Der Besuch

„Der schönste Besuch ist der, den man kurzfristig abgesagt hat“ meint Mutter. Das muß sie mir erst einmal erklären.

Sie lebt allein. Das möchte sie auch. In jungen Jahren hat sie die klassische Vater- Mutter- Kind Konstellation gelebt, um dann in der zweiten Ehe auf getrennte Wohnungen zu bestehen. Die persönliche Tagesstruktur, die freie Entscheidung der Mahlzeiten, der Freizeit, das ist ihr bis heute wichtig.

Aber ein nur auf die eigenen vier Wände reduzierter Alltag ist etwas ganz anderes als ein seliges Durchschnaufen nach einem langen Arbeitstag.

Sie ist einsam. Sie fühlt sich einsam. Einsam sein heisst für sie am Abend alleine schlafen gehen und in der Früh alleine aufwachen. Unabhängig davon wie der Tag verlaufen ist.

So bekomme ich abends oft noch einen Anruf.“ Es ist so still“.“ Aber ich bin doch grad eben erst weggegangen“ „Ja, es war nett mit dir, aber jetzt, jetzt ist es so still hier“. Oder ich sitze noch beim Kaffee mit ihr und sie sagt ganz unvermittelt.“ Nun bin ich schon traurig, weil du bald gehst und ich werde gleich alleine sein.“ In solchen Augenblicken ist es sehr schwer aufzustehen,  seinen Mantel anzuziehen und nach Hause zu gehen. Ich möchte bleiben. Ich möchte aber auch flüchten. Davonlaufen vor der Traurigkeit, für die ich mich verantwortlich fühle, vor der Einsamkeit, die ich ja scheinbar durch mein Weggehen verursache.

Das Angebot,  zu mir zu ziehen, lehnt sie nach wie vor ab. Sie möchte sich ihre Unabhängigkeit beibehalten. Das ist ja grundsätzlich sehr lobenswert. Nur: Durch ihre (scheinbare) Unabhängigkeit wird meine Abhängigkeit immer größer.

Andere Familienmitglieder besuchen sie auch. Nicht untereinander   abgesprochen, wodurch sich oft skurrile Situationen entwickeln. „Ich war seit einer Woche nicht auf der Straße“ höre ich von Mutter und bin sofort alamiert und voll schlechtem Gewissen. Es stellt sich jedoch schnell heraus,daß sie am Vortag sehr wohl spazieren war, wenn auch nur ganz kurz, wie sie betont.“ Er war nur ein kleines Viertelstündchen da“ heißt es dann von einem anderen Besuch. Nach Rücksprache stellt sich jedoch heraus, das es nicht ganz so war wie sie es erzählt. Es ist nicht die Vergeßlichkeit des Alters. Ihr Geist ist wach. Was ist es dann? Möchte sie jedem Einzelnen von uns das Gefühl geben, unersetzlich zu sein? Oft denke ich, sie spielt uns gegenseitig aus um  so ein Gefühl der Nähe zu vermitteln.

Sie hat auch Freundinnen die sie besuchen wollen. Das ist nicht so einfach. Sie möchte nicht über ihre Krankheit reden, aber der Kreis der Eingeweihten ist sehr klein. Auch die, die Bescheid wissen, haben Schwierigkeiten mit der plötzlichen Müdigkeit, der abfallenden Konzentration und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Und da auch die Freunde schon ein fortgeschrittenes Alter und daher diverse Wehwechens haben ist ihre Geduld endenwollend. 

Diese Besuche strengen sie auch ungeheuer an. Einerseits. Andererseits sind sie eine willkommene Abwechslung. Glaube ich, werde aber eines besseren belehrt.

Wenn tagelang niemand anruft( und mit „niemand“ ist kein Familienmitglied gemeint, aber das ist eine andere Geschichte) dann fühlt sie sich von der Welt vergessen. Meldet sich dann doch wer telefonisch für einen Besuch an, steigt die Nervosität.

Sie muß absagen. Das schafft sie nicht. Zu anstrengend. Davon wird sie sich nie mehr erholen. Niemand kann doch ahnen wie schlecht sie sich fühlt.

Sie steigert sich so lange da hinein bis sie zum Hörer greift und den angekündigten Besuch absagt. Erleichtert ist sie dann,wie befreit. Denn sie ist nicht vergessen worden von der Welt da draußen; sie hätte ja Besuch haben können. Aber es war ihre freie Entscheidung abzusagen.

Es ist sehr still gewordenen ihrer Wohnung. Bald ruft niemand mehr an. Niemand Wichtiges; niemand aus vergangenen Zeiten, keine alten Bekannten, niemand Interessantes. Nur Familie.

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