Der Schnaps

Wann ist mir erstmals der Gedanke gekommen, ein Stamperl klare Flüssigkeit vor einem Mutter Besuch könnte mir helfen, diesen ruhiger und gelassener anzugehen? 

War es der Moment, wo mir dämmerte, die Koliken, die sie (und uns alle) über  eine Woche in Atem gehalten haben, nur  das Resultat von exzessivem Genuss eines „verdauungsfördernden Tees“ war?

Oder war es an jenem Nachmittag an dem sich der alte  Hund am Schwanz verletzt hatte, schmerzlos aber blutend. Und mit jedem freudigen Schwanzwedeln einen Blutregen aus lauter kleinsten, feinsten Tröpfchen über das Parkett sprühte. Und während ich bei der Entscheidung zögerte, erst das schnell trocknende Blut aufwischen oder erst Hund verbinden kam der hilfeschreiende Anruf:“ Bitte komm sofort, es ist schrecklich“.

Ich packe den alten Hund, wickle eine Socke um die noch blutende Schwanzspitze, fixiere das Ganze mit einem Haargummi  und rase hin. Da sitzt meine Mutter verzweifelt im Sessel, links und rechts in die Seiten gepackt zwei Wärmflaschen. Beide erkaltet. Und das Schreckliche war: Sie bekommt den Verschluss nicht auf und kann  die Wärmflaschen nicht entleeren bzw.neu heiß befüllen. Das ist wirklich ein Problem, das verstehe ich.  Noch besser hätte ich es verstanden, wenn ich vorher ein Stamperl gekippt hätte…

Eindeutig mehr als ein Beruhigungsschluckerl wäre kurz darauf nötig gewesen: Ein Anruf, wie wir ihn alle fürchten. Sie hat Atemnot, Herzrasen, eine Panikattacke wie nie zuvor. Mehr war am Telefon nicht herauszubekommen. Ich stürze mich in Schuh und Mantel  und fliege durch die Gassen zu ihr hin.  Kaum bin ich dort, hat sich das Herz beruhigt, sie atmet hörbar ruhiger. „Ich glaube, ich habe mich nur einsam gefühlt“ lautet die Selbstdiagnose.

  Diese Situation gibt es in etlichen Variationen. Mein Bruder führt, laut eigenen Angaben, eine„ Dreiviertel- Wochenend- Beziehung“. Auch er hat alle Liegen und Stehen lassen um nach einem Hilferuf von Mutter zu ihr zu eilen. „ Ich glaube, mir war langweilig“ war die Antwort und ein kostbares Viertel seines Wochenendes war weg. 

Wie geht man damit um? Wann weiss ich, es ist nicht Langeweile sondern echte Not? Aber ist Langeweile nicht auch oft „echte“ Not?  Wird einem nicht Krankheit, Unzulängigkeit und Schmerzen erst in der Einsamkeit so richtig bewusst? Wenn man ohne Ablenkung im Zimmer sitzt und über alles nachdenkt? Oder wenn einfachste Handgriffe wie das Öffnen von Gegenständen zu einem echten Problem werden; Sachen, die man in jungen Jahren ohne Nachdenken fast nebenbei tut wachsen  zu unbezwingbaren Bergen heran. 

Ich möchte meine Mutter unterstützen so gut es geht. Aber es fehlt mir  im Alltag manchmal an der nötigen Gelassenheit. Ich reagiere auf ihre Hilferufe zwar prompt, bin aber  dann ungeduldiger als ich es sein möchte, wenn sich die Situation (für mich) als nicht so lebensbedrohlich darstellt.  Dann wieder habe ich ein  schlechtes Gewissen, weil was sie im Moment des Hilferufes fühlt ist ja real und wirklich und nur das sollte ich berücksichtigen. 

Dass ich ab und zu ein Stamperl brauchen könnte ist wahr. Dass ich aber natürlich keines kippe ist auch wahr.   

2 Kommentare

  1. Wir (mein Freund Beat, der zufällig grad mit mir am email account sass und – weil ich sofort lesen wollte, what´s new – mitgelesen hat und ich) haben deinen neuesten Eintrag im „Angsthasen Blog“ wieder mal sooooooo genossen!
    Es ist dermassen lustig – bei aller Tragik und so nachvollziehbar … und: warum nicht mal ein Stamperl zwischendurch? schon allein, um vor sich selbst eine Geste der Locker- und etwas mehr Wurschtigk(h)eit zu demonstriern!
    Wir hatten grad auch vor 17h (irgendwo auf der Welt ist es immer schon nach 17h) ein Gläschen Cava .. ausserdem hab ich heut Geburtstag – die nächste schöne Ausrede 😉
    Danke Katja!

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