von einem bodennahen seniorengerechten Fitnessgerät“. lautet ihr Kommentar, und:“ Danke für das Geschenk“.

Die Schwestern

Schwestern.

Sie können die besten Freundinnen sein oder die härtesten Feindinnen.

Sie wissen alles und das, was sie nicht wissen, denken sie sich aus.

Diese Familienbande ist für immer, ob man es zulässt oder nicht; ob man nebeneinander wohnt oder meilenweit getrennt lebt. 

Und doch gilt: Wer die Ursprungsfamilie frühzeitig verlässt und dabei auch noch erfolgreich ist, der wird bestraft.

Oh nein, meist nicht sofort. Oft zeigt sich das Ausmaß der gegenseitigen Verletzungen viele Jahrzehnte später. Nämlich dann, wenn man mehr zurück als nach vor blickt und fest  überzeugt ist, die einzige und wahre Geborgenheit in der  Kindheitsfamilie findet. 

Mutter ist gegangen. Daß sie ihr Glück gefunden hat wird sie bestreiten. 

Zwei Schwestern sind zurückgeblieben und ja, man muss es schon sagen, von ihr Jahrzehnte vernachlässigt worden.

Jetzt sind sie alle alt. 

Sie haben die Kriegsjahre überlebt, die Nachkriegsjahre, das letzte Jahrhundert, die Nullerjahre. Sie haben geheiratet, Kinder bekommen, Häuser gebaut und Urlaube gemacht.  Zwei haben alles gemeinsam erlebt und nur eine, meine Mutter, hat diesen inneren Kreis schon sehr früh verlassen.

Jetzt wird sie bestraft dafür.

Glaubt sie. 

Ein runder Geburtstag ist ein Fest, dass man im Kreise lieber Mitmenschen feiern soll. Ab einem gewissen Alter wird der Freundeskreis kleiner. Wie gut, dass man immer auf die Familie zurückgreifen kann. 

Aber wie sag ich meiner Mutter, dass ihre zwei Schwestern nicht mit ihr feiern wollen. 

Oh, die beiden drücken es anders aus. Natürlich gratulieren sie ihrer großen Schwester an ihrem Runden, aber sicher nicht am Geburtstag persönlich. Selbstverständlich trinken sie ein Gläschen auf sie und mit ihr, aber irgendwann. Wann, das können sie noch nicht sagen. In ihrem Alter könne man nicht planen, da weiss man nie was passiert.

Die beiden Schwestern wohnen Haus an Haus in einer ländlichen Umgebung.Meine Mutter, die Älteste  hat sich für ein Leben in der Großstadt entschieden. Zwischen ihnen liegen ein Berg und eine Autobahn. Das ist nicht unüberwindbar. 

Die innere Entfernung ist offenbar einfach zu groß und so werden meine Kinder und ich alleine mit Mutter feiern. Ich bin stellvertretend für meine Mutter enttäuscht.

Schwestern.

Man bleibt ein Leben lang verbunden. Und vielleicht sehe ich diese Verbundenheit nicht, vielleicht urteile ich nur nach Äußerlichkeiten. 

„ Geh schau, die Zwei haben sich immer schon vor der Stadt gefürchtet. Glaubst du, das ist jetzt im Alter weniger geworden“. Entschuldigt meine Mutter ihre  um einiges jüngeren Schwestern erstaunlich gelassen.“Wir können froh sein, wenn sie zu meinem Begräbnis kommen. Obwohl, ich hab dann wahrscheinlich nicht mehr viel davon.“

Der Widerspruch

„Ich kann nicht“

Dieser Satz kann viel bedeuten. „Ich schaffe es nicht“, „Ich mag nicht“, „Ich sollte, aber ich habe keine Lust“, “Es ist mir nicht so wichtig, dass ich mich bemühen möchte.“

Wenn meine Mutter „Ich kann nicht“ sagt,  zerschlägt sie mit diesen drei Worten  jede Hoffnung ihr entgegenzukommen, sie zu unterstützen, ihr eine Freude zu bereiten.

Wenn sie es sagt, dann klingt es in meinen Ohren immer wie „ich möchte, dass ihr seht wie schlecht es mir geht. Ihr sollt merken, ich bin schrecklich arm dran…und deswegen kann ich nicht..ins Kino, in die Ausstellung,in den Stadtpark…oder auch nur aufstehen.“

Ich habe dann zwei Möglichkeiten, nein eigentlich drei: Ich könnte sagen „Bemüh dich  bitte, schau, es wird schon irgendwie gehen“( das hab ich probiert, dann sagt sie „du weißt ja nicht wie ich mich bemühe, du hast ja keine Ahnung…“) oder ich weise leise, zum wiederholten Male auf einen Rollstuhl hin, mit dem sich längere Strecken problemlos bewältigen ließe (das hab ich mehrfach schon getan,“ Niemals“ ist die Antwort) oder ich werde ungehalten und werfe ihr vor, sich gehen zu lassen. Das kommt aber auch nicht gut an, weil ganz tief vergrabenen in ihr herrscht große Angst vor Disziplinlosigkeit. 

Und das ist ein großer Widerspruch an dem sie leidet und uns alle mitzieht. 

Rückblende.

Während Schulkollegen mit Kopfweh, Bauchweh oder Prüfungsängsten viele Fehlstunden sammelten, galten für meinen Bruder und mich strenge Richtlinien: Von der Schule daheim bleiben war nur möglich bei hohem Fieber und sichtbarem Verfall. Dann galt Fernsehverbot und der Tee wurde mit den Worten „Mach es dir aber nicht zu gemütlich, morgen bist du wieder in der Schule“ auf das Nachtkästchen geknallt. Das hatte total unterschiedliche Auswirkungen in unserem Erwachsenenleben. Während mein Bruder sich bei 37,1 Grad tagelang im Bett verkriecht, schleppe ich mich mit schmerzenden Lungen und vollgepumpt mit Fiebersenkenden Mitteln zum Laternenfest in den Kindergarten. 

„Ich kann nicht“ habe ich nie von meiner Mutter gehört und deswegen irritiert es mich auch heute so wenn sie es sagt. 

Von einer Frau, der Disziplin über alles ging. Die aus einem strengen Elternhaus kam, wo Lesen tagsüber verpönt war und wo der Charakter eines Menschen daran gemessen wurde, wie er bei Tisch saß.

Es ist heute, im hohen Alter, ihr gutes Recht zu sagen „Ich kann nicht“, wenn ich es denn ernst nehmen könnte.

Ich sehe, es geht ihr besser, wenn sie im Stadtpark die blühenden Bäume gesehen hat. Ich weiß sie ist gerührt und glücklich nach einem Nachmittag mit ihren Urenkeln. Ich spüre ihre Befriedigung nach einem interessanten Zeitungsartikel, einer anregenden Diskussion mit Freunden. 

Aber vor all dem steht erst einmal fett „Ich kann nicht“. Und manchmal habe ich einfach nicht die Kraft dazu, diese Hürde für sie zu überwinden. 


Der Plan

Meine Töchter haben einen Plan

Ich bin gerührt. 

Ich finde es berührend, dass sich jemand um mich sorgt, dass sich jemand um meine Probleme kümmert, die ja eigentlich gar nicht meine sind sondern erst zu meinen gemacht wurden.

Probleme , die ich erst zu meinen gemacht habe, müsste es richtig heissen.

Meine Töchter haben einen Plan, um mich zu entlasten. Während meiner Abwesenheit haben sie sich verstärkt um ihre Großmutter gekümmert und  sind der Meinung  dass ich mir viel zu viel antu.

Sie strotzen vor Optimismus und sind der festen Überzeugung, dass man nur loslassen müsse, dort wo ich angeblich klammere, dass man die Augen schliessen müsse, während ich mit weit offenen  Pupillen Mutters Ängste in mich aufnehme.

Es sei alles „ ganz easy und gechillt “ gewesen . Sie waren telefonisch immer erreichbar und für Unterhaltung habe eh die betagte Nachbarin gesorgt.

Es ist unglaublich. Ich war eine Zeitlang  weg und die Sonne ist trotzdem jeden Morgen aufgegangen. Ich war nicht da und meine Mutter ist täglich aus dem Bett gestiegen. Sie ist nicht verhungert und nur zweimal gestürzt, aber nicht sehr schlimm…

Bei meinem ersten Besuch fällt sie mir federleicht in die Arme. Sie sei so beschäftigt gewesen mit der Terrassen- Trockenlegung, mit Handwerkern, mit unzähligen Telefonaten und Rechnungen. Ob ich denn nicht stolz auf sie sei, dass sie das alles ohne meine Hilfe geschafft hat.

Ich bin stolz. Ich bin stolz auf sie, während ich die blaugrünlich schillernden Hämatome von ihrem Sturz  eincreme. Ich bin stolz auf sie, während ich zuschaue, wie sie meine mitgebrachten Fleischlaibchen verputzt als ob sie tagelang……

Ja, denke ich mir beim Schreiben der langen Einkaufs und Besorgerliste , ja, sie hat das wirklich gut ohne mich hinbekommen.

Alles hat funktioniert, keine wirklichen dramatischen Ereignisse .Vielleicht haben mein Töchter recht und ich nehme alles zu schwer. Vielleicht fehlt mir die Leichtigkeit.Vielleicht nehme ich die Betreuung meiner Mutter zu ernst. 

Meine Töchter haben einen Plan.

Und während ich auf diesen Plan warte, muss ich eine neue Matratze für das eine, kleinere, Krankenbett besorgen( „ich hab zweimal den Neurologen angerufen, weil diese Matratze, die du gekauft hast, so hart ist dass ich unerträgliche Nackenschmerzen bekommen habe“), habe ich eine lautstarke Auseinandersetzung mit der Leitstelle der Betreuung, („ Du hast diesen Pflegevertrag unterschrieben“ „ Aber Mutter, das ist deine Unterschrift hier“, „ Blödsinn, du hast das ausgemacht und jetzt will ich es anders“) und ich soll alle Gäste, die zum Teil weit anreisen um ihr an ihrem runden Geburtstag zu gratulieren absagen.

Ich spüre, mir fehlt die Leichtigkeit.

Aber meine Töchter haben einen Plan.

Das Dreiviertel

Der Hausarzt sperrt ohne Ankündigung plötzlich seine Ordination zu. Für immer.

Der Pharmakonzern stellt die Herstellung ihres Medikaments ein. Ohne Ersatz.

Das  schon  vorhandene Rezept  kann von niemandem eingelöst werden, weil alle Familienmitglieder ausfallen.  Gleichzeitig und grundlos.

Der Lift im Haus wird repariert und steht still. Für sehr lange. Sie könnte ( aus dem 5.Stock) also gar nicht selbst zum Arzt, auch wenn sie wollte.

Und  am Samstag um 12 Uhr 03, wenn alle Apotheken schließen, drückt sie sicher die letzte Tablette aus der Verpackung.

