Das Medikament

Da sitzt ein großer schwarzer Vogel auf den Schultern meiner Mutter und verdeckt mit schweren dunklen Flügeln jede Realität.
Sie liegt im Bett, mag nicht aufstehen, mag nicht essen, mag nicht leben. Aber da ist noch ein Funken schlechten Gewissens in ihr und ich ahne es längst: Sie hat, wieder einmal, ihr Psychopharmakon selbstständig abgesetzt.

Medikamente werden von meiner Mutter grundsätzlich nur nach ihren Nebenwirkungen beurteilt. Und die fangen meist schon beim Durchlesen des Beipacktextes an: Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit.
Aufgrund ihrer chronischen Erkrankung muss sie alle drei Stunden ein Präparat einnehmen, dass die Beschwerden lindert und den Alltag erträglicher macht.
Das schluckt sie auch mit der Sorgfalt und der Präzision der Pharmazeutin, die sie einmal war. Aber leider hat ihre Erkrankung auch einen ständigen Begleiter: Depression.
Und keines der von Ärzten empfohlene Psychopharmaka entspricht ihren Vorstellungen.
Es sind nur die Nebenwirkungen die zählen. Ist sie gelassener, hat sie Kopfschmerzen, die Panik ist weg aber dafür stellt sich Schwindel ein.
Es ist ein immer wiederkehrender fast monatlicher Rhythmus: Sie denkt an ihr durch Krankheit eingeschränktes Leben, hadert mit dem Schicksal, beugt sich immer weiter dem Abgrund entgegen und würde sich am Liebsten sofort fallen lassen.
Der in meiner Panik gerufene Neurologe verschreibt ein Antidepressivum, das sie mindestens acht Tage schlucken muss bis eine Wirkung eintritt. Nach zwei Tagen hat sie das Gefühl, ihr Dasein besteht nur aus einer Woge von Übelkeit und Schmerzen. Nach einer Woche tritt merkliche Besserung ein. Ich bin erleichtert.Wir plaudern, gehen spazieren. Doch nach drei Wochen wirkt die Stimme am Telefon dunkler, leiser. Besuch will sie nicht.
Die ersten paar Male habe ich mich vertrösten lassen.
Es ist schwer alte Muster zu durchbrechen. Da ist die Mutter, die sagt: „das passt schon“und da ist das Kind, das vertraut.
Und auf einmal merkt man, da passt gar nichts. Die starke Mutter gibt es nicht mehr. Da liegt ein kleiner hilfloser Mensch im Bett und ich steh genauso hilflos davor. “Hast du alle deine Medikamente genommen?“. Die Frage kommt mir schrecklich intim vor, fast ungehörig. Dann mit der Zeit wird mir klar: Sie durchleidet die erste Woche mit dem Psychopharmakon und sobald sich eine geringe Besserung einstellt, setzt sie es ab. Glücklich, ohne den üblichen Nebenwirkungen, geht es noch ein paar Tage dahin… bis sich der große schwarze Vogel wieder festkrallt.
Wieder wird der Arzt gerufen, wieder ein Mittel verschrieben, andere Marke, geringere Dosis. Aber ihr Verhalten ändert sich nicht. Es bleibt alles beim Alten: Sobald der Wirkstoff greift, sich ein wenig Lebensfreude einstellt, hört sie auf, die Tabletten zu schlucken.

Wir haben lange Gespräche über den Sinn des Lebens und den Tod. Ich kann als Kind nicht verstehen, das ich nicht genug Lebenssinn bin für sie. Ich bin gekränkt. Andererseits habe ich meine Mutter doch immer bewundert für ihre Selbstständigkeit zu einer Zeit, als es für eine Frau noch nicht üblich war voll berufstätig zu sein und Kinder zu haben. Sie hatte immer ein Leben neben der Familie. Ein Leben das sie nun eben vermisst.

Wir bekommen das von ihr so abgelehnte Medikament irgendwie in den Griff: Sie schluckt eine mikroskopisch kleine Dosis Psychopharmakon und wenn sich der Abgrund trotzdem auftut, Panik sich breitmacht, das Herzklopfen nicht aufhört greift sie zu pflanzlichen Tropfen, auch Notfalltropfen, die ihr das Gefühl geben,  ihr Leben, zumindest für den Moment, wieder zurückzubekommen.

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