Das Gewissen

„Ich ärgere mich so über meinen Mann“.

„ Sei froh, du hast wenigstens noch einen“.

„ Jetzt muss ich extra so weit  wieder zum Umtausch in dieses Geschäft laufen“.  

„ Ach, du kannst zumindest irgendwohin laufen“.

„ Diese Schlamperei der anderen zuhause halte ich fast nicht aus“

„ Naja, schau, sei froh dass überhaupt wer da ist“.

„ Ich fühl mich nicht gut, ich glaube ich habe eine Verkühlung“.

„ Aber geh, das bisserl Schnupfen, das ist ja nix. Du hast ja keine Ahnung wie schlecht ich mich fühle“.

Ich habe keine Chance.

Es geht hier nicht ums gewinnen. Oder doch? 

Was immer ich meiner Mutter erzähle, es ist nicht relevant. Es ist nichts im Vergleich zu ihren Sorgen.  Es ist bedeutungslos zu ihren wirklich existenziellen Bedrohungen. 

Aber ich sehne mich nach der Mutter, der ich erzählen kann was mich bedrückt. Mit der ich besprechen kann, was für Lösungen es gäbe und wie ich mich verhalten könnte bei diesem oder jenem Problem. 

Das haben wir immer so gemacht. Und auch wenn sie, wie sie sagt, ihr Leben oft nicht im Griff hatte, für andere konnte sie immer ein Patentrezept aus dem Ärmel schütteln. 

Sie war eine aufmerksame Zuhörerin und gute Ratgeberin. 

Das hat sich grundlegend geändert. 

Es interessiert sie nicht mehr was andere für Ballast mit sich schleppen. Ihr eigener ist ihr schwer genug.

„Heute gehe ich ins Theater“ – „Theater –  da war ich so lange nicht mehr“ und die Sehnsucht in der Stimme lässt meine Freude auf den Abend schwinden.

„ Ich bin zum Essen eingeladen“ -„Na, du gehst aber wirklich oft aus“- und schon setze ich zu einer unnötigen Rechtfertigung an.

„Wir fahren aufs Land“- „ Ach, die Natur. Einmal noch einen Wald sehen…“ und schon habe ich die Lust auf den Ausflug verloren.

Es ist ja nicht so, dass sie nicht mitkönnte. Ins Theater, aufs Land. Aber die Angst überlagert die Sehnsucht.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich fühle mich schuldig, sozusagen noch ins Theater gehen zu können, in Ausstellungen und ins Kaffeehaus und nicht immer daheim zu sein. 

Und es endet damit, dass ich gar nichts mehr erzähle. „Was machst du morgen?“- „ Naja, putzen und waschen“ lautet mein Versuch ihr meinen Alltag langweilig zu machen.

Mutter, wenn ich auch nicht bei dir bin, so bin ich trotzdem da. Und wenn ich auch nicht alles erzähle, ich höre Dir trotzdem immer zu. Das sage  und das meine ich auch so.

Aber sooft  ich es auch sage, es ist nicht relevant, es bleibt ungehört. Ich glaube, ich soll einfach immer da sein und alles erzählen, damit sie bedauernd  auf ihr jetziges Leben schauen kann.

1 Kommentar

  1. Deine „Schreibe“ ist einfach herrlich! Ich freu mich immer sooo das neueste Kapitel zu lesen!
    Selbst wenn man eigentlich GAR keine Zeit hat, weil einen der eigene Alltags- und Arbeits-Wahnsinn in Beschlag nimmt … nimmt man sich aber doch die paar Momente frei und geniesst den Ausflug in „Deinen Irrsinn“.
    Halt die Ohren steif und pass auf dich (und alle anderen) auf.
    xo

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