Klingt alles sehr unrealistisch? Es sind aber einige der größten Ängste, die meine Mutter quälen. Ängste, ausgelöst durch die enorme Abhängigkeit ihres Medikaments und durch das Gefühl, die Dinge, auch ihr Leben, nicht mehr wirklich in der Hand zu haben. 

Um sie etwas zu entspannen, haben wir alle paar Wochen so etwas wie ein Ritual. 

Wir drücken alle vorhandenen Pillen aus ihrer Verpackung, häufen sie auf den Tisch und zählen durch wie lange sie damit noch auskommt ehe ein neues Rezept fällig ist.

Sie muss fünf Mal am Tag eine Dreiviertel Tablette nehmen. 

Wir sortieren die blassrosa und daumennagelgroßen Dinger mit den breiten Bruchstellen hin und her, zählen mehrmals durch. Ist ja eine einfache Bruchrechnung. 

Wir schieben, zählen und lachen: Fünf mal Dreiviertel, wieviel Ganze sind das? Erst alles in Vierteln rechnen. Oder sollen wir es aufzeichnen? Wir versichern uns gegenseitig, dass Mathematik ja nie unsere Stärke gewesen sei und wie schrecklich peinlich das im Grunde ist…. und dass uns eh niemand sieht und hört…..

Wir kommen auf die abenteuerlichsten Zahlen: Zwei und zwei Viertel, vier Ganze und ein Dreiviertel; alles in halbe Tabletten brechen und dann zählen ist vielleicht leichter….

Fast hätten wir die gut fünfzig Pillen alle zerteilt.

Zwei der kostbaren Medikamente rollen unters Sofa und somit alles wieder zurück an den Start.

Sie möchte den Überblick behalten und sie will ganz sicher sein nicht plötzlich ohne Tabletten dazustehen.

Aber es muss ja nicht nur die Stückzahl bis zum nächsten Rezept stimmen. Es muss auch eine eiserne Reserve von einigen Pillen vorhanden sein. Denn ihre Ängste plötzlich ohne Medikamente zu sein, die ist ja real.

Sie hat sich selbst ein Sicherheitsnetz gespannt bestehend aus Familie, Nachbarin und Haushaltshilfe, die für sie zum Arzt gehen können. Nur leider sind wir untereinander nicht vernetzt. So ist es passiert, dass ihre nette aber auch sehr betagte Nachbarin das letzte Rezept geholt hat und seitdem die E-Card verschwunden ist. Man muss diese Sache sehr vorsichtig angehen, weil niemand verärgert oder gekränkt werden darf. Das heisst, man darf nicht direkt nach dem Verbleib der E-Card fragen. Die Wohnung wird durchsucht, der Müll ausgeleert, die Manteltaschen umgedreht und letztlich rufe ich bei der Gebietskrankenkassa an und bestelle eine Neue.

Das ist fast das Schlimmste: Das Warten auf die neue Karte. Daran hat sie nicht gedacht. Das reiht sich nun zu den eingangs erwähnten Ängsten dazu. Da hilfst kein Pillenzählen mehr. Das ist jetzt die schlimmste Wirklichkeit.

Die Sitzung

Sie hat es zugegeben. 

Mutter hat endlich zugegeben, dass sie von mir anderes erwartet als von meinem Bruder.

So hat sie es natürlich nicht ausgedrückt. So etwas sagt man nicht gerade heraus, so etwas wird in Stehsätze  verpackt, in schwammige Entschuldigungen gehüllt und trotzdem punktgenau abgefeuert.

„Er kann diese Woche wirklich nicht bei mir vorbeikommen. Es ist so viel im Büro zu tun. Eine Sitzung jagt die andere. Ich brauche dringend Medikamente vom Hausarzt. Könntest du nicht …“

Büro? Sitzung? 

Ich habe eine kranke Enkeltochter vom Kindergarten vorzeitig abzuholen, einen pubertierenden Sohn mit gewaltigem Appetit aus der Schule kommend, einen alten Hund, der stündlich auf die Gasse muss weil sonst ein Mallheur am Teppich passiert und den Rohentwurf einer Bachelorarbeit am Küchentisch, die ich durchzulesen versprochen hatte. Das soll aber neben Einkäufen, Kochen, Waschen und Bügeln passieren. Und mein in ihrem Nebenhaus alleinlebender, kinderloser Bruder hat eine Sitzung.

„Er hat schon so viel Freizeit letztes Wochenende für mich geopfert. Ich kann ihn jetzt wirklich nicht belästigen.“

Geopfert? Belästigen?

Es sind die Mütter die die künftigen Männer erziehen. So hat es zumindest in den Anfängen unter den Feministinnen geheißen. Und sie wollten Söhne, die nicht die patriarchalen Züge ihrer Väter hatten. Sie wollten ihre Buben zu verständnisvollen, sensiblen aufmerksamen Mitmenschen erziehen. Das ist ja in vielen Fällen gelungen.

Es sind aber auch diese Mütter, die dann im hohen Alter wieder in die alten  Rollenbilder zurückfallen. Wo der Sohn dann in seiner Arbeit nicht gestört werden darf, wie einst der Vater, und die Tochter jederzeit zur Verfügung stehen soll. 

Ich mache es ja gerne. Ich hab sie unter meine Flügel genommen wie meine vier Kinder (und den alten Hund).

Ich sorge mich um ihr Wohlergehen und schau darauf, dass sie nicht nur  warme Mahlzeiten hat sondern auch lustige Geschichten, die sie von ihrem Alltag ablenken. 

Aber manchmal kommt mir in Erinnerung, dass meine Mutter nicht nur eine Tochter sondern auch einen Sohn hat. 

Und wenn ich wieder eine Woche praktisch im Alleingang bestritten habe, frage ich mich ob man den nicht belästigen könnte, ob er sich nicht opfern könnte…

Die Terrasse

„Ich seh mich nicht.“

„Ich seh mich nicht dort zwischen all den Rollstühlen und all den Rollatoren. Ich seh mich nicht mit all den fast Hundertjährigen im Speisesaal sitzen und auch nicht mit den Alten dort im  Garten. Ich seh mich im siebten Stock beim Fenster rausschauen, allein, niemand der da ist um mich an die frische Luft zu holen.“

Mutter hat entschieden.

Es ist ein klassischer Ansatz vieler älterer Mitmenschen betreffend einschlägiger Betreuungseinrichtungen: Das ist noch nichts für mich, dort sind ja nur alte Leute.

Wir steuern auf eine  sonnige Bank im Stadtpark zu. Seit Monaten ist sie nicht so weit gegangen. Entschlossenheit demonstrierend stapft sie tapfer durch die Stadt  Sie hat ein bisschen Angst vor mir, vor dem Gespräch. 

„ Wenn es mich zu sehr aufregt, hören wir sofort auf zu reden“ versichert sie sich vorher. Doch es geht ganz gut. Sie erzählt von ihren Ängsten und Sorgen betreffend des „Heims“ und daß sie zu Hause bleiben will.

Langsam und behutsam gehen wir gemeinsam auf jeden Punkt ein, besprechen die Für und Wider eines Aufenthalts in einem betreuten Wohnen und vergleichen es mit einem Daheim – bleiben.

Die Mahlzeiten in einer Institution, mehrmals täglich frisch serviert  sind doch ein großes Plus: „Essen ist nicht mehr so wichtig“ kontert sie, „Das Bisserl, dass ich esse mach ich mir selber“.

Die Gesellschaft, die Mitbewohner, das Kartenspiel, kurz, die Unterhaltung.

„ Jeden Tag die gleichen alten Gesichter, das halt ich nicht aus. Ich bin gern allein.“

(Oha, das hat vor einigen Wochen noch anders geklungen…)

Der letzte Bonuspunkt für ein betreutes Wohnen wäre die regelmässige Möglichkeit eines Spaziergangs, aber das hat sie schon mit ihren Ängsten gleich zu Beginn weggewischt ( „Ich sitz im siebten Stock ohne Balkon und kann nicht alleine raus.“)

Mutter hat entschieden. 

Jetzt ist die Chance für mich doch ein paar Änderungen vorzunehmen.Ich stelle Bedingungen . Ich möchte fixe Tage. Bis jetzt hat sie das klar abgelehnt,weil sie mich jederzeit und immer auf Abruf verfügbar haben will. Und es muss mehr von der  offiziellen Betreuung her, nicht bloß zweimal eine Stunde in der Woche. Und wir müssen das mit dem Einkaufen und Spazierengehen klar einteilen damit sie auch wirklich gut versorgt ist.

„Weißt, ich möchte doch daheim bleiben. Ich habe doch so eine schöne große Terrasse  und jetzt wo es wieder wärmer wird ist die Gold wert.“

Dazu muss ich anmerken: Einen Tag nach unserem Gespräch musste der gesamte Holzboden der Terrasse entfernt werden, wegen eines Wasserschadens in der Wohnung darunter. Zwei Tage schleppten Arbeiter das morsche Holz durch die Wohnung. Meine Mutter hatte selbst den Tischler und den Spengler organisiert und sich mit einer nicht sehr entgegenkommenden Hausverwaltung auseinandergesetzt. Zur Zeit lebt sie umgeben von acht großen Pflanzentrögen, drei hochgewachsenen Koniferen und etlichen kleineren Blumenkisterln, die natürlich die Wege mit dem Rollator blockieren. Die Terrasse ist ein unbegehbarer Schutthaufen und wird es auch noch länger so bleiben. Sie hat Herzschmerzen, Kopfweh, Schwindel und ist eigenen Angaben zufolge ständig dem Zusammenbruch nahe. 

Aber ich sehe das viel entspannter als noch vor wenigen Wochen. 

Sie schafft mehr als sie glaubt.

Die Hundertjährige

Es fühlt sich an wie ein erster Schultag: Dutzende Kinder gehen an der Hand ihrer Eltern auf das große Tor zu…..halt …dutzende Kinder nehmen ihre Eltern an der Hand und gehen auf das große Tor zu.

Neues, großes Gebäude, fremde Menschen, die Spannung und Nervosität sind spürbar. Und über allem die klassischen Fragen im Kopf:  „Werde ich den Ansprüchen gerecht?“ „ Schaffe ich alles, was verlangt wird?“ „Werde ich neue Freunde finden?“

Kein „Erster Schultag“, erster Besuch in einem Pflegeheim, in einem betreuten Wohnen, in einem Haus für Senioren.

Es reihen sich Rollstuhl an Rollator und wer besonders mutig und fit ist, braucht nicht einmal einen Stock. Daneben stehen, ein bisschen unsicher und verloren, die Kinder. Die erwachsenen Kinder, die zum Teil auch schon betagten Kinder.

Es wird kaum geschwätzt, höchstens geflüstert. Diszipliniert und fast in „Zweier Reihe“ fährt die Rollstuhl-Truppe  als erstes mit  dem Lift ins oberste Stockwerk zur Besichtigung eines leeren Zimmers. Dann kommen die „Rollatoren“ dran (das sind wir) und zum Schluss die rüstigen Rentner ohne Stock und Beiwerk. 

