Der Widerspruch

„Ich kann nicht“

Dieser Satz kann viel bedeuten. „Ich schaffe es nicht“, „Ich mag nicht“, „Ich sollte, aber ich habe keine Lust“, “Es ist mir nicht so wichtig, dass ich mich bemühen möchte.“

Wenn meine Mutter „Ich kann nicht“ sagt,  zerschlägt sie mit diesen drei Worten  jede Hoffnung ihr entgegenzukommen, sie zu unterstützen, ihr eine Freude zu bereiten.

Wenn sie es sagt, dann klingt es in meinen Ohren immer wie „ich möchte, dass ihr seht wie schlecht es mir geht. Ihr sollt merken, ich bin schrecklich arm dran…und deswegen kann ich nicht..ins Kino, in die Ausstellung,in den Stadtpark…oder auch nur aufstehen.“

Ich habe dann zwei Möglichkeiten, nein eigentlich drei: Ich könnte sagen „Bemüh dich  bitte, schau, es wird schon irgendwie gehen“( das hab ich probiert, dann sagt sie „du weißt ja nicht wie ich mich bemühe, du hast ja keine Ahnung…“) oder ich weise leise, zum wiederholten Male auf einen Rollstuhl hin, mit dem sich längere Strecken problemlos bewältigen ließe (das hab ich mehrfach schon getan,“ Niemals“ ist die Antwort) oder ich werde ungehalten und werfe ihr vor, sich gehen zu lassen. Das kommt aber auch nicht gut an, weil ganz tief vergrabenen in ihr herrscht große Angst vor Disziplinlosigkeit. 

Und das ist ein großer Widerspruch an dem sie leidet und uns alle mitzieht. 

Rückblende.

Während Schulkollegen mit Kopfweh, Bauchweh oder Prüfungsängsten viele Fehlstunden sammelten, galten für meinen Bruder und mich strenge Richtlinien: Von der Schule daheim bleiben war nur möglich bei hohem Fieber und sichtbarem Verfall. Dann galt Fernsehverbot und der Tee wurde mit den Worten „Mach es dir aber nicht zu gemütlich, morgen bist du wieder in der Schule“ auf das Nachtkästchen geknallt. Das hatte total unterschiedliche Auswirkungen in unserem Erwachsenenleben. Während mein Bruder sich bei 37,1 Grad tagelang im Bett verkriecht, schleppe ich mich mit schmerzenden Lungen und vollgepumpt mit Fiebersenkenden Mitteln zum Laternenfest in den Kindergarten. 

„Ich kann nicht“ habe ich nie von meiner Mutter gehört und deswegen irritiert es mich auch heute so wenn sie es sagt. 

Von einer Frau, der Disziplin über alles ging. Die aus einem strengen Elternhaus kam, wo Lesen tagsüber verpönt war und wo der Charakter eines Menschen daran gemessen wurde, wie er bei Tisch saß.

Es ist heute, im hohen Alter, ihr gutes Recht zu sagen „Ich kann nicht“, wenn ich es denn ernst nehmen könnte.

Ich sehe, es geht ihr besser, wenn sie im Stadtpark die blühenden Bäume gesehen hat. Ich weiß sie ist gerührt und glücklich nach einem Nachmittag mit ihren Urenkeln. Ich spüre ihre Befriedigung nach einem interessanten Zeitungsartikel, einer anregenden Diskussion mit Freunden. 

Aber vor all dem steht erst einmal fett „Ich kann nicht“. Und manchmal habe ich einfach nicht die Kraft dazu, diese Hürde für sie zu überwinden. 


3 Kommentare

    • Lieber christoph,danke für deinen lieben Kommentar. Würde mich auch freuen,mehr von dir zu hören.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.