Der Heilige Abend

Der Heilige Abend fängt bereits am Nachmittag an. Da  sitzt Mutter mit den Enkerln in meiner Küche und wartet.

„ Das dauert aber lange heute bis das Glockerl klingelt?

„ Also mehr als drei Lieder bitte nicht singen “

„ Ich hab so einen Hunger. Können wir nicht jetzt essen“?

Nein, da jammert nicht meine dreijährige Enkelin sondern meine Mutter.

Wann wird man wieder zum Kind? Nicht zum staunenden Kind, nicht zum glückselig lachenden Kind sondern zum unbeherrschten, ungeduldigen, zum „ ich will alles und das sofort“ Kind?

Wann habe ich den Zeitpunkt bei meiner Mutter versäumt?

Warum ist mir nicht aufgefallen,dass sie genauso nervös und aufgeregt ist am Heiligen Abend wie meine Enkel? Aber doch aus anderen Gründen.

Kinder, die muss ich jetzt nicht groß erklären. Sie versuchen einen Blick ins Weihnachtszimmer zu erhaschen, spitzen die Ohren um das Glockerl nicht zu überhören und rutschen aufgeregt kichernd auf den Knien durchs Vorzimmer.

Mutter sitzt in der Küche, nippt am „ ich trinke sicher keinen Alkohol“ Champagner und versucht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Indem sie unglücklich, ja fast verzweifelt schaut und immer wieder betont, wie schlecht sie sich gerade heute fühlt. Das ist kein guter Zeitpunkt, weil ja doch jeder von uns nur ein leuchtendes Paar Kinderaugen erhaschen will.

Es hat schon so ein wenig was von „ jetzt habe ich mich extra auf den Weg hierher gemacht und nun kümmert sich keiner“. Alle anderen ignorieren es aber ich fühle mich schuldbewusst.

Auf Kinder nimmt man Rücksicht und legt den Heiligen Abend so an, daß sie möglichst viel davon haben. Aber was ist mit den älteren Menschen? Mutter will wie jeden Tag früh Abendessen und früh ins Bett aber trotzdem Weihnachten mit uns allen erleben. Für die Babys damals hat man das abgestimmt. Hatte Einladungen abgelehnt, Abendessen vorgezogen und das Glockerl klingeln lassen zu einer Uhrzeit wo in andren Haushalten der Baum noch im Netz eingewickelt am Balkon stand.

Von einer Erwachsenen erwartet man Flexibilität im gewohnten Tagesablauf. Aber ab wann wird man wieder quasi zum Kind, ab wann wäre Rücksicht angesagt?

Wenn sie nicht so fordernd wäre…Das ist mir jetzt so herausgerutscht und wenn ich länger darüber nachdenke dann ist es das wohl. Man macht alles gerne, wenn man sieht, es ist notwendig. Gut, aber andererseits will sich Mutter nicht gehen lassen. Sie will daß man Rücksicht nimmt, weil sie sich schwach fühlt aber niemand soll es merken. Sie will bestimmen wie und wo und wann, aber aus einer Stärke heraus die nur als Forderung beim Gegenüber ankommt. . Das geht sich oft nicht aus.

Sie drängt zur Bescherung. Im Namen der Kleinen, versteht sich.

Die rutschen aber glücklich und entspannt vor dem Wohnzimmer umher, weil….die Vorfreude ist oft am Schönsten.

Als die letzten Familienmitglieder endlich eintreffen, schiebt sie diese fast noch im Mantel zur „Weihnachtstüre“.

Das Glockerl soll endlich klingeln und als es soweit ist, ist sie noch vor den Kindern im Zimmer.

Wir sind eine unmusikalische Familie. Kein Flötenkonzert, keine Klavierdarbietung aber alle singen begeistert sämtliche bekannten Weihnachtslieder,meist nur die ersten zwei Strophen, die dafür doppelt so laut.

Zumindest war es bis jetzt immer so. Nach dem zweiten Lied möchte Mutter aufhören zu singen. Das heisst, sie möchte daß wir alle aufhören.
„Viel zu viele Geschenke sind da. Schrecklich“ sagt sie

“Das dauert ja wieder ewig, bis die alle ausgepackt sind“ meint sie.

Während die Kinder noch beschäftigt sind, stürmt sie schon den Esstisch und wartet auf die Vorspeise.

Der Abend endet für sie wie sie es wollte: früh. Er endet noch vor der Nachspeise, denn da steht sie auf und will gehen. Und während ich sie mit dem Auto nach Hause fahre, bedankt sie sich überschwänglich für den netten Abend. Sie bedankt sich so lieb, daß ich mich frage ob sie die Spannungen überhaupt gespürt hat? Oder ob sie in ihrem Bemühen , ihre Schwäche herunterzuspielen so sehr auf sich selbst konzentriert war daß sie sonst nichts wahrgenommen hat?

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