Mutter manövriert sehr konzentriert ihr Wagerl durch die Menschenmenge, die sich vor dem leeren Appartement versammelt hat. Einmal darf man durchgehen. Einen Blick durchs Fenster aus dem siebenten Stock werfen, kurz ins Bad an der Miniküche vorbei. Alles ist sehr hell, glatt, neu.

„Ich könnte die Kommode von der Tante Mitzi da ins Eck stellen“ höre ich, „Dem Horst sein Bett passt da nie hinein“ tönt es von der anderen Seite.

Meine Mutter sagt nichts, rollt schweigend aus dem Zimmer auf den hellen Gang. Die Mimik täuscht. Sie ist angetan, hat sich das alles viel kleiner vorgestellt.

Nach der Besichtigung geht es zum „Kleinen Saal“, dem Veranstaltungsort, wo dann Fragen beantwortet werden. Die Fragen sind zahlreich und  sehr unterschiedlich,großteils jedoch nicht von den zukünftigen Bewohnern sondern von den Begleitpersonen gestellt.

Die Kosten. Wichtiger Punkt. Aber nicht so wichtig wie die Mahlzeiten…..Ob es ja eh immer einen Kaffee und Kuchen nachmittags gäbe, ob das Abendessen im Zimmer eingenommen werden könnte und ob man sich das Menü aussuchen darf oder ob es vorgegeben wird.

Die  Vorschriften sind schnell abgehackt. Darunter die Wichtigste: „Kein Übernachtungsbesuch im Zimmer“.“ Senioren Sex ade“ höre ich neben mir ( „Mutter !“) und der kleine Saal lacht.

Die Atmosphäre entspannt sich und man geht leise tratschend zur vorbereiteten Jause in den Speisesaal.

„Niemals esse ist hier. Das lasse ich mir alles ins Zimmer bringen“. Ist auch wirklich der einzige Kommentar meiner Mutter, grad so als ob sie schon fix da wohnen würde. 

Ich muss zugeben: der Speisesaal ist auch wirklich ein Schwachpunkt in dem Ganzen. Riesig, unübersichtlich, grell beleuchtet, strassenseitig im Erdgeschoß, mit dem Flair einer Schulkantine, aber auf bemüht edel gemacht. 

Wir setzen uns zu einer Dame mit Hut und ihrer Großnichte, wie wir später erfahren. Ein nettes Paar. Die alte Dame redet ohne Punkt und Komma, schiebt sich dabei ununterbrochen trockenen Kuchen in den Mund und der Kuchen sprüht dann mit Spucke angereichert in Form von Brösel aus dem Mund direkt in meine Kaffeetasse.

So ist das eben.

Meine Mutter lauscht dem Redefluss, beeindruckt von der Tatsache, dass diese redselige kleine alte Dame fünfzehn Jahre älter ist als sie selbst also fast hundert Jahre alt.

Auf dem Heimweg besprechen wir die Für und Wider dieser Institution. 

Nun liegen die Unterlagen bei Mutter am Tisch. Man muss ein Formular ausfüllen, den Grund angeben, warum man nicht mehr alleine leben möchte, warum man nicht mehr alleine leben kann. Die Stadt prüft dann die Bedürftigkeit und verteilt die Zimmer.

Das kann Wochen aber auch Monate dauern.

Das Formular haben wir noch nicht ausgefüllt. 

Wir haben auch noch nicht wirklich darüber gesprochen.

Über diese Bedürftigkeit.

Die Entscheidung

„ Weißt du „ sagt meine Mutter „ Keine Tochter ist verpflichtet ihre Mutter zu pflegen. Aber als Kind hast du schon die Verantwortung und die Pflicht dafür zu sorgen, daß die Eltern rundum versorgt sind“. 

Ja eh

„ Bei deiner Großmutter hab ich das gut organisiert“ kommt schnell der Nachsatz .

Was soll ich antworten? Daß ihre Mutter äußerst pflegeleicht war? Mit großem Gleichmut , fast schon phlegmatisch, hat sie alles hingenommen,  jeden dankbar akzeptiert,  der für sie da war. Solange sie  täglich ihre Topfenknödel essen durfte und das Fernsehbild dank Zimmerantenne nicht grieselte.

„ Gut“ sage ich entschlossen und mit bemühtem Opportunismus in der Stimme. “Gut,dann kommt die Frau Hermi nun jeden Tag und hilft dir bei allem wo du Hilfe brauchst“. 

Schweigen. 

Die Frau Hermi gibt es natürlich ( noch) nicht. Aber sowas schwebt mir vor. Eine Frau Hermi, die kommt, wäscht ,  bisschen putzt ,  kocht und vielleicht auch noch Karten spielt und Spazieren geht. 

Das braucht sie nicht. Sagt Mutter. Und das will sie auch nicht.

Drei Wochen war meine Mutter im Sanatorium und nun ist sie wieder daheim. 

Drei Wochen hat sie , laut  eigenen Angaben, gut gegessen , hat geturnt geplaudert mit den Mitbewohnern, ihre Runden im Kaffeehaus gedreht, so manches Kartenspiel gewonnen und sich sicher und geborgen gefühlt.

„ Ich möchte in ein betreutes Wohnen ziehen“ sagt sie mit großem Ernst. 

„ Mutter ins Heim? Niemals ! “ schreit mein Bruder, “ Da gibt sie sich auf. Das ist das Ende“.

Während ich eine lachende Kartenrunde , Kaffe und Kuchen sehe sieht er Linoleumböden , Rollator- Fuhrparks und volle Windeleimer.

Wir haben beide recht und auch wieder nicht.

Ich schaue ein paar Häuser an. Sie heißen Fortuna, Wie daheim oder auch Residenzen. Mit dem Namen bekommt man gleich das Preisschild dazu .

Ich kann und ich möchte nicht entscheiden. Sie müsste mitgehen. Das will sie aber nicht. Unlösbar.

Soll sie nun einige Zeit alleine zu Hause bleiben um dann den Vorteil einer betreuten Wohneinrichtung zu sehen? 

Oder gewöhnt sie sich wieder an den Alltag, den wir ihr daheim organisieren?

Natürlich ist ihre Wohnung schön. Natürlich ist die Terrasse ein Traum, wenn erst der Frühling, der Sommer kommt. 

Aber wenn ich tief in mich hinein höre muss ich zugeben daß ich die letzten drei Wochen sehr fein fand ; zu wissen, Mutter ist versorgt und ich kann wirklich nur zu Besuch kommen war eine große Erleichterung. 

Natürlich kann ich meinen Bruder verstehen, der allein beim Wort „ Heim“ schon Magenweh bekommt. 

Fast fühle ich mich in die „ Abschiebe Rolle“ gedrängt.Als wollte ich sie loswerden. Nicht sie will ich loswerden; die Verantwortung, die Sorge will ich loswerden. Die tägliche  Angst um sie will ich loswerden. 

Sie will in ein betreutes Wohnen. Das hat sie selbst gesagt. Aber will sie das morgen noch? Nächste Woche? Will sie das wirklich oder ist es so wie mein Bruder befürchtet: Jetzt im Moment der Einsamkeit und Hilflosigkeit stellt sie es sich gut vor, aber wenn sie einmal dort ist, alle Brücken hinter ihr abgebrochen sind, die Wohnung weg ist, empfindet sie es als Endstation.

Dann ist es die Endstation. Die letzte Wohnstation in einem Leben . Gibt sie dann auf oder arrangiert sie sich?

Beim eigenen Kind trifft man täglich auch weitgreifende Entscheidungen. Aber bei meiner Mutter habe ich so eine Hemmung etwas in Gang zu setzen dass unwiderruflich ein Schritt weg ist. So empfinde ich es : Ein Schritt weg.


Die Gurke

Vier Stunden und sechzehn Minuten. Genau solange glaube ich, alles richtig gemacht zu haben. Vier Stunden und sechzehn Minuten lang bin ich überzeugt, meine Mutter ist in besten Händen, erholt sich, um nach zwei Wochen gestärkt wieder nach Hause zu gehen.

„Kein Luxus, nur Preis.“

War die erste Nachricht die ich am Handy erhalte und die mich Schlimmere befürchten lässt. 

„Kann Lustspiel über Zimmernachbarin drehen“ war die Nummer zwei.

Sie hat sich für ein Zweibettzimmer entschieden, nach den guten Erfahrungen mit dem jungen Mädchen im öffentlichen Spital. 

Die Sanatoriumsleitung findet es eine gute Idee, die Frau Magister zu einer weiteren Frau Magister zu legen.

Aber die beiden „Alpha-Weibchen“ halten es nur eine Nacht miteinander aus.

Am nächsten Morgen bekomme ich einen Anruf von der Sanatoriumsleitung: „Ihre Frau Mutter ist sehr aufgeregt. Es hat einen Streit in der Nacht gegeben. Sie will verlegt werden.“ 

Ich sitze in dem wirklich schönen Kaffeehaus auf dem Dach des Sanatoriums mit einem Rundumblick auf die Stadt.

„So eine Gurkn“ fängt Mutter an ihrem Ärger Luft zu machen

„Dreht mitten in der Nacht alle Lichter auf und reißt mich mit Gebrüll aus dem Tiefschlaf. Ich hätte die Nachtkasterln verschoben“.

Ich muss grinsen, denn wir haben Mutters Nachtkästchen wirklich verschoben,  weil es links stand und sie aber gewohnt ist, rechts nach Tabletten, Buch und Brille zu greifen. Ich habe die ungeschriebene Rangordnung missachtet: Wer Erster im Zimmer liegt, hat das Sagen. 

Offensichtlich haben sich die beiden Damen mitten in der Nacht nichts geschenkt.  Die Nachtschwestern mussten eingreifen. Und ab sofort will Mutter ein Einzelzimmer.

Es ist geräumig mit einem schönen Blick auf alte Bäume gegenüber. Aber sie ist eben wieder alleine. Wie schon zu Hause. 

Hier ist nur der große Vorteil: Sie kann ohne Hindernisse jederzeit in das Kaffeehaus. Das nützen wir aus. „Schau, da sitzt sie, die Frau Magister“ zeigt sie mir ihre Kontrahentin . „So schöne Haare- sicher eine Perücke.Und niemals ist sie 97 Jahre alt…“

Ich freue mich, dass sie offensichtlich am Leben wieder teilnimmt.

Auch körperlich soll es aufwärts gehen:

Der Physiotherapeut kommt zweimal am Tag und animiert sie zur Bewegung. Sie ist noch sehr schwach aber willig. Und das ist das Wichtigste.

Ich bin erleichtert. Sie lobt das Essen, bemängelt die löchrige Bettwäsche, verschenkt Schokolade an die Pfleger und ist vom Arzt begeistert. 

„Du packst es nicht.“

lautet eine weitere Textnachricht am Abend.

„Seit zwei Tagen warte ich in diesem Luxusetablissement auf einen Flaschenöffner für mein alkoholfreies Bier vor dem Schlafengehen. Heute wieder nix.“

Ja, das sind die Probleme,die ich gerne höre! 

