Das Bemühen


„Es geht mir wirklich schlecht. Aber das fällt hier wieder einmal niemandem auf“.

Mutter ist völlig fertig bei unserem täglichen Telefonat.

Während ich noch in den Bergen verweile, geben sich Betreuer und Besucher die Türklinke in die Hand. 

Es dürfte alles gut funktionieren. Sie hat genug Abwechslung. Jeden Tag besucht sie jemand. Bei den Heimhilfen ist zwar die Abwechslung besonders groß (wegen der Urlaubszeit kommt jedes Mal eine Andere) aber auf Freunde und Familie ist Verlass.

Für mich ist es schwer, die total konträren Erzählungen am Telefon zusammenzubringen.

Ihr Schwiegersohn berichtet von einem sehr netten französischen Frühstück bei ihr auf der Dachterrasse. „Ich habe Croissants gebracht, sie hat Milchkaffee in Schälchen serviert. Es war wunderbar. Wir sind in der Sonne gesessen und haben über alles mögliche geplaudert“.

„Wie hat sie ausgeschaut.“ hake ich nach.“ kommt sie dir schwach vor? Gebrechlich?“

Mir wird versichert, alles sei so wie immer. Sie sieht blendend aus, sei fröhlich und sehr interessiert an allem. Allerdings habe er sie ja nur sitzend gesehen. Daher könnte es schon sein, das Mutter schwach auf den Beinen sei.

„ Grauenhaft“ höre ich von ihr etwas später, „Grauenhaft geht es mir. Das Frühstück war sehr nett aber ich habe mich kaum auf den Beinen halten können“.

„Aber du bist ja eh nur gesessen“ bemerke ich.

Schwindlig sei ihr gewesen, übel und überhaupt, ein Mann sieht ja nie, wenn es einem wirklich schlecht geht. Das wisse sie aus Erfahrung. 

Sie sei müde gewesen und habe um Erzählungen gebeten damit sie selber nur zuhören muss weil sie sich zu schwach für lange Gespräche fühle. Das sagt die jüngste Enkelin nach einem Nachmittag über meine Mutter.

Es war ein bisschen anstrengend, weil sie nie zu Wort gekommen ist. Die heutige Jugend ist nur mit sich selbst beschäftigt. Sagt meine Mutter über den selben Nachmittag.

Und was sage ich? 

Ich höre ständig zwei komplett unterschiedliche Geschichten.

Einerseits versichern mir ihre  Besucher alles sei in Ordnung, sie sei guter Dinge, kein Grund zur Sorge.

Spreche ich mit meiner Mutter, so höre ich nur wie schwach sie sei, wie schlecht es ihr gehe und wie sehr sie sich zusammenreißen müsse um überhaupt jeden Besuch zu überstehen.

Mir hilft das in der Ferne nicht wirklich. 

Ich weiß, sie freut und bemüht sich für jeden lieben Menschen der Zeit mit ihr verbringt. 

Diese lieben Menschen versichern mir dann wiederum jedesmal dass ich keinen Grund zur Sorge habe. Alles läuft gut. 

Mutter  will mir zweierlei zu verstehen geben: das sie sich eh bemühe aber daß sie wirklich krank sei…und daß ich eindeutig zu lange schon weg bin. 

Soll ich die täglichen Telefonate einstellen? Ich bleibe nach jedem Gespräch ratlos zurück. 

Alle bemühen sich und vor lauter Bemühen weiß ich erst nicht, wie es meiner Mutter wirklich geht. 

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