Das Bett

„Machen sie ihre Wohnung fit. Barriere und angstfrei durch den Alltag. Von Anzieh-Hilfe für Socken und Strümpfe bis zum Hebekran für Bett und Bad.“ Die Angebote der einschlägigen Firmen lassen mich staunen: Kopfwaschwanne aufblasbar, Trinkbecher Nightwatch (fluoreszierend) oder einen Universalgriff für alle Drehknöpfe im Haus.

Lieber als die Wohnung hätte ich meine Mutter fit. Der Alltag ist mühsam für sie. Kleine Handgriffe sind oft ein großes Problem.

Daher soll  die Wohnung  adaptiert werden. Wir durchstöbern Kataloge und tauchen gemeinsam ein in die uns gänzlich unbekannte Welt der Heilmittelbedarfe.

Fangen wir mit dem Dringlichsten an. Mit der Toilette. Es gibt unheimlich praktische Toilettensitze: so hoch, daß man bequem auf und absteigen kann, mit zwei großen hochklappbaren Griffen links und rechts. Den kann ich sogar selbst montieren. 

Mutter geniert sich. 

Dieser Toilettensitz ist eine wirkliche Erleichterung für sie, trotzdem soll ich ihn wieder abbauen.

Die Sorge: Ihre Besucher würden glauben, sie sei auf solche Hilfsmittel angewiesen.  „Total peinlich“, findet sie.

„Aber du bist ja darauf angewiesen“ entgegne ich. Das hört sie gar nicht gerne. Zwei Tage Schweigen.

Am dritten Tag hat sie sich so gewöhnt an diesen Toilettenaufbau, daß von Abbau keine Rede mehr ist.

Falls es in der Nacht einmal schnell gehen muss, besorgen wir auch eine Zimmertoilette. Spontan taufen wir dieses Teil „ Louis quatorze“: Denn es ist ein wahrhaft königlicher Sessel: royalblau mit goldenen Ornamenten. Gut, die Sitzfläche ist aus grobem Kunstleder und die Ornamente aus Plastik, aber dieser Sessel kaschiert sein wahres Geheimnis gut: nämlich den grauen Eimer der unter der Sitzfläche versteckt ist. Auf Schienen zum leichten hinein und hinausschieben.

„Grauenhaft“ sagt meine Mutter. Niemals wird sie den benutzen (zur Zeit steht „Louis quatorze“ tatsächlich in einem ungenützten Zimmer als Kleiderablage).

Das Bett ist eine große Schwachstelle. Ein Krankenbett muss her mit Aufstehhilfe und einem mit Motor beweglichen Kopf und Fußteil.

Da sie bis jetzt in einem breiten Bett geschlafen hat, möchte sie auf diesen Komfort nicht verzichten. Krankenbetten gibt es aber oft nur als Einzelbett. „Die breiten Betten werden für besonders große, breite und auch schwere Menschen bestellt“, werde ich im Fachhandel aufgeklärt. Und zur Zeit sind keine solchen Betten verfügbar.

Ich mache eine Firma in einem benachbarten Bundesland ausfindig, die recht schnell, aber leider in Einzelteilen das breite Bett liefert und stundenlang zusammenbaut.

Es würde ins Schlafzimmer passen, aber durch die ungewohnt hohen Kopf und Fußteile wirkt das Zimmer plötzlich eng und dunkel.

Das Wohnzimmer wird adaptiert und wir bauen in einer Ecke einen kuscheligen Schlafplatz. Hinter einem Paravent wird das Bett neu aufgebaut. 

Das geht ein paar Nächte gut. „Weißt du“ sagt meine Mutter, „ich vermisse mein kleines Schlafzimmer. Ich hätte doch auch gerne ein Krankenbett dort“.

Plötzlich ist die Bettbreite kein Thema mehr. Sie gibt sich auch mit einem Einzelbett zufrieden. „Das Wohnzimmer-Bett ist viel zu breit. Ich lieg ja eh nur auf der einen Seite“.

Wir bestellen ein zusätzliches Einzelbett. Das Bett wird von einem netten, älteren Herrn geliefert und aufgebaut.

Für wen das zweite Krankenbett denn sei, fragt er, er sehe nicht einen Kranken hier.

Mutter ist fassungslos. 

Ob denn nicht klar ersichtlich wäre, wie krank sie sei…

Der nette Herr sieht eine zarte, ältere Dame vor sich, mit sorgfältig hochgestecktem, weissem Haar, Perlkette und weichem, farblich  abgestimmten Pullover. Sie steht vor ihm, frei ohne Stock oder Rollator, lächelt ihn scheu an und schwankt zwischen Freude und Beleidigtsein.

Freude darüber, daß sie offensichtlich noch so jung und fit wirkt. Beleidigt ist sie aber dennoch. Auch wenn man es ihr meist äußerlich nicht ansieht, ist sie krank. Und als Kranke möchte sie auch von allen wahrgenommen und vor allem respektiert werden.  

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