Das Krankenhaus

„Scheußlich hier, so altmodisch und verdreckt. Der Boden pickt richtig“, mit diesen Worten betreten wir die Station des Krankenhauses  und  mit diesen Worten empfängt meine Mutter die Schwester, die zur Aufnahme herbeieilt.

Ich schlupfe tiefer in meinen Mantel und versuche mit den Augen Verständnis und Entschuldigung gleichzeitig zu signalisieren.

Die Aufnahme erfolgt schnell und professionell. Eine mehrere Stunden dauernde Infusion, eine Art „Minichemo“ soll die Entzündung im Körper eindämmen und die Schmerzen reduzieren.

Dazu sind zwei Tage Krankenhausaufenthalt notwendig.

Niemals hätte sich meine Mutter dazu bereit erklärt wenn nicht die Schmerzen unerträglich gewesen wären. 

Ihr Arzt kennt sie nur zu genau. „Sie soll auf keinen Fall abschwellende entzündungshemmende Mittel schlucken, sonst kommt sie wieder nicht her“, lautet seine Anweisung und ich bemühe mich. Bemühe mich den Anweisungen des Arztes zu folgen, die Medikation quasi zu überwachen ohne ihr Misstrauen zu wecken. Denn hätte sie gewusst daß Tablette X ihr kurzfristig Linderung verschafft sie hätte sie sofort geschluckt um dann triumphierend auf die Unnotwendigkeit der Infusion hinzuweisen.

Nun sind wir da. In der Annahme, es sei natürlich ein Ein-Bett-Zimmer reißt sie die Tür des ihr zugewiesenen Raums ohne Anklopfen auf. Mit dem Rücken zu uns  steht ein zartes junges Mädchen im klassischen Spitals outfit, das Hemdchen klafft hinten weit auseinander. Beide erschrecken zutiefst.

„Na sehr fein, kein Einzelzimmer und das Bett hier bei der Tür“, murmelt Mutter. Ich entschuldige mich tausendmal. Bei dem Mädchen natürlich. 

Die Erstuntersuchungen und das Aufnahme-Prozedere lenken Mutter gut ab. Ich fahre nach Hause.

Nachmittags dann der erste Anruf. „Ich läute hier jetzt schon seit zehn Minuten und keine der Schwestern kommt“.

Auf ihre Zeitangaben kann man sich nicht wirklich verlassen. („Ich war seit einer Woche nicht auf der Strasse“. „Ich habe drei Tage nichts gegessen“ „ Das Telefon klingelt nie mehr“.)

„Wenn ich jetzt aus dem Bett fallen würde, würde ich die ganze Nacht am Boden liegen“. „Auf diesem dreckigen Boden“, fügt sie noch schnell dazu.

„Mutter, was soll ich jetzt am anderen Ende der Stadt machen. Es kommt sicher bald wer“.

Nächster Anruf. „Dieses Mädchen schaut ununterbrochen fern. Und wenn der Fernseher ausgeschaltet ist, dann hört sie laute Musik. Das halte ich nicht aus“.

„ Mutter, du kannst dich sicher einigen mit ihr. Versuche es“.

Die Infusion verläuft gut. Die Schmerzen sind weg. Euphorischer Anruf am nächsten Tag. „Es geht mir wunderbar. Kommt mich holen“. Und dann erzählt sie noch, dass es so nett war mit der Zimmergenossin der jungen Frau türkischer Abstammung. Sie haben sich so gut verstanden und sie war froh nicht allein im Zimmer zu sein. Und überhaupt…sie fühle sich im Grunde sehr einsam zu Hause….

Auf den Entlassungspapieren steht, dass sie einseitig ernährt sei, Mangelernährt. Das erschreckt mich sehr und ruft sofort massive Schuldgefühle hervor. Für die Angstzustände, die sie dort dem Psychiater geschildert hat hat sie Lavendelöl statt ihre Psychopharmaka bekommen. Und die Tabletten, die als Einschlafhilfe gedacht waren sind durch andere Schlafmittel ersetzt worden. 

Ihr ohnehin sehr sensibler Körper reagiert auf diese Umstellung natürlich prompt. 

Die erste Nacht wieder daheim ist katastrophal. Alles zurück auf Anfang? Sie ist ein Häufchen Elend und ich fasse einen Entschluss:

Es gibt ein wunderschönes Sanatorium am Stadtrand die haben sogar Zimmer frei. Dort soll sie aufgepäppelt werden, wieder gehen lernen… damit sie im Frühling im Park unter blühenden Bäumen spazieren gehen kann.

„Ich geh nur dir zuliebe“, flüstert sie, sichtbar erleichtert.

Das ist mir recht. 

Die Erholung

Zwei Seelen kämpfen in meiner Brust. Eine, die will dass bald alles wieder so läuft wie bisher, dass Mutter sich erholt, zu Kräften kommt und wir uns wieder wie bisher mit der Betreuung von Tag zu Tag hanteln. 

Und die andere Seele, die will abgeben, die sehnt sich nach einer Lösung, bei der Mutter glücklich und in guten Händen ist und der Alltag nicht immer von Tag zu Tag neu zu organisieren ist. 

Sie steht langsam wieder aus dem Bett auf, fühlt sich sehr schwach. Sie möchte ihren Hausarzt kommen lassen. Die Idee eines Sanatoriums, einer Art Kuraufenthalt schwebt im Raum. Sie möchte „aufgepäppelt“ werden. Er soll die nötigen Überweisungen machen.

Ich finde das eine gute Idee.

Der liebenswürdige Arzt kommt gerne zu Mutter. Er mag ihre großzügige Wohnung und schätzt sie als intelligente Patientin.

Wenn sie das wirklich möchte, schreibt er ihr gerne die Überweisung in ein Sanatorium, aber eine Notwendigkeit sieht er nicht. Ein paar kräftigende Mahlzeiten, tägliche Bewegung und die von ihm verordneten Medikamente sollten sie bald wieder fitter werden lassen. Sie ist glücklich. Sein Optimismus steckt sie an.

„Weißt, ich möchte möglichst lange meine Unabhängigkeit behalten“ haucht sie ins Telefon.

Ich schreie… innerlich laut, ins Telefon etwas leiser „Deine Unabhängigkeit ist abhängig von uns, von mir. Du bist nicht unabhängig.“ Und erstmals rede ich mir meine Sorgen von der Seele. Ich sage ihr, dass ich mich so verantwortlich fühle, dass es mich zerreißt vor Kummer sie nicht gut versorgt zu wissen. Ständig zu überlegen, wer geht wann einkaufen, was sie wohl essen mag und ob sie genug Besuch hat ist sehr belastend, dass ich leide, wenn ich höre, sie fühlt sich einsam und dass ich fast zornig werde bei dem Satz „Es geht ja niemand mit mir spazieren“. 

Sie hört sich alles still an. Schweigt. Und sagt dann mit Grabesstimme „Ich glaube du solltest jetzt ein paar Tage nicht kommen“, um dann hinzuzufügen „Damit du dich erholen kannst…“

Es ist Freitag Nachmittag und ich bespreche mit meinem Bruder seinen Wochenend-Einsatz. 

Samstag fragt er an ob sie etwas brauche. „Nein“. Kurz und bündig. 

Sonntag lässt er sich nicht abhalten und geht mit einer Suppe zu ihr. „Von deinen Suppen ist mir übel geworden. Deswegen war ich auch so krank die letzte Woche“. Peng

Fast habe ich Hemmungen, das so niederzuschreiben, weil mir mein Bruder schrecklich leid tut. Aber es kommt noch schlimmer: 

Sie fühlt sich elend und bittet ihn, einen Arzt anzurufen. Er gibt zu bedenken: Ein Notarzt am Sonntag Nachmittag wird sie wahrscheinlich in ein Krankenhaus bringen, aber wenn sie möchte, ruft er gerne an.

„Nein, auf keinen Fall“, sie ist ausser sich allein beim Gedanken daran . Sie geht in kein Spital, er soll auf keinen Fall anzurufen.

Ein wenig später fügt sie hinzu: „Und wenn ich jetzt sterbe, bist du schuld, weil du nicht angerufen hast“.

(Meine „Erholung“ ist übrigens Montag Vormittag zu Ende. )

Die Bergtour

Das war ein Spaziergang bis jetzt. Sozusagen. 

Nach massiven Schüben gleich zweier Autoimmunkrankheiten ist es eine Bergtour geworden. Im Schneegestöber. In Sandalen.

Wie konnte ich nur glauben, daß es so weiter geht wie bisher.

Ein bisserl den Alltag organisieren, Arztbesuche einfädeln, Mahlzeiten vorbeibringen, Kaffee am Nachmittag, die Langeweile vertreiben, Beschwerden, Schmerzen und Sorgen anhören und versuchen sie zu lindern.

Nun liegt sie da und steht nicht auf. Will nicht aufstehen. Kann nicht aufstehen.

Will auch nicht den Arzt rufen aus Sorge dann ins Spital zu müssen. 

Gleichzeitig bekomme ich eine Liste diktiert mit all den Sachen die ich beachten müsse, wenn sie ins Spital kommt.

Ein Widerspruch? 

Ich koche Käsepappeltee, zerdrücke eine Süsskartoffel mit Butter und Salz und versuche sie zum Essen zu animieren. In den zwei Tagen, die ich nicht bei ihr war, hat sie nichts gegessen. Sagt sie. Genau weiß ich es nicht. 

Ich möchte sie einpacken, zu mir nach Hause nehmen und sie versorgt wissen. Das will sie aber nicht. Ich habe kein Bett mit Einstiegshilfe, keine ebenerdige Dusche, und ihre Sachen und überhaupt…

Ich kann meine Mutter verstehen,bin aber ratlos.

Jetzt, wo es ihr wirklich schlechter geht als je zuvor, körperlich schlechter, scheinen die psychischen Probleme in den Hintergrund getreten zu sein. Sie kämpft mit ihrem Körper, sie kämpft ums Aufstehen, um das „Ins Bad gehen“  können, ums Schlucken beim Essen, um Schwindel und um Schmerzen bei jeder Bewegung. Da bleibt kein Platz für „ich bin so einsam, niemand liebt mich ,niemand ruft an“

Ich habe das Telefon in der Nacht neben meinem Bett und hoffe auf keinen Anruf. Ich laufe in der Früh zu ihrer Wohnung und möchte sie fröhlich am Tisch sitzen sehen, bin aber so erleichtert, sie überhaupt lebend zu sehen. 

Ja, das ist die Angst: In die Wohnung zu kommen und sie ist nicht mehr da.

Eine treue Haushaltshilfe kommt einmal in der Woche. Das ist heute. Was morgen ist, darüber will sie nicht nachdenken. Sie will auch keine 24 Stunden Pflege, weil ständig wen um sich herum, das hält sie nicht aus.  Also doch wieder die tägliche Betreuung durch den Pflegedienst, Schlüsselkastl hin, Fremde in der Wohnung her…?

Sie will nicht. Kann man sie zwingen? Ich höre von Bekannten, die Pfleger werden oft nicht in die Wohnung gelassen, weggeschickt. Würde sie das machen? Hat sie noch die Kraft dazu?Und was dann? 

