Der Feind

Es ist jetzt mehr als ein Jahrzehnt  seit der niederschmetternden Diagnose vergangen. Vor über zehn Jahren hat sich die Welt aufgehört zu drehen; blanke Angst  hat sich in unser aller Leben breit gemacht: Mutter ist krank. Todkrank.

Es gibt genau beschriebene Stadien, die fast jeder durchläuft, der so ein vernichtendes Urteil erfahren muss. Erst der Schock, dann der Zorn, (warum gerade ich) dann immer noch Wut aber auf einer Verhandlungsbasis( mit der Hoffnung, es könnte sich noch was ändern) die Depression und zum Schluss die Akzeptanz des Unausweichlichen.

Meine Mutter war sehr lange in der Schockphase, die fast übergangslos in die Depression geglitten ist.

Dazwischen ein bisschen Zorn. Ein wenig Wut. Aber mehr auf die anderen, die unbeschwert weiterleben können. Da war viel von „wofür werde gerade ich so gestraft“ bis zu „womit habe ich das nur verdient“.

In diesen Phasen haben wir kaum Zugang zu ihr. Sie führt einen endlosen Kampf gegen sich selbst und gegen ihren Körper. Ist sich selbst der größte Feind und lässt sich keinen Raum für die innere Ruhe, die sie so dringend benötigen würde.

Von der Akzeptanz ist sie noch weit entfernt. 

Aber hieße akzeptieren nicht auch aufgeben? Ist aufgeben auch abschließen? Ist abschließen nicht das Ende?

Ihr größter Vorwurf an mich ist, daß ich mich in ihren Augen nicht einfühlen könne, das ich nicht sehe, wie schlecht es ihr wirklich geht.

Ich schaue meine Mutter an: sie sieht gut aus („ Im Gesicht fehlt mir ja nichts“!) Natürlich bemerke ich die körperliche Schwäche, die Steifheit der Gelenke, die langsamen Bewegungen. 

Ich weiß von den Schmerzen. 

Die Erfahrung mit ihr hat uns aber alle gelehrt, nicht zu sehr darauf einzugehen. Der körperliche Zustand ist schlecht, aber wenn wir uns damit eingehend befassen, wird er noch schlechter. Das mag jetzt zynisch klingen aber man darf nicht vergessen: sie beobachtet sich sehr genau. Man könnte fast sagen, sie verbringt großteils ihrer Zeit damit, sich selbst zu analysieren. 

Bei jedem Besuch bekomme ich sozusagen ein Bulletin über den momentanen Zustand. Das ist auch gut so und wichtig für sie, ihre Schmerzen, Ängste und Sorgen auch in Worte kleiden zu können. 

Aber irgendwann im Laufe des Tages sollte damit Schluss sein. Ablenkung ist gefragt. Befassen wir uns zu intensiv mit ihrem Zustand so verdrängt der „Zustand“ alles andere, dann führt die Krankheit Regie.

Dann ist sie unempfänglich für ein Leben außerhalb ihres eigenen Raumes, außerhalb ihres Körpers.

Aber wer bin ich, daß ich so über ihr Denken und ihre Gefühle spreche? Ihr vorschreibe wie oft und wann sie sozusagen jammern darf?

Hat sie nicht das Recht, sich so lange und so intensiv mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen wie sie möchte?

Es ist ihr Leben um das sie weint. 

Meine Verzweiflung lässt mich härter erscheinen als ich bin. Meine Angst kapselt auch meine Gefühle ein. Ich versuche rational zu handeln und zu denken, bin aber voll Emotion.

Es ist meine Mama um die ich weine.

3 Kommentare

  1. Es könnte wohl der schönste Text von der Serie sein, wie ich es mir ansehe…
    Ich hoffe es geht euch alle gut. Gruß und Kuss

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