Das Wetter

„Und du spürst natürlich wieder einmal gar nichts davon“

Dieser schnell hingeworfene Satz lässt mich in Sekundenschnelle zu einem gefühllosen Wesen mutieren. Nur diese paar Worte und ich bin kalt, unempfindlich und ignorant gegen alles, was da so um mich passiert.

Manches Mal tarnt sich diese Feststellung auch als Frage.

“ Du spürst nichts, oder?“, eine Frage, die Mutter sofort gleich selbst beantwortet:“ Na, eh klar, du hast ja keine Vorstellung davon.“

Damit bin ich ein für alle mal ausgeschlossen vom eingeschworenen Kreis der Wetterfühligen.

Ob Anitas Hoch oder Klaus Tief, Mutter spürt sie alle.

Meist schon bevor sie auf unseren Wetterkarten aufscheinen.

Das macht mich ein bisschen misstrauisch. 

An manchen Tagen hat niemand Zeit, im Kühlschrank sind nur drei  Eier und das Fernsehprogramm spielt Wiederholungen.

Da hör ich schon beim morgendlichen Telefonat.“ Ich weiss nicht was heut ist, mir ist so komisch.“ Ich warte ab, denn wie das Amen im Gebet folgt nun der Satz:“ Du spürst nichts, oder?“

Unabhängig davon ob es stürmt oder mild und warm ist, das Wetter macht Mutter zu schaffen. Und zwar meist wenn niemand bei ihr ist, oft, wenn sonst nichts passiert. Oder ist das nur Zufall? 

Ich habe mich erkundigt: Es gibt keinen kausalen, medizinischen Zusammenhang zwischen Wetter und Wohlbefinden. 

Trotzdem spricht man von Meteoropathie  – der Wetterfühligkeit.

Es ist ja gut wenn das Kind einen Namen hat. Ich habe Klaustrophobie, meine Tochter Agoraphobie. Mir ist schon klar, es ist nicht ganz das Gleiche. Phobien kann man aus dem Weg gehen, das Wetter kann ich schwer vermeiden. 

Ich habe Mutter beobachtet um eine Regelmäßigkeit herauszufiltern.

Sie leidet bei grosser Hitze an Kopfweh, bei starker Kälte an Gelenksschmerzen; ist es föhnig kommt der Schwindel, bei Luftdruckschwankungen schwankt alles. Bei Gewitter tobt es im Kopf, bei anhaltendem Regen macht die Feuchtigkeit zu schaffen. Besonders schlimm ist es beim Wechsel von einem Wetterextrem ins andere. Aber auch wenn längere Zeit gleichmäßige Temperaturen herrschen wirkt sich das auf irgendeine Weise auf ihr Wohlbefinden aus. 

Das Wetter ist natürlich ein dankbarer Sündenbock, denn irgendwas ist immer. 

Ich muss meinen Bruder zitieren, der sagt“ Egal, ob Meteoropathie existiert oder nicht, sie fühlt es so und basta.“

Er hat leicht reden. Der Satz:“ Du spürst wieder nichts, oder?“ perlt  bei ihm ab. Nur  mich umhüllt er wie eine nasse Regenpelerine, zieht mich hinunter wie das Sturmtief Heinz , peitscht mich hoch wie Orkan Eberhard um mich zu beuteln wie der Hagel Franz. 

“ Ich spür es eh, Mutter…“

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