Ein Gespräch vor vielen Monaten fällt mir ein. Sie will nicht mehr leben. SO will sie nicht leben, hat sie gesagt. So eingeschränkt, so an die Wohnung gefesselt, so abhängig. Sie wisse um die Schmerzen die kommen werden, um die Beschwerden die ihre Krankheit mit sich bringt und die auch zum Ende führen. Ich war sehr hart: „So darfst du nicht reden. Wir bemühen uns alle daß es dir gut geht.“

Nun liegt sie eingepackt im Bett und flüstert: „Ich darf ja nicht sagen, daß ich nicht mehr will“. „Mutter, du darfst alles sagen…“

Der Heilige Abend

Der Heilige Abend fängt bereits am Nachmittag an. Da  sitzt Mutter mit den Enkerln in meiner Küche und wartet.

„ Das dauert aber lange heute bis das Glockerl klingelt?

„ Also mehr als drei Lieder bitte nicht singen “

„ Ich hab so einen Hunger. Können wir nicht jetzt essen“?

Nein, da jammert nicht meine dreijährige Enkelin sondern meine Mutter.

Wann wird man wieder zum Kind? Nicht zum staunenden Kind, nicht zum glückselig lachenden Kind sondern zum unbeherrschten, ungeduldigen, zum „ ich will alles und das sofort“ Kind?

Wann habe ich den Zeitpunkt bei meiner Mutter versäumt?

Warum ist mir nicht aufgefallen,dass sie genauso nervös und aufgeregt ist am Heiligen Abend wie meine Enkel? Aber doch aus anderen Gründen.

Kinder, die muss ich jetzt nicht groß erklären. Sie versuchen einen Blick ins Weihnachtszimmer zu erhaschen, spitzen die Ohren um das Glockerl nicht zu überhören und rutschen aufgeregt kichernd auf den Knien durchs Vorzimmer.

Mutter sitzt in der Küche, nippt am „ ich trinke sicher keinen Alkohol“ Champagner und versucht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Indem sie unglücklich, ja fast verzweifelt schaut und immer wieder betont, wie schlecht sie sich gerade heute fühlt. Das ist kein guter Zeitpunkt, weil ja doch jeder von uns nur ein leuchtendes Paar Kinderaugen erhaschen will.

Es hat schon so ein wenig was von „ jetzt habe ich mich extra auf den Weg hierher gemacht und nun kümmert sich keiner“. Alle anderen ignorieren es aber ich fühle mich schuldbewusst.

Auf Kinder nimmt man Rücksicht und legt den Heiligen Abend so an, daß sie möglichst viel davon haben. Aber was ist mit den älteren Menschen? Mutter will wie jeden Tag früh Abendessen und früh ins Bett aber trotzdem Weihnachten mit uns allen erleben. Für die Babys damals hat man das abgestimmt. Hatte Einladungen abgelehnt, Abendessen vorgezogen und das Glockerl klingeln lassen zu einer Uhrzeit wo in andren Haushalten der Baum noch im Netz eingewickelt am Balkon stand.

Von einer Erwachsenen erwartet man Flexibilität im gewohnten Tagesablauf. Aber ab wann wird man wieder quasi zum Kind, ab wann wäre Rücksicht angesagt?

Wenn sie nicht so fordernd wäre…Das ist mir jetzt so herausgerutscht und wenn ich länger darüber nachdenke dann ist es das wohl. Man macht alles gerne, wenn man sieht, es ist notwendig. Gut, aber andererseits will sich Mutter nicht gehen lassen. Sie will daß man Rücksicht nimmt, weil sie sich schwach fühlt aber niemand soll es merken. Sie will bestimmen wie und wo und wann, aber aus einer Stärke heraus die nur als Forderung beim Gegenüber ankommt. . Das geht sich oft nicht aus.

Sie drängt zur Bescherung. Im Namen der Kleinen, versteht sich.

Die rutschen aber glücklich und entspannt vor dem Wohnzimmer umher, weil….die Vorfreude ist oft am Schönsten.

Als die letzten Familienmitglieder endlich eintreffen, schiebt sie diese fast noch im Mantel zur „Weihnachtstüre“.

Das Glockerl soll endlich klingeln und als es soweit ist, ist sie noch vor den Kindern im Zimmer.

Wir sind eine unmusikalische Familie. Kein Flötenkonzert, keine Klavierdarbietung aber alle singen begeistert sämtliche bekannten Weihnachtslieder,meist nur die ersten zwei Strophen, die dafür doppelt so laut.

Zumindest war es bis jetzt immer so. Nach dem zweiten Lied möchte Mutter aufhören zu singen. Das heisst, sie möchte daß wir alle aufhören.
„Viel zu viele Geschenke sind da. Schrecklich“ sagt sie

“Das dauert ja wieder ewig, bis die alle ausgepackt sind“ meint sie.

Während die Kinder noch beschäftigt sind, stürmt sie schon den Esstisch und wartet auf die Vorspeise.

Der Abend endet für sie wie sie es wollte: früh. Er endet noch vor der Nachspeise, denn da steht sie auf und will gehen. Und während ich sie mit dem Auto nach Hause fahre, bedankt sie sich überschwänglich für den netten Abend. Sie bedankt sich so lieb, daß ich mich frage ob sie die Spannungen überhaupt gespürt hat? Oder ob sie in ihrem Bemühen , ihre Schwäche herunterzuspielen so sehr auf sich selbst konzentriert war daß sie sonst nichts wahrgenommen hat?

Der Therapeut

…und hat mit großer Geduld ihr Leiden bis zum Ende ertragen. „Das könnt ihr nie in meiner Todesanzeige schreiben“ , sagt Mutter. „Denn ich ertrage es nicht und ich weiß, ich bin dabei sehr ungeduldig“.

Aber wie geht man um mit einer Krankheit, bei der es nie mehr besser sondern kontinuierlich nur schlechter wird? Bei der man nicht sagen kann: “ Wenn ich mich erholt habe, dann….“ oder “ Ich brauche nur ein bisschen Zeit, das wird schon wieder…“ 

Annehmen? Damit leben lernen? Sich dem Schicksal fügen?

Das sind alles Schlagworte die man in diesem Zusammenhang hört. Aber nicht jeder hat die Kraft, die Geduld und den Willen sein gewohntes Leben einfach aufzugeben , seine Krankheit anzunehmen und sich so dem Unausweichlichen zu fügen.

Medikamente können aber dabei helfen. Sie nehmen den Emotionen die Spitzen, machen ruhiger ,relaxter und ja, vieles lässt sich dadurch leichter ertragen.

Medikamente sollen aber nicht die einzige Lösung sein. Wir meinen, eine Theraphie könnte helfen herauszufinden, warum sie so sehr hadert mit ihrem Schicksal. Warum sie „ krank – alt – nutzlos “ in einem Atemzug sagt und auch so meint.

Der Therapeut, den wir suchen, muß sich in unmittelbarer Gehweite befinden und Erfahrung mit chronischen Krankheiten haben.

Dr.M hat die Ausbildung im zweiten Bildungsweg gemacht, vorher in der Pflege gearbeitet und scheint sehr einfühlsam.

Nach dem dritten Besuch ist Mutter fahriger, nervöser und unruhiger denn je. Sie schläft nicht gut. Sie hat jede Nacht Albträume.

Ich verstehe es erst nach einer Weile.

In den Sitzungen haben sie über ihre Kindheit geredet, über die Beziehung zu den Eltern, zum Vater. Das war keine glückliche Kindheit, keine unbeschwerte, wie auch, mitten im Krieg. Die Beziehung zum Vater war konfliktreich, fast bis zu seinem Ende.

All das war Jahrzehnte gut verdeckt und durch ein arbeitsreiches Leben erfolgreich verdrängt worden.

Nun ist ihr Vater auferstanden und setzt sich jede Nacht an ihr Bett. Sie erlebt Diskussionen, die sie so wahrscheinlich nie geführt hat und Gespräche die nie stattgefunden haben. Sie ist plötzlich wieder das kleine Mädchen in der Abhängigkeit ihres mächtigen Vaters. Unliebsame Erinnerungen kommen hoch und rauben ihr den Schlaf.

Der Therapeut sucht den Grund für das „ nicht annehmen können“ in ihrer Kindheit. Er mag da sicher auf dem richtigen Weg sein,  aber es geht gründlich schief.

„ Jetzt muß ich mich nicht nur mit meiner Krankheit beschäftigen sondern auch noch mein Elternhaus aufarbeiten.“ Mutter ist verzweifelt. Ihr fehlt die Kraft für beides und sie will die Therapie sofort abbrechen. Sie ist überzeugt: es muß nicht alles zerredet und aufgearbeitet werden. Bei manchen Erlebnissen aus der weit entfernten Vergangenheit ist es gut nicht daran zu rühren. Außerdem weiß sie sicher : Bis sie zu einem Ergebnis kämen , wäre sie eh schon tot. 

Ein Abbruch der Therapie scheint mir nicht ideal: „Nutze doch die Gelegenheit um mit einem jungen Mann zu plaudern“ . locke ich sie. So geht sie weiter zu den Sitzungen, aber sie plaudern über….ja über was eigentlich?

Offensichtlich haben sie sich auf Themen geeinigt ,die beide positiv  erlebt haben. Doch das geht nur kurze Zeit gut. 

„ Ich zahl doch nicht einen Haufen Geld um mit einem fremden Menschen über die 60-er Jahre zu quatschen“ meint Mutter, „ das kann ich mit dir genauso reden“ . Sie sagt die weiteren Stunden endgültig  ab.

Nun bin ich auf der Suche nach einer Beratung für Angehörige um zu verstehen und um zu lernen mit Krankheiten umzugehen, die früher oder später zum Tod führen. Wie erfolgreich ich dabei bin, das ist eine andere Geschichte.

Das Alter

„Das erste Mal so richtig alt gefühlt hab ich mich, als mir an einer Baustelle niemand mehr hinterher gepfiffen hat“. 

„Mutter… das kannst du heute nicht mehr so sagen! Du liest doch Zeitungen, du kennst die „meToo“ Debatten. Ausserdem definieren sich Frauen heute nicht mehr über solche Äußerlichkeiten.“

„Blödsinn“, mit einer Handbewegung wischt sie jedes Argument vom Tisch. „Glaubst du heute ist es anders als vor 50 Jahren? Jeder will lieber ein junges Mädchen sehen als einen alten Tattergreis wie mich.“

Von einem „Tattergreis“ ist sie weit entfernt. Und das weiß sie auch. 

Mutter legt Wert auf Äußerlichkeiten. Bei sich und bei Anderen. Das heißt nicht, dass sie oberflächlich ist. Aber der erste Eindruck ist wichtig. Da ist sie ganz alte Schule: Geputzte Schuhe, guter Haarschnitt und kein Mantel der voller Futzel und (Hunde)haare ist. Sie geht nie mit dem „Hausgewand“ auf die Straße. Auch Mantel und Schuhe müssen zusammen passen. Das Handtaschenproblem hat sich dank flottem, roten Körbchen am Rollator erübrigt. 

