Der Rollstuhl

Einmal noch durch Blätter rascheln, durch Schnee stapfen. So bescheidene Wünsche und doch nicht zu erfüllen.

Nach einem Sturz ist Mutter verunsichert und ängstlich. Und es muss nicht nur das Selbstbewusstsein, auch die Muskeln müssen wieder aufgebaut werden.

Wir besorgen einen Rollator für die Wohnung und einen Rollstuhl für die Ausfahrten. Mit dem Rollator soll sie in den eigenen vier Wänden üben, auf und ab gehen, bei jedem Schritt etwas zum Festhalten haben.

Ich gebe es zu: freue mich auf die Rollstuhl-Ausfahrten. Kein ängstliches, an meinem Arm geklammertes, langsames Spazierengehen sondern ein flottes Marschieren, die Mutter warm,  sicher und wohlbehalten vor mich herschiebend. 

Ich sehe sie im Rollstuhl sitzen, aufrecht und elegant, eine karierte Decke um die Mitte, ein Urenkerl auf den Knien. Ich sehe uns in Konzerten, im Theater und im Kaffeehaus, plaudernd über den Zeitungen sitzen.

Nach langem Überreden ist Mutter bereit, dem Rollstuhl eine Chance zu geben. Das erste, sehr überraschende Hindernis: der Rollstuhl passt nicht in den Aufzug. Sie muss daneben stehen, der Stuhl leicht zusammengeklappt. Es ist fast unmöglich für sie den Liftknopf zu erreichen. Ich drücke das „E“ für Erdgeschoss durch die schnell schließende Lifttüre und rase sechs Stockwerke über die Stufen hinunter, um unten eine zitternde Mutter in Empfang zu nehmen. Das geht so nicht. Und Ausfahren möchte sie jetzt sowieso nicht mehr. Also wieder retour hinauf. Diesmal lasse ich den Rollstuhl gleich unten und bringe ihn zum Umtausch ins Geschäft. Mit dem leichtesten, kleinsten und lifttauglichen Modell komme ich wieder.

Sie übt fleißig gehen mit dem Rollator, macht das wirklich gut, aber ich spüre, irgendwas bedrückt sie .

„Ich muss jeden Tag beim Aufwachen weinen“. Weil der erste Blick in der Früh auf den Rollstuhl im Vorzimmer fällt. „Da wird mir meine Gebrechlichkeit so bewußt“.

Ich bin sehr betroffen und wir beschließen den Rollstuhl zusammenzuklappen und für sie unsichtbar hinter der Garderobe aufzubewahren. Doch das reicht nicht. Allein die Anwesenheit bedrückt sie und bringt sie zum Weinen. Nach einiger Zeit bringe ich ihn ungebraucht ins Geschäft zurück.

Sie traut sich mit den Rollator auf die Straße. Geschickt manovriert sie das Gefährt an den abgeflachten Gehsteigkanten über die Fahrbahn. Sie rast und ich komme, den alten Hund hinter mir her ziehend, kaum mit. Die flotte, rote Tasche vorne ist sehr praktisch beim Einkauf. 

Leider will sie niemals mehr ein Kaffeehaus betreten.Und ins Kino will sie auch nicht.„Wohin soll ich denn das blöde Ding da abstellen“.

„Das blöde Ding“ schenkt ihr ganz viel Beweglichkeit und auch Freiheit, aber sie geniert sich. Die Straße auf und ab, der Supermarkt, das geht, aber die Orte der vergangenen Zeit, die Kaffeehäuser, das Theater vermeidet sie.

Ich versuche es mit Überreden, mit Bitten und Drohen. Aber Mutter ist stur. 

Ich kann  ihre Ängste nicht nachvollziehen und bin überzeugt davon ein Besuch im Kaffeehaus oder im Kino würde für sie eine schöne Abwechslung in ihrem Alltag sein, ja sie ihrem gewohnten früheren Leben näher bringen. 

Ich soll viele Hürden für sie bewältigen, Entscheidungen treffen, Hindernisse aus den Weg räumen aber letztlich ist sie eine eigenständige Person.

Diesen Balanceakt zwischen ständiger Verfügbarkeit und Hilfestellung meinerseits und Mutters starken eigenen Willen andererseits muß ich noch üben.

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