Das Fahrrad

Der Bürgermeister hat gratuliert. 

Nicht in einer Delegation mit Blumen und Fotografen sondern nur mit einer hübschen Karte samt Stadtwahrzeichen. “ Für ein Foto mit ihm in der Bezirkszeitung hätte ich 100 Jahre werden müssen“. sagt Mutter und freut sich über die Glückwünsche per Post.

Auch ihre Bank hat gratuliert. Der Friseur hat eine Geburtstagskarte geschickt, der Fleischhauer um die Ecke auch. Sogar „ihre“ Zeitung, die sie abonniert hat, denkt an ihren runden Festtag und schickt beste Wünsche.

Das Telefon läutet oft und im Minutentakt trudeln die SMS auf ihr kleines, altes Handy ein. 

Die für sie schönste und längste Nachricht kommt vom Enkel  aus Afrika. „ Dass er meinen Geburtstag nicht vergessen hat ist unglaublich. Das sind die allerschönsten Glückwünsche“ strahlt Mutter ihre drei anwesenden  Enkelkinder an, die ihren Geburtstag auch nicht vergessen haben, obwohl sie nicht in Afrika sind. 

Es war schon immer schwer sie zu beschenken. Die Erwartungshaltung war groß, die Enttäuschung hat sie kaum verborgen. „ Na geh, blau hab ich gesagt, niemals rot, das weißt du doch“ oder: „ Ganz klein wollte ich es, doch nicht soooo“.

Aber ich muss zugeben: Mit dem Alter ist sie auch milder geworden mit der Kritik an ihren Geschenken und es kommt mir manchmal vor, sie freue sich sogar. Zumindest hat sie ihr Mienenspiel besser im Griff als in jungen Jahren. 

Trotzdem ist es immer sehr schwer etwas für sie zu finden. Etwas das sie vielleicht brauchen könnte und das Freude macht. 

Da ihre Geschenke auch nicht so viel Platz einnehmen sollten (sie möchte Ballast loswerden in der Wohnung, nicht ansammeln) schenke ich ihr seit Jahren Bücher, die ich dann wieder zurücknehme. So gesehen sind es keine richtigen Geschenke.

Diesmal freue ich mich besonders: Wir haben gemeinsam die Liebe zu einem Autor aus den Siebziger Jahren  quasi  wieder entdeckt. Er wurde immer als „ Trivialschriftsteller“ abgekanzelt. Wir finden das gar nicht und so habe ich das Internet durchstöbert um die im Buchhandel vergriffenen Bände zu bestellen.

Auch die drei Enkel haben eine gute Idee: Ein Fahrrad. 

Ein „Sessel- Fahrrad“. Das ist ein Gestell mit Pedalen daran das man unter jeden Sessel stellen kann. Man tretet im Sitzen, bequem vor dem Fernseher oder unter dem Esstisch. Das Gestell ist leicht handhabbar und zusammenklappbar.

Die Beinmuskulatur wird gestärkt. Sie soll trainieren, um dann doch wieder einmal auf die Strasse gehen zu können.

Es gefällt ihr. Sie probiert es gleich vor dem Fernsehsessel aus. Es tritt sich leicht und angenehm. Wir sitzen um sie herum und schauen ihr beim Treten zu. Dann hat sie genug, schiebt das Teil mit dem Fuß beiseite und steht auf. Sie versucht ihren Rollator zu erreichen, fädelt aber mit dem rechten Fuß in das Fahrrad- Gestell ein. Wir fangen Sie im letzten Moment , kurz vor dem Aufprall, zu viert auf.

„Na Bravo. Tödlicher Sturz von einem bodennahen seniorengerechten Fitnessgerät“. lautet ihr Kommentar, und:“ Danke für das Geschenk“.

2 Kommentare

    • Das ist eine gute Frage…gut eingegrenzt, hahaha…es ist der Simmel….und es ist ihm zu Lebzeiten wirklich unrecht getan worden. Wir lesen viel: viel Literatur, viel Krimi, viele Neuerscheinungen und eben jetzt wieder Simmel. Seine Bücher sind genau recheriert , waren sehr „tagesaktuell“ und die Beschreibungen der 60 er und 70 er Jahre sind eine schöne Reise in die Vergangenheit….

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.