Sie beobachtet sich genau. „Die Augen werden immer kleiner“ klagt sie und zieht mit immer noch geübter Hand einen Lidstrich.

„Und im Alter verschwindet die Unterlippe irgendwie im Mund und die Mundwinkel hängen. Schau dir einmal die alten Frauen auf der Straße an. Die wirken alle grantig oder traurig. Dabei sind es oft nur diese hängenden Mundwinkel“. 

Sie versucht bewußt dagegen zu steuern  und geht auf der Straße mit erhobenen Kopf und lächelt… „Na, mehr hab ich nicht gebraucht“ schimpft sie dann. „Jetzt halten mich alle für die ständig blöd grinsende Alte von Tür elf, die sicher nicht ganz richtig im Kopf ist“.

So mancher mag sich jetzt denken: Na, wenn man kaum mehr Luft bekommt und unerträgliche Schmerzen hat, sind hängende Mundwinkel das allerkleinste Problem.

Das ist ja klar, aber darum geht es auch nicht. Wenn Mutters Schmerzen überhand nehmen und sie das Bett nicht verlassen kann, dann ist der Lidstrich wirklich egal. (Auch wenn der fesche Hausarzt kommt. Obwohl, da geht dann schon ein bisserl was…) 

Es geht um die Anerkennung des Alters, um die Schönheit im Alter, um die Würde und den Wunsch vieler alter Menschen wahrgenommen zu werden, angeschaut, angelächelt zu werden. Und der Wunsch zu gefallen hat ja kein Ablaufdatum.

„Wenn ich nach einem schönen Traum am Morgen in den Spiegel schaue, schrecke ich mich“ erzählt sie. „Ich kann kaum glauben, dass dieses alte Gesicht meines ist. Ich hab die Runzeln und die Falten schlicht vergessen“. Der Körper altert, aber die junge Frau die man einmal war, verlässt uns nie.

Mir war das nie so bewußt. Aber seit ich mit meiner Mutter diese Dinge erlebe und sie auch sehr offen darüber spricht, ertappe ich mich, wie ich älteren Damen in der Straßenbahn liebevoll zulächle wie ich kleine Komplimente verteile und immer ein strahlendes Lächeln zurückbekomme.

Meine Mutter ist überzeugt: Ältere Frauen werden in unserer Gesellschaft kaum wahrgenommen; und die alten Frauen, die sind unsichtbar. 

Der Rollstuhl

Einmal noch durch Blätter rascheln, durch Schnee stapfen. So bescheidene Wünsche und doch nicht zu erfüllen.

Nach einem Sturz ist Mutter verunsichert und ängstlich. Und es muss nicht nur das Selbstbewusstsein, auch die Muskeln müssen wieder aufgebaut werden.

Wir besorgen einen Rollator für die Wohnung und einen Rollstuhl für die Ausfahrten. Mit dem Rollator soll sie in den eigenen vier Wänden üben, auf und ab gehen, bei jedem Schritt etwas zum Festhalten haben.

Ich gebe es zu: freue mich auf die Rollstuhl-Ausfahrten. Kein ängstliches, an meinem Arm geklammertes, langsames Spazierengehen sondern ein flottes Marschieren, die Mutter warm,  sicher und wohlbehalten vor mich herschiebend. 

Ich sehe sie im Rollstuhl sitzen, aufrecht und elegant, eine karierte Decke um die Mitte, ein Urenkerl auf den Knien. Ich sehe uns in Konzerten, im Theater und im Kaffeehaus, plaudernd über den Zeitungen sitzen.

Nach langem Überreden ist Mutter bereit, dem Rollstuhl eine Chance zu geben. Das erste, sehr überraschende Hindernis: der Rollstuhl passt nicht in den Aufzug. Sie muss daneben stehen, der Stuhl leicht zusammengeklappt. Es ist fast unmöglich für sie den Liftknopf zu erreichen. Ich drücke das „E“ für Erdgeschoss durch die schnell schließende Lifttüre und rase sechs Stockwerke über die Stufen hinunter, um unten eine zitternde Mutter in Empfang zu nehmen. Das geht so nicht. Und Ausfahren möchte sie jetzt sowieso nicht mehr. Also wieder retour hinauf. Diesmal lasse ich den Rollstuhl gleich unten und bringe ihn zum Umtausch ins Geschäft. Mit dem leichtesten, kleinsten und lifttauglichen Modell komme ich wieder.

Sie übt fleißig gehen mit dem Rollator, macht das wirklich gut, aber ich spüre, irgendwas bedrückt sie .

„Ich muss jeden Tag beim Aufwachen weinen“. Weil der erste Blick in der Früh auf den Rollstuhl im Vorzimmer fällt. „Da wird mir meine Gebrechlichkeit so bewußt“.

Ich bin sehr betroffen und wir beschließen den Rollstuhl zusammenzuklappen und für sie unsichtbar hinter der Garderobe aufzubewahren. Doch das reicht nicht. Allein die Anwesenheit bedrückt sie und bringt sie zum Weinen. Nach einiger Zeit bringe ich ihn ungebraucht ins Geschäft zurück.

Sie traut sich mit den Rollator auf die Straße. Geschickt manovriert sie das Gefährt an den abgeflachten Gehsteigkanten über die Fahrbahn. Sie rast und ich komme, den alten Hund hinter mir her ziehend, kaum mit. Die flotte, rote Tasche vorne ist sehr praktisch beim Einkauf. 

Leider will sie niemals mehr ein Kaffeehaus betreten.Und ins Kino will sie auch nicht.„Wohin soll ich denn das blöde Ding da abstellen“.

„Das blöde Ding“ schenkt ihr ganz viel Beweglichkeit und auch Freiheit, aber sie geniert sich. Die Straße auf und ab, der Supermarkt, das geht, aber die Orte der vergangenen Zeit, die Kaffeehäuser, das Theater vermeidet sie.

Ich versuche es mit Überreden, mit Bitten und Drohen. Aber Mutter ist stur. 

Ich kann  ihre Ängste nicht nachvollziehen und bin überzeugt davon ein Besuch im Kaffeehaus oder im Kino würde für sie eine schöne Abwechslung in ihrem Alltag sein, ja sie ihrem gewohnten früheren Leben näher bringen. 

Ich soll viele Hürden für sie bewältigen, Entscheidungen treffen, Hindernisse aus den Weg räumen aber letztlich ist sie eine eigenständige Person.

Diesen Balanceakt zwischen ständiger Verfügbarkeit und Hilfestellung meinerseits und Mutters starken eigenen Willen andererseits muß ich noch üben.

Die Mahlzeit

Kochen war nie Mutters Königsdisziplin. Untrennbar mit meiner Kindheit verbunden:

„Kochsalat mit Erbsen“ (kennt das noch wer?). Sie hat nie gern gekocht, stand aber doch fast jeden Tag notgedrungen am Herd.

Mit zunehmenden Alter hat aber ihre Lust, überhaupt zu kochen, abgenommen. Das ist verständlich. Es erfordert von einem kranken Menschen sehr viel Disziplin, sich jeden Tag selbst ein Essen zuzubereiten und es auch alleine zu essen.

Eine Zeitlang waren die Mittagsmenüs in diversen Gaststätten eine gute Alternative. Aber seit sie nicht mehr so gern außer Haus geht und der Mittagsschlaf unmittelbar nach dem Essen so wichtig geworden ist, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.

Die Einrichtung „Essen auf Rädern“ ist großartig. Frische Menüs, die man sich aussucht, werden direkt zugestellt. 

Wenn es doch so einfach wäre. 

Da ist erst einmal die Hürde des Bestellens zu überwinden. Die Wunschspeisen müssten online wöchentlich deponiert werden. Das kann ich für sie tun . „Ich weiß doch heute nicht, was ich übermorgen essen möchte “, jammert Mutter und überhaupt: Wohin mit den Speisen, die gekühlt einmal in der Woche geliefert werden. Ihr Kühlschrank ist klein, ihr Tiefkühler nur ein Eisfach. Es gibt auch die Möglichkeit einer täglichen Lieferung. Das bringt jedoch ein weiteres Problem mit sich: 

Die Zustellungszeit ist mit „von….bis“ angegeben. 

Mutter befürchtet, daß sie die Türglocke nicht hört. Das bedeutet dann, daß sie sich ab, sagen wir 10 Uhr, in den Vorraum auf einen Hocker setzt und wartet bis das Essen geliefert wird. Und wenn es dann endlich läutet, ist sie ein Wrack. Nervlich so am Ende, daß sie keinen Bissen hinunterbekommt.

Wir  beschließen die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Mein Bruder, der nur sonntags zeit zum Kochen hat, soll sie mit Vorgekochtem bis Mitte der Woche versorgen, dann übernehme ich.

Wir besorgen hübsche Glasbehälter, gut stapelbar und mit leicht zu öffnendem Verschluss.

Sonntag Abend wird der Kühlschrank gefüllt. Mit Linseneintopf. Den wärmt sie sich Montag Mittag auf. Dienstag: Linseneintopf. Mittwoch… ich höre es schon an der zaghaften Stimme am Telefon… „Linsen, zwar  gesund und nahrhaft, aber dreimal hintereinander, das kriegt kein Mensch runter“.

In der zweiten Woche probiert es mein Bruder mit Gemüse, variabel zu Nudeln oder Reis. 

Mitte der Woche finde ich einen sehr vollen Kühlschrank und eine sehr unglückliche Mutter vor. 

Dazu ist folgendes zu sagen. Ganz unüblich für ihre Generation sind für meine Mutter Vorräte äußerst belastend. Alles aufgebraucht, alles verwendet, keine Reste, ein leerer Kühlschrank, das ist der ideale Zustand. Da freut sie sich. „Wenn nichts da ist, kann auch nichts schlecht werden“.

In der dritten Woche ist mein Bruder schon ein bisschen weniger enthusiastisch was die Kocherei betrifft und ab der vierten Woche kommt nur mehr gelegentlich und auf Wunsch ein Glaserl  Vorgekochtes.

Ich habe es da ein bisschen leichter. Ich stelle mir vor, daß ich vom täglichen Mittagessen etwas abzweige und ihr bringe. Leider habe ich dabei nicht bedacht, daß meine Mutter nur zwischen halb zwölf und zwölf Uhr Mittagessen kann. 

Die strengen Essenszeiten sind von der Medikamenteneinnahme abhängig. 

An manchen Tagen gelingt es mir, bis elf Uhr ein Mittagessen zu kochen, aber nicht immer. Und vom Vortag Gekochtes soll die Ausnahme sein. 

Nun stehen wir wieder am Anfang. 

Die momentane Lösung ist nur eine vorübergehende. Wir hanteln uns von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Gelegentlich bringt mein Bruder was vorbei; dann wieder ich. Enkel kochen mit ihr in ihrer Küche und manches Mal wird eingekauft und sie bereitet sich selbst etwas zu. Das funktioniert im Moment ganz gut.

