Das Alter

„Das erste Mal so richtig alt gefühlt hab ich mich, als mir an einer Baustelle niemand mehr hinterher gepfiffen hat“. 

„Mutter… das kannst du heute nicht mehr so sagen! Du liest doch Zeitungen, du kennst die „meToo“ Debatten. Ausserdem definieren sich Frauen heute nicht mehr über solche Äußerlichkeiten.“

„Blödsinn“, mit einer Handbewegung wischt sie jedes Argument vom Tisch. „Glaubst du heute ist es anders als vor 50 Jahren? Jeder will lieber ein junges Mädchen sehen als einen alten Tattergreis wie mich.“

Von einem „Tattergreis“ ist sie weit entfernt. Und das weiß sie auch. 

Mutter legt Wert auf Äußerlichkeiten. Bei sich und bei Anderen. Das heißt nicht, dass sie oberflächlich ist. Aber der erste Eindruck ist wichtig. Da ist sie ganz alte Schule: Geputzte Schuhe, guter Haarschnitt und kein Mantel der voller Futzel und (Hunde)haare ist. Sie geht nie mit dem „Hausgewand“ auf die Straße. Auch Mantel und Schuhe müssen zusammen passen. Das Handtaschenproblem hat sich dank flottem, roten Körbchen am Rollator erübrigt. 

Sie beobachtet sich genau. „Die Augen werden immer kleiner“ klagt sie und zieht mit immer noch geübter Hand einen Lidstrich.

„Und im Alter verschwindet die Unterlippe irgendwie im Mund und die Mundwinkel hängen. Schau dir einmal die alten Frauen auf der Straße an. Die wirken alle grantig oder traurig. Dabei sind es oft nur diese hängenden Mundwinkel“. 

Sie versucht bewußt dagegen zu steuern  und geht auf der Straße mit erhobenen Kopf und lächelt… „Na, mehr hab ich nicht gebraucht“ schimpft sie dann. „Jetzt halten mich alle für die ständig blöd grinsende Alte von Tür elf, die sicher nicht ganz richtig im Kopf ist“.

So mancher mag sich jetzt denken: Na, wenn man kaum mehr Luft bekommt und unerträgliche Schmerzen hat, sind hängende Mundwinkel das allerkleinste Problem.

Das ist ja klar, aber darum geht es auch nicht. Wenn Mutters Schmerzen überhand nehmen und sie das Bett nicht verlassen kann, dann ist der Lidstrich wirklich egal. (Auch wenn der fesche Hausarzt kommt. Obwohl, da geht dann schon ein bisserl was…) 

Es geht um die Anerkennung des Alters, um die Schönheit im Alter, um die Würde und den Wunsch vieler alter Menschen wahrgenommen zu werden, angeschaut, angelächelt zu werden. Und der Wunsch zu gefallen hat ja kein Ablaufdatum.

„Wenn ich nach einem schönen Traum am Morgen in den Spiegel schaue, schrecke ich mich“ erzählt sie. „Ich kann kaum glauben, dass dieses alte Gesicht meines ist. Ich hab die Runzeln und die Falten schlicht vergessen“. Der Körper altert, aber die junge Frau die man einmal war, verlässt uns nie.

Mir war das nie so bewußt. Aber seit ich mit meiner Mutter diese Dinge erlebe und sie auch sehr offen darüber spricht, ertappe ich mich, wie ich älteren Damen in der Straßenbahn liebevoll zulächle wie ich kleine Komplimente verteile und immer ein strahlendes Lächeln zurückbekomme.

Meine Mutter ist überzeugt: Ältere Frauen werden in unserer Gesellschaft kaum wahrgenommen; und die alten Frauen, die sind unsichtbar. 

5 Kommentare

  1. Danke, dass du mir zulächelst ! Dieser Beitrag ist besonders gut gelungen ! hoffentlich lesen ihn ganz viele Leute !!!

    • Danke ! Und bitte zurücklächeln.Wir alle brauchen mehr Liebe und Wärme für einander

  2. Liebe Katja, jetzt hab ich deinen Blog auch endlich für mich entdeckt 🙂 Genauso wie du hier deine Mutter beschreibst, wird es mir auch einmal gehen – teilweise ist es ja schon so. Dein Beitrag ist beruhigend, bestätigend, aber auch ein bissi gemein, weil er so wahr ist ;-). Gratuliere dir! Und jetzt lese ich weiter…Alles Liebe, Sonja

    • Liebe Sonja. Danke für dein Lob. So soll es sein: „Beruhigend“, weil :Ich bin nicht allein, „ Bestätigend“ : Ja, so ist es bei mir auch, und „ bissi gemein“: oft gibt es so skurile Situationen daß ich nicht mehr weiß , ob es gemein ist oder nicht“. Ich liebe meine Mutter sehr- und ich hoffe das kommt auch durch.

  3. Liebe Katja, man liest es mit jedem Satz, wie sehr du deine Mutter gern hast, finde ich. Deine „Geschichten“ sind so schön und berührend geschrieben, man kann eintauchen in jede Szene und ich kann dir zusehen, wie du die Stufen runter rennst oder das schöne Portionsgeschirr für deine Mutter besorgst 🙂 Deine Rollstuhlgeschichte hat mich sehr an meinen Lehrmeister, wie ich ihn gern nenne, Georg Possanner, erinnert. Nur, dass er um Vieles weitergegangen ist. Für ihn war es einfach so unmöglich sich in so ein „Ding“ zu setzen, also ist er einfach in der Nacht, bevor er sich zum ersten Mal reinsetzen sollte, gestorben. Ätsch! Ich hoffe, ihr hattet ein schönes Weihnachtsfest! Aber das werde ich ja jetzt gleich lesen 😉 Bussis, Sonja

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