Das Dreiviertel

Der Hausarzt sperrt ohne Ankündigung plötzlich seine Ordination zu. Für immer.

Der Pharmakonzern stellt die Herstellung ihres Medikaments ein. Ohne Ersatz.

Das  schon  vorhandene Rezept  kann von niemandem eingelöst werden, weil alle Familienmitglieder ausfallen.  Gleichzeitig und grundlos.

Der Lift im Haus wird repariert und steht still. Für sehr lange. Sie könnte ( aus dem 5.Stock) also gar nicht selbst zum Arzt, auch wenn sie wollte.

Und  am Samstag um 12 Uhr 03, wenn alle Apotheken schließen, drückt sie sicher die letzte Tablette aus der Verpackung.

Klingt alles sehr unrealistisch? Es sind aber einige der größten Ängste, die meine Mutter quälen. Ängste, ausgelöst durch die enorme Abhängigkeit ihres Medikaments und durch das Gefühl, die Dinge, auch ihr Leben, nicht mehr wirklich in der Hand zu haben. 

Um sie etwas zu entspannen, haben wir alle paar Wochen so etwas wie ein Ritual. 

Wir drücken alle vorhandenen Pillen aus ihrer Verpackung, häufen sie auf den Tisch und zählen durch wie lange sie damit noch auskommt ehe ein neues Rezept fällig ist.

Sie muss fünf Mal am Tag eine Dreiviertel Tablette nehmen. 

Wir sortieren die blassrosa und daumennagelgroßen Dinger mit den breiten Bruchstellen hin und her, zählen mehrmals durch. Ist ja eine einfache Bruchrechnung. 

Wir schieben, zählen und lachen: Fünf mal Dreiviertel, wieviel Ganze sind das? Erst alles in Vierteln rechnen. Oder sollen wir es aufzeichnen? Wir versichern uns gegenseitig, dass Mathematik ja nie unsere Stärke gewesen sei und wie schrecklich peinlich das im Grunde ist…. und dass uns eh niemand sieht und hört…..

Wir kommen auf die abenteuerlichsten Zahlen: Zwei und zwei Viertel, vier Ganze und ein Dreiviertel; alles in halbe Tabletten brechen und dann zählen ist vielleicht leichter….

Fast hätten wir die gut fünfzig Pillen alle zerteilt.

Zwei der kostbaren Medikamente rollen unters Sofa und somit alles wieder zurück an den Start.

Sie möchte den Überblick behalten und sie will ganz sicher sein nicht plötzlich ohne Tabletten dazustehen.

Aber es muss ja nicht nur die Stückzahl bis zum nächsten Rezept stimmen. Es muss auch eine eiserne Reserve von einigen Pillen vorhanden sein. Denn ihre Ängste plötzlich ohne Medikamente zu sein, die ist ja real.

Sie hat sich selbst ein Sicherheitsnetz gespannt bestehend aus Familie, Nachbarin und Haushaltshilfe, die für sie zum Arzt gehen können. Nur leider sind wir untereinander nicht vernetzt. So ist es passiert, dass ihre nette aber auch sehr betagte Nachbarin das letzte Rezept geholt hat und seitdem die E-Card verschwunden ist. Man muss diese Sache sehr vorsichtig angehen, weil niemand verärgert oder gekränkt werden darf. Das heisst, man darf nicht direkt nach dem Verbleib der E-Card fragen. Die Wohnung wird durchsucht, der Müll ausgeleert, die Manteltaschen umgedreht und letztlich rufe ich bei der Gebietskrankenkassa an und bestelle eine Neue.

Das ist fast das Schlimmste: Das Warten auf die neue Karte. Daran hat sie nicht gedacht. Das reiht sich nun zu den eingangs erwähnten Ängsten dazu. Da hilfst kein Pillenzählen mehr. Das ist jetzt die schlimmste Wirklichkeit.

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