Aber das alles basiert auf einem fein gesponnenen Familiennetzwerk, daß nur solange hält solange die Fäden nicht reißen.

Ich schätze die Entlastung durch die Familie sehr, aber ich spüre auch das Gewicht dieses fragilen Netzes, in dem meine Mutter hängt und sich festklammert.

Der Besuch

„Der schönste Besuch ist der, den man kurzfristig abgesagt hat“ meint Mutter. Das muß sie mir erst einmal erklären.

Sie lebt allein. Das möchte sie auch. In jungen Jahren hat sie die klassische Vater- Mutter- Kind Konstellation gelebt, um dann in der zweiten Ehe auf getrennte Wohnungen zu bestehen. Die persönliche Tagesstruktur, die freie Entscheidung der Mahlzeiten, der Freizeit, das ist ihr bis heute wichtig.

Aber ein nur auf die eigenen vier Wände reduzierter Alltag ist etwas ganz anderes als ein seliges Durchschnaufen nach einem langen Arbeitstag.

Sie ist einsam. Sie fühlt sich einsam. Einsam sein heisst für sie am Abend alleine schlafen gehen und in der Früh alleine aufwachen. Unabhängig davon wie der Tag verlaufen ist.

So bekomme ich abends oft noch einen Anruf.“ Es ist so still“.“ Aber ich bin doch grad eben erst weggegangen“ „Ja, es war nett mit dir, aber jetzt, jetzt ist es so still hier“. Oder ich sitze noch beim Kaffee mit ihr und sie sagt ganz unvermittelt.“ Nun bin ich schon traurig, weil du bald gehst und ich werde gleich alleine sein.“ In solchen Augenblicken ist es sehr schwer aufzustehen,  seinen Mantel anzuziehen und nach Hause zu gehen. Ich möchte bleiben. Ich möchte aber auch flüchten. Davonlaufen vor der Traurigkeit, für die ich mich verantwortlich fühle, vor der Einsamkeit, die ich ja scheinbar durch mein Weggehen verursache.

Das Angebot,  zu mir zu ziehen, lehnt sie nach wie vor ab. Sie möchte sich ihre Unabhängigkeit beibehalten. Das ist ja grundsätzlich sehr lobenswert. Nur: Durch ihre (scheinbare) Unabhängigkeit wird meine Abhängigkeit immer größer.

Andere Familienmitglieder besuchen sie auch. Nicht untereinander   abgesprochen, wodurch sich oft skurrile Situationen entwickeln. „Ich war seit einer Woche nicht auf der Straße“ höre ich von Mutter und bin sofort alamiert und voll schlechtem Gewissen. Es stellt sich jedoch schnell heraus,daß sie am Vortag sehr wohl spazieren war, wenn auch nur ganz kurz, wie sie betont.“ Er war nur ein kleines Viertelstündchen da“ heißt es dann von einem anderen Besuch. Nach Rücksprache stellt sich jedoch heraus, das es nicht ganz so war wie sie es erzählt. Es ist nicht die Vergeßlichkeit des Alters. Ihr Geist ist wach. Was ist es dann? Möchte sie jedem Einzelnen von uns das Gefühl geben, unersetzlich zu sein? Oft denke ich, sie spielt uns gegenseitig aus um  so ein Gefühl der Nähe zu vermitteln.

Sie hat auch Freundinnen die sie besuchen wollen. Das ist nicht so einfach. Sie möchte nicht über ihre Krankheit reden, aber der Kreis der Eingeweihten ist sehr klein. Auch die, die Bescheid wissen, haben Schwierigkeiten mit der plötzlichen Müdigkeit, der abfallenden Konzentration und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Und da auch die Freunde schon ein fortgeschrittenes Alter und daher diverse Wehwechens haben ist ihre Geduld endenwollend. 

Diese Besuche strengen sie auch ungeheuer an. Einerseits. Andererseits sind sie eine willkommene Abwechslung. Glaube ich, werde aber eines besseren belehrt.

Wenn tagelang niemand anruft( und mit „niemand“ ist kein Familienmitglied gemeint, aber das ist eine andere Geschichte) dann fühlt sie sich von der Welt vergessen. Meldet sich dann doch wer telefonisch für einen Besuch an, steigt die Nervosität.

Sie muß absagen. Das schafft sie nicht. Zu anstrengend. Davon wird sie sich nie mehr erholen. Niemand kann doch ahnen wie schlecht sie sich fühlt.

Sie steigert sich so lange da hinein bis sie zum Hörer greift und den angekündigten Besuch absagt. Erleichtert ist sie dann,wie befreit. Denn sie ist nicht vergessen worden von der Welt da draußen; sie hätte ja Besuch haben können. Aber es war ihre freie Entscheidung abzusagen.

Es ist sehr still gewordenen ihrer Wohnung. Bald ruft niemand mehr an. Niemand Wichtiges; niemand aus vergangenen Zeiten, keine alten Bekannten, niemand Interessantes. Nur Familie.

Das Bett

„Machen sie ihre Wohnung fit. Barriere und angstfrei durch den Alltag. Von Anzieh-Hilfe für Socken und Strümpfe bis zum Hebekran für Bett und Bad.“ Die Angebote der einschlägigen Firmen lassen mich staunen: Kopfwaschwanne aufblasbar, Trinkbecher Nightwatch (fluoreszierend) oder einen Universalgriff für alle Drehknöpfe im Haus.

Lieber als die Wohnung hätte ich meine Mutter fit. Der Alltag ist mühsam für sie. Kleine Handgriffe sind oft ein großes Problem.

Daher soll  die Wohnung  adaptiert werden. Wir durchstöbern Kataloge und tauchen gemeinsam ein in die uns gänzlich unbekannte Welt der Heilmittelbedarfe.

Fangen wir mit dem Dringlichsten an. Mit der Toilette. Es gibt unheimlich praktische Toilettensitze: so hoch, daß man bequem auf und absteigen kann, mit zwei großen hochklappbaren Griffen links und rechts. Den kann ich sogar selbst montieren. 

Mutter geniert sich. 

Dieser Toilettensitz ist eine wirkliche Erleichterung für sie, trotzdem soll ich ihn wieder abbauen.

Die Sorge: Ihre Besucher würden glauben, sie sei auf solche Hilfsmittel angewiesen.  „Total peinlich“, findet sie.

„Aber du bist ja darauf angewiesen“ entgegne ich. Das hört sie gar nicht gerne. Zwei Tage Schweigen.

Am dritten Tag hat sie sich so gewöhnt an diesen Toilettenaufbau, daß von Abbau keine Rede mehr ist.

Falls es in der Nacht einmal schnell gehen muss, besorgen wir auch eine Zimmertoilette. Spontan taufen wir dieses Teil „ Louis quatorze“: Denn es ist ein wahrhaft königlicher Sessel: royalblau mit goldenen Ornamenten. Gut, die Sitzfläche ist aus grobem Kunstleder und die Ornamente aus Plastik, aber dieser Sessel kaschiert sein wahres Geheimnis gut: nämlich den grauen Eimer der unter der Sitzfläche versteckt ist. Auf Schienen zum leichten hinein und hinausschieben.

„Grauenhaft“ sagt meine Mutter. Niemals wird sie den benutzen (zur Zeit steht „Louis quatorze“ tatsächlich in einem ungenützten Zimmer als Kleiderablage).

Das Bett ist eine große Schwachstelle. Ein Krankenbett muss her mit Aufstehhilfe und einem mit Motor beweglichen Kopf und Fußteil.

Da sie bis jetzt in einem breiten Bett geschlafen hat, möchte sie auf diesen Komfort nicht verzichten. Krankenbetten gibt es aber oft nur als Einzelbett. „Die breiten Betten werden für besonders große, breite und auch schwere Menschen bestellt“, werde ich im Fachhandel aufgeklärt. Und zur Zeit sind keine solchen Betten verfügbar.

Ich mache eine Firma in einem benachbarten Bundesland ausfindig, die recht schnell, aber leider in Einzelteilen das breite Bett liefert und stundenlang zusammenbaut.

Es würde ins Schlafzimmer passen, aber durch die ungewohnt hohen Kopf und Fußteile wirkt das Zimmer plötzlich eng und dunkel.

Das Wohnzimmer wird adaptiert und wir bauen in einer Ecke einen kuscheligen Schlafplatz. Hinter einem Paravent wird das Bett neu aufgebaut. 

Das geht ein paar Nächte gut. „Weißt du“ sagt meine Mutter, „ich vermisse mein kleines Schlafzimmer. Ich hätte doch auch gerne ein Krankenbett dort“.

Plötzlich ist die Bettbreite kein Thema mehr. Sie gibt sich auch mit einem Einzelbett zufrieden. „Das Wohnzimmer-Bett ist viel zu breit. Ich lieg ja eh nur auf der einen Seite“.

Wir bestellen ein zusätzliches Einzelbett. Das Bett wird von einem netten, älteren Herrn geliefert und aufgebaut.

Für wen das zweite Krankenbett denn sei, fragt er, er sehe nicht einen Kranken hier.

Mutter ist fassungslos. 

Ob denn nicht klar ersichtlich wäre, wie krank sie sei…

Der nette Herr sieht eine zarte, ältere Dame vor sich, mit sorgfältig hochgestecktem, weissem Haar, Perlkette und weichem, farblich  abgestimmten Pullover. Sie steht vor ihm, frei ohne Stock oder Rollator, lächelt ihn scheu an und schwankt zwischen Freude und Beleidigtsein.

Freude darüber, daß sie offensichtlich noch so jung und fit wirkt. Beleidigt ist sie aber dennoch. Auch wenn man es ihr meist äußerlich nicht ansieht, ist sie krank. Und als Kranke möchte sie auch von allen wahrgenommen und vor allem respektiert werden.  

Frau Troll

„Stell dir vor“, sagt meine Mutter „du wachst in der Früh auf und vor deinem Bett steht eine wildfremde Person.“

Erschreckende Vorstellung. Da stimme ich ihr zu (sagt irgendwer heute noch  „wildfremd“?)

Nach einem Sturz und einem längeren Krankenhausaufenthalt soll nun regelmäßig in der Früh jemand vorbeikommen um beim Waschen, Ankleiden und Frühstück machen zu helfen.“Und um zu sehen, ob ich die Nacht überhaupt überlebt habe“, sagt Mutter.

In der Stadt gibt es etliche Hilfsorganisationen und wir entscheiden uns für die Heimhilfe einer grossen, bekannten Organisation.

Beim Evaluierungsgespräch, bei dem festgestellt werden soll wieviel Hilfe sie wirklich benötigt, wirkt meine Mutter eloquent, wach und sehr selbstbewusst. Das ist mir fast peinlich. Sollte sie nicht irgendwie hilfsbedürftiger sein, abhängiger wirken?

Sie diktiert dem zuständigen Herrn ihre Vorstellungen: nicht zu früh, gegen neun Uhr, mit Frühstücksgebäck, fünf Mal die Woche.

An der Wohnungstür wird ein Schlüsselsafe montiert. Grundsätzlich eine gute Idee, auch für Familienmitglieder. So muss sie nicht jedesmal aufstehen, wenn es an der Türe klingelt.

