Der Therapeut

…und hat mit großer Geduld ihr Leiden bis zum Ende ertragen. „Das könnt ihr nie in meiner Todesanzeige schreiben“ , sagt Mutter. „Denn ich ertrage es nicht und ich weiß, ich bin dabei sehr ungeduldig“.

Aber wie geht man um mit einer Krankheit, bei der es nie mehr besser sondern kontinuierlich nur schlechter wird? Bei der man nicht sagen kann: “ Wenn ich mich erholt habe, dann….“ oder “ Ich brauche nur ein bisschen Zeit, das wird schon wieder…“ 

Annehmen? Damit leben lernen? Sich dem Schicksal fügen?

Das sind alles Schlagworte die man in diesem Zusammenhang hört. Aber nicht jeder hat die Kraft, die Geduld und den Willen sein gewohntes Leben einfach aufzugeben , seine Krankheit anzunehmen und sich so dem Unausweichlichen zu fügen.

Medikamente können aber dabei helfen. Sie nehmen den Emotionen die Spitzen, machen ruhiger ,relaxter und ja, vieles lässt sich dadurch leichter ertragen.

Medikamente sollen aber nicht die einzige Lösung sein. Wir meinen, eine Theraphie könnte helfen herauszufinden, warum sie so sehr hadert mit ihrem Schicksal. Warum sie „ krank – alt – nutzlos “ in einem Atemzug sagt und auch so meint.

Der Therapeut, den wir suchen, muß sich in unmittelbarer Gehweite befinden und Erfahrung mit chronischen Krankheiten haben.

Dr.M hat die Ausbildung im zweiten Bildungsweg gemacht, vorher in der Pflege gearbeitet und scheint sehr einfühlsam.

Nach dem dritten Besuch ist Mutter fahriger, nervöser und unruhiger denn je. Sie schläft nicht gut. Sie hat jede Nacht Albträume.

Ich verstehe es erst nach einer Weile.

In den Sitzungen haben sie über ihre Kindheit geredet, über die Beziehung zu den Eltern, zum Vater. Das war keine glückliche Kindheit, keine unbeschwerte, wie auch, mitten im Krieg. Die Beziehung zum Vater war konfliktreich, fast bis zu seinem Ende.

All das war Jahrzehnte gut verdeckt und durch ein arbeitsreiches Leben erfolgreich verdrängt worden.

Nun ist ihr Vater auferstanden und setzt sich jede Nacht an ihr Bett. Sie erlebt Diskussionen, die sie so wahrscheinlich nie geführt hat und Gespräche die nie stattgefunden haben. Sie ist plötzlich wieder das kleine Mädchen in der Abhängigkeit ihres mächtigen Vaters. Unliebsame Erinnerungen kommen hoch und rauben ihr den Schlaf.

Der Therapeut sucht den Grund für das „ nicht annehmen können“ in ihrer Kindheit. Er mag da sicher auf dem richtigen Weg sein,  aber es geht gründlich schief.

„ Jetzt muß ich mich nicht nur mit meiner Krankheit beschäftigen sondern auch noch mein Elternhaus aufarbeiten.“ Mutter ist verzweifelt. Ihr fehlt die Kraft für beides und sie will die Therapie sofort abbrechen. Sie ist überzeugt: es muß nicht alles zerredet und aufgearbeitet werden. Bei manchen Erlebnissen aus der weit entfernten Vergangenheit ist es gut nicht daran zu rühren. Außerdem weiß sie sicher : Bis sie zu einem Ergebnis kämen , wäre sie eh schon tot. 

Ein Abbruch der Therapie scheint mir nicht ideal: „Nutze doch die Gelegenheit um mit einem jungen Mann zu plaudern“ . locke ich sie. So geht sie weiter zu den Sitzungen, aber sie plaudern über….ja über was eigentlich?

Offensichtlich haben sie sich auf Themen geeinigt ,die beide positiv  erlebt haben. Doch das geht nur kurze Zeit gut. 

„ Ich zahl doch nicht einen Haufen Geld um mit einem fremden Menschen über die 60-er Jahre zu quatschen“ meint Mutter, „ das kann ich mit dir genauso reden“ . Sie sagt die weiteren Stunden endgültig  ab.

Nun bin ich auf der Suche nach einer Beratung für Angehörige um zu verstehen und um zu lernen mit Krankheiten umzugehen, die früher oder später zum Tod führen. Wie erfolgreich ich dabei bin, das ist eine andere Geschichte.

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