das Grab

Mutter will ein Grab.

Warum also nicht mit dem Ende anfangen?

Sie will in der Stadt begraben werden in der wir alle jetzt leben. Ich fahre mit zwei meiner Kinder zum grössten Friedhof der Stadt. In der Friedhofsverwaltung wird uns ein Lageplan ausgehändigt auf dem die freien Gräber markiert sind. Wir versuchen unsere Beklemmung zu ignorieren und kreisen ungefähr zehn in Frage kommende Stellen rot ein. Dann marschieren wir los. Bäume… Bäume hat sie doch immer schon gemocht und ein Grab unter der mächtigen Eiche, das wäre doch was. Oder hier am Waldrand. Vorne duftende Wiese und dahinter  wie beschützend der Wald… Wir steigern uns richtig hinein, jeder hat Ideen und ein noch schöneres, freies Platzerl gefunden. 

Für das Grab. Meiner Mutter. Die daheim sitzt und auf uns wartet. 

Drei Favoriten festgehalten am Plan und auf Fotos zeigen wir ihr. Sie schwankt zwischen Wald und Wiese oder doch einer schmalen Grabstätte in der Nähe des Ehrenhains, also dort wo viele Ehrengräber liegen. Das muss sie nun doch selbst entscheiden.Mit dem Rollator fährt  es sich zwar schwer am Kies zwischen den Grabreihen aber wir schaffen es. Rechts hinein beim Philosophen Ludwig Wittgenstein… und… jö schau… da drüben ist der Erwin Ringel, den hat sie immer schon sehr geschätzt. Sie fühlt sich hier sofort wohl. Nicht unter der einsamen Eiche sondern hier inmitten den vielen engen Grabreihen möchte sie liegen… weil allein,  sagt sie, das ist sie jetzt eh die ganze Zeit schon. Wir entscheiden uns also für 33 E Reihe 6, Nummer 14. Der Friedhofsverwalter sieht es sehr nüchtern. Zu den üblichen Kosten kommt ein Lebenszeitzuschlag und ausserdem empfehle er der gnädigen Frau doch das Grab gleich auf die Tochter schreiben zu lassen, dann braucht man es später nicht umschreiben.

Die Nummer 14 ist knapp 180×80 cm klein mit Gras bedeckt, das ich nun regelmässig mähen müsste, sollten wir uns nicht gleich für eine Steineinfassung und einen Grabstein entscheiden.

Das geht mir jetzt doch zu weit. Mutter überlegt kurz, einen Rosenstock auf das noch leere Grab pflanzen zu lassen oder Vergissmeinnicht (“meine Lieblingsblumen“). Aber das hat doch wirklich noch Zeit. Ein leeres Grab herzurichten käme mir wie ein Aufbetten, ein Bereitmachen vor. Mutter ist zufrieden. Der Ausflug hat sich für sie ausgezahlt. 

Weißt du, sagt sie dann in der Friedhofs Konditorei bei Kaffee und Torte, dieses Grab ist ideal für mich. Gut erreichbar… weil es auch nicht weit vom Eingangstor entfernt ist – wo sie doch eh so schlecht zu Fuß sei…

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