Die meisten Heimhelfer holen mit dem Nummerncode den Schlüssel aus dem Safe, sperren in der Früh die Wohnungstüre auf, tasten sich durch die fremde, dunkle Wohnung zum Schlafzimmer vor und stehen eben abwartend vor dem Bett.

„Kennst du das“, fragt Mutter „wenn du spürst, daß da wer steht und dich anschaut?“

Nicht so bei Frau Troll. Bei Frau Troll ist alles anders.

Frau Troll schreit schon während des Türe öffnens laut und kräftig „Guten Morgen Frau Magistaaaaa“ in die stillen Zimmer hinein.

„Zum Tote aufwecken“, kommentiert Mutter trocken.

Frau Troll hat grosse Erfahrung in der Altenpflege. Mit geübten Handgriffen zieht sie meine zarte, kleine Mutter aus dem Bett, aus dem Nachthemd, ins Bad und in die Dusche in scheinbar einer einzigen fließenden Bewegung.

Und bleibt neben der Dusche im engen Bad stehen. Auf die Bitte meiner Mutter, ihr entweder beim Duschen zu helfen oder das kleine Bad zu verlassen, reagiert sie ungehalten. Helfen darf sie nicht, sie darf nur aufpassen. Und um die Zeit nicht unnütz vergehen zu lassen, wischt sie mit einem Putzfetzen am Waschbecken und an den Armaturen herum während Mutter versucht mit dem Rücken zu ihr in der schmalen Duschkabine mit Waschlappen und Seife zurechtzukommen. Das passt gar nicht.

Nach drei Troll-Tagen ruft Mutter bei der Organisation an und verringert die Heimhilfe auf zweimal die Woche. 

Ab und zu kommen Aushilfen, das heisst, in den Augen meiner Mutter schleicht eine „wildfremde“ Person ans Bett und schaut sie abwartend an. Erst wenn sie sich vom Schreck erholt hat, kann mit der Körperpflege begonnen werden.  Meist aber wird sie vom Kasernenton der Frau Troll aufgeweckt.

Die Nerven liegen blank. Sie braucht oft den ganzen Tag um sich von einem Troll-Morgen zu erholen. Das geht so nicht weiter.

Sie möchte anrufen und um eine Ablöse bitten. Jemanden nettes, jemanden, der leise und zart mit ihr umgeht; der sich langsam bewegt und der vor allem nicht immer so schreit. Nach langem Zögern greift sie zum Telefon.

„Das wird schwierig“ heisst es bei der Zentrale „weil aussuchen kann man sich die Heimhilfen nicht.“ Aber man wird versuchen jemanden anderes als die wirklich sehr erfahrende Frau Troll zu finden sagen sie. Zwischen den Zeilen aber kommt klar hervor: Das werden sie bitter bereuen.

Zumindest hört dies meine Mutter hervor, denn augenblicklich stellt sich Panik ein. Was ist, wenn jemand kommt, der noch weniger passt.

„Ich schmeiße die Scheiter weg und bekomme einen Prügel zurück.“

Und was ist das Ende dieser Geschichte? 

Sie will gar keine „wildfremde“ Person mehr in ihrer Wohnung haben. Keine Heimhilfe,  keine Duschhilfe, kein frisches Frühstückskipferl. Und der Schlüsselsafe vor der Wohnungstüre macht ihr auch Angst. Der Nummerncode ist so vielen Leuten nun bekannt befürchtet Mutter. Jeder könnte sich da in die Wohnung schleichen.

Also wird alles abbestellt und der Schlüssel aus dem Kästchen neben der Wohnungstür entfernt.

Trotzdem wacht sie oft noch auf mit dem mulmigen Gefühl: da ist wer, da steht wer vor ihrem Bett und wartet…

 

Das Medikament

Da sitzt ein großer schwarzer Vogel auf den Schultern meiner Mutter und verdeckt mit schweren dunklen Flügeln jede Realität.
Sie liegt im Bett, mag nicht aufstehen, mag nicht essen, mag nicht leben. Aber da ist noch ein Funken schlechten Gewissens in ihr und ich ahne es längst: Sie hat, wieder einmal, ihr Psychopharmakon selbstständig abgesetzt.

Medikamente werden von meiner Mutter grundsätzlich nur nach ihren Nebenwirkungen beurteilt. Und die fangen meist schon beim Durchlesen des Beipacktextes an: Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit.
Aufgrund ihrer chronischen Erkrankung muss sie alle drei Stunden ein Präparat einnehmen, dass die Beschwerden lindert und den Alltag erträglicher macht.
Das schluckt sie auch mit der Sorgfalt und der Präzision der Pharmazeutin, die sie einmal war. Aber leider hat ihre Erkrankung auch einen ständigen Begleiter: Depression.
Und keines der von Ärzten empfohlene Psychopharmaka entspricht ihren Vorstellungen.
Es sind nur die Nebenwirkungen die zählen. Ist sie gelassener, hat sie Kopfschmerzen, die Panik ist weg aber dafür stellt sich Schwindel ein.
Es ist ein immer wiederkehrender fast monatlicher Rhythmus: Sie denkt an ihr durch Krankheit eingeschränktes Leben, hadert mit dem Schicksal, beugt sich immer weiter dem Abgrund entgegen und würde sich am Liebsten sofort fallen lassen.
Der in meiner Panik gerufene Neurologe verschreibt ein Antidepressivum, das sie mindestens acht Tage schlucken muss bis eine Wirkung eintritt. Nach zwei Tagen hat sie das Gefühl, ihr Dasein besteht nur aus einer Woge von Übelkeit und Schmerzen. Nach einer Woche tritt merkliche Besserung ein. Ich bin erleichtert.Wir plaudern, gehen spazieren. Doch nach drei Wochen wirkt die Stimme am Telefon dunkler, leiser. Besuch will sie nicht.
Die ersten paar Male habe ich mich vertrösten lassen.
Es ist schwer alte Muster zu durchbrechen. Da ist die Mutter, die sagt: „das passt schon“und da ist das Kind, das vertraut.
Und auf einmal merkt man, da passt gar nichts. Die starke Mutter gibt es nicht mehr. Da liegt ein kleiner hilfloser Mensch im Bett und ich steh genauso hilflos davor. “Hast du alle deine Medikamente genommen?“. Die Frage kommt mir schrecklich intim vor, fast ungehörig. Dann mit der Zeit wird mir klar: Sie durchleidet die erste Woche mit dem Psychopharmakon und sobald sich eine geringe Besserung einstellt, setzt sie es ab. Glücklich, ohne den üblichen Nebenwirkungen, geht es noch ein paar Tage dahin… bis sich der große schwarze Vogel wieder festkrallt.
Wieder wird der Arzt gerufen, wieder ein Mittel verschrieben, andere Marke, geringere Dosis. Aber ihr Verhalten ändert sich nicht. Es bleibt alles beim Alten: Sobald der Wirkstoff greift, sich ein wenig Lebensfreude einstellt, hört sie auf, die Tabletten zu schlucken.

Wir haben lange Gespräche über den Sinn des Lebens und den Tod. Ich kann als Kind nicht verstehen, das ich nicht genug Lebenssinn bin für sie. Ich bin gekränkt. Andererseits habe ich meine Mutter doch immer bewundert für ihre Selbstständigkeit zu einer Zeit, als es für eine Frau noch nicht üblich war voll berufstätig zu sein und Kinder zu haben. Sie hatte immer ein Leben neben der Familie. Ein Leben das sie nun eben vermisst.

Wir bekommen das von ihr so abgelehnte Medikament irgendwie in den Griff: Sie schluckt eine mikroskopisch kleine Dosis Psychopharmakon und wenn sich der Abgrund trotzdem auftut, Panik sich breitmacht, das Herzklopfen nicht aufhört greift sie zu pflanzlichen Tropfen, auch Notfalltropfen, die ihr das Gefühl geben,  ihr Leben, zumindest für den Moment, wieder zurückzubekommen.

das Grab

Mutter will ein Grab.

Warum also nicht mit dem Ende anfangen?

Sie will in der Stadt begraben werden in der wir alle jetzt leben. Ich fahre mit zwei meiner Kinder zum grössten Friedhof der Stadt. In der Friedhofsverwaltung wird uns ein Lageplan ausgehändigt auf dem die freien Gräber markiert sind. Wir versuchen unsere Beklemmung zu ignorieren und kreisen ungefähr zehn in Frage kommende Stellen rot ein. Dann marschieren wir los. Bäume… Bäume hat sie doch immer schon gemocht und ein Grab unter der mächtigen Eiche, das wäre doch was. Oder hier am Waldrand. Vorne duftende Wiese und dahinter  wie beschützend der Wald… Wir steigern uns richtig hinein, jeder hat Ideen und ein noch schöneres, freies Platzerl gefunden. 

Für das Grab. Meiner Mutter. Die daheim sitzt und auf uns wartet. 

Drei Favoriten festgehalten am Plan und auf Fotos zeigen wir ihr. Sie schwankt zwischen Wald und Wiese oder doch einer schmalen Grabstätte in der Nähe des Ehrenhains, also dort wo viele Ehrengräber liegen. Das muss sie nun doch selbst entscheiden.Mit dem Rollator fährt  es sich zwar schwer am Kies zwischen den Grabreihen aber wir schaffen es. Rechts hinein beim Philosophen Ludwig Wittgenstein… und… jö schau… da drüben ist der Erwin Ringel, den hat sie immer schon sehr geschätzt. Sie fühlt sich hier sofort wohl. Nicht unter der einsamen Eiche sondern hier inmitten den vielen engen Grabreihen möchte sie liegen… weil allein,  sagt sie, das ist sie jetzt eh die ganze Zeit schon. Wir entscheiden uns also für 33 E Reihe 6, Nummer 14. Der Friedhofsverwalter sieht es sehr nüchtern. Zu den üblichen Kosten kommt ein Lebenszeitzuschlag und ausserdem empfehle er der gnädigen Frau doch das Grab gleich auf die Tochter schreiben zu lassen, dann braucht man es später nicht umschreiben.

Die Nummer 14 ist knapp 180×80 cm klein mit Gras bedeckt, das ich nun regelmässig mähen müsste, sollten wir uns nicht gleich für eine Steineinfassung und einen Grabstein entscheiden.

Das geht mir jetzt doch zu weit. Mutter überlegt kurz, einen Rosenstock auf das noch leere Grab pflanzen zu lassen oder Vergissmeinnicht (“meine Lieblingsblumen“). Aber das hat doch wirklich noch Zeit. Ein leeres Grab herzurichten käme mir wie ein Aufbetten, ein Bereitmachen vor. Mutter ist zufrieden. Der Ausflug hat sich für sie ausgezahlt. 

Weißt du, sagt sie dann in der Friedhofs Konditorei bei Kaffee und Torte, dieses Grab ist ideal für mich. Gut erreichbar… weil es auch nicht weit vom Eingangstor entfernt ist – wo sie doch eh so schlecht zu Fuß sei…