Das Krankenhaus

„Scheußlich hier, so altmodisch und verdreckt. Der Boden pickt richtig“, mit diesen Worten betreten wir die Station des Krankenhauses  und  mit diesen Worten empfängt meine Mutter die Schwester, die zur Aufnahme herbeieilt.

Ich schlupfe tiefer in meinen Mantel und versuche mit den Augen Verständnis und Entschuldigung gleichzeitig zu signalisieren.

Die Aufnahme erfolgt schnell und professionell. Eine mehrere Stunden dauernde Infusion, eine Art „Minichemo“ soll die Entzündung im Körper eindämmen und die Schmerzen reduzieren.

Dazu sind zwei Tage Krankenhausaufenthalt notwendig.

Niemals hätte sich meine Mutter dazu bereit erklärt wenn nicht die Schmerzen unerträglich gewesen wären. 

Ihr Arzt kennt sie nur zu genau. „Sie soll auf keinen Fall abschwellende entzündungshemmende Mittel schlucken, sonst kommt sie wieder nicht her“, lautet seine Anweisung und ich bemühe mich. Bemühe mich den Anweisungen des Arztes zu folgen, die Medikation quasi zu überwachen ohne ihr Misstrauen zu wecken. Denn hätte sie gewusst daß Tablette X ihr kurzfristig Linderung verschafft sie hätte sie sofort geschluckt um dann triumphierend auf die Unnotwendigkeit der Infusion hinzuweisen.

Nun sind wir da. In der Annahme, es sei natürlich ein Ein-Bett-Zimmer reißt sie die Tür des ihr zugewiesenen Raums ohne Anklopfen auf. Mit dem Rücken zu uns  steht ein zartes junges Mädchen im klassischen Spitals outfit, das Hemdchen klafft hinten weit auseinander. Beide erschrecken zutiefst.

„Na sehr fein, kein Einzelzimmer und das Bett hier bei der Tür“, murmelt Mutter. Ich entschuldige mich tausendmal. Bei dem Mädchen natürlich. 

Die Erstuntersuchungen und das Aufnahme-Prozedere lenken Mutter gut ab. Ich fahre nach Hause.

Nachmittags dann der erste Anruf. „Ich läute hier jetzt schon seit zehn Minuten und keine der Schwestern kommt“.

Auf ihre Zeitangaben kann man sich nicht wirklich verlassen. („Ich war seit einer Woche nicht auf der Strasse“. „Ich habe drei Tage nichts gegessen“ „ Das Telefon klingelt nie mehr“.)

„Wenn ich jetzt aus dem Bett fallen würde, würde ich die ganze Nacht am Boden liegen“. „Auf diesem dreckigen Boden“, fügt sie noch schnell dazu.

„Mutter, was soll ich jetzt am anderen Ende der Stadt machen. Es kommt sicher bald wer“.

Nächster Anruf. „Dieses Mädchen schaut ununterbrochen fern. Und wenn der Fernseher ausgeschaltet ist, dann hört sie laute Musik. Das halte ich nicht aus“.

„ Mutter, du kannst dich sicher einigen mit ihr. Versuche es“.

Die Infusion verläuft gut. Die Schmerzen sind weg. Euphorischer Anruf am nächsten Tag. „Es geht mir wunderbar. Kommt mich holen“. Und dann erzählt sie noch, dass es so nett war mit der Zimmergenossin der jungen Frau türkischer Abstammung. Sie haben sich so gut verstanden und sie war froh nicht allein im Zimmer zu sein. Und überhaupt…sie fühle sich im Grunde sehr einsam zu Hause….

Auf den Entlassungspapieren steht, dass sie einseitig ernährt sei, Mangelernährt. Das erschreckt mich sehr und ruft sofort massive Schuldgefühle hervor. Für die Angstzustände, die sie dort dem Psychiater geschildert hat hat sie Lavendelöl statt ihre Psychopharmaka bekommen. Und die Tabletten, die als Einschlafhilfe gedacht waren sind durch andere Schlafmittel ersetzt worden. 

Ihr ohnehin sehr sensibler Körper reagiert auf diese Umstellung natürlich prompt. 

Die erste Nacht wieder daheim ist katastrophal. Alles zurück auf Anfang? Sie ist ein Häufchen Elend und ich fasse einen Entschluss:

Es gibt ein wunderschönes Sanatorium am Stadtrand die haben sogar Zimmer frei. Dort soll sie aufgepäppelt werden, wieder gehen lernen… damit sie im Frühling im Park unter blühenden Bäumen spazieren gehen kann.

„Ich geh nur dir zuliebe“, flüstert sie, sichtbar erleichtert.

Das ist mir recht. 

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