Die Bergtour

Das war ein Spaziergang bis jetzt. Sozusagen. 

Nach massiven Schüben gleich zweier Autoimmunkrankheiten ist es eine Bergtour geworden. Im Schneegestöber. In Sandalen.

Wie konnte ich nur glauben, daß es so weiter geht wie bisher.

Ein bisserl den Alltag organisieren, Arztbesuche einfädeln, Mahlzeiten vorbeibringen, Kaffee am Nachmittag, die Langeweile vertreiben, Beschwerden, Schmerzen und Sorgen anhören und versuchen sie zu lindern.

Nun liegt sie da und steht nicht auf. Will nicht aufstehen. Kann nicht aufstehen.

Will auch nicht den Arzt rufen aus Sorge dann ins Spital zu müssen. 

Gleichzeitig bekomme ich eine Liste diktiert mit all den Sachen die ich beachten müsse, wenn sie ins Spital kommt.

Ein Widerspruch? 

Ich koche Käsepappeltee, zerdrücke eine Süsskartoffel mit Butter und Salz und versuche sie zum Essen zu animieren. In den zwei Tagen, die ich nicht bei ihr war, hat sie nichts gegessen. Sagt sie. Genau weiß ich es nicht. 

Ich möchte sie einpacken, zu mir nach Hause nehmen und sie versorgt wissen. Das will sie aber nicht. Ich habe kein Bett mit Einstiegshilfe, keine ebenerdige Dusche, und ihre Sachen und überhaupt…

Ich kann meine Mutter verstehen,bin aber ratlos.

Jetzt, wo es ihr wirklich schlechter geht als je zuvor, körperlich schlechter, scheinen die psychischen Probleme in den Hintergrund getreten zu sein. Sie kämpft mit ihrem Körper, sie kämpft ums Aufstehen, um das „Ins Bad gehen“  können, ums Schlucken beim Essen, um Schwindel und um Schmerzen bei jeder Bewegung. Da bleibt kein Platz für „ich bin so einsam, niemand liebt mich ,niemand ruft an“

Ich habe das Telefon in der Nacht neben meinem Bett und hoffe auf keinen Anruf. Ich laufe in der Früh zu ihrer Wohnung und möchte sie fröhlich am Tisch sitzen sehen, bin aber so erleichtert, sie überhaupt lebend zu sehen. 

Ja, das ist die Angst: In die Wohnung zu kommen und sie ist nicht mehr da.

Eine treue Haushaltshilfe kommt einmal in der Woche. Das ist heute. Was morgen ist, darüber will sie nicht nachdenken. Sie will auch keine 24 Stunden Pflege, weil ständig wen um sich herum, das hält sie nicht aus.  Also doch wieder die tägliche Betreuung durch den Pflegedienst, Schlüsselkastl hin, Fremde in der Wohnung her…?

Sie will nicht. Kann man sie zwingen? Ich höre von Bekannten, die Pfleger werden oft nicht in die Wohnung gelassen, weggeschickt. Würde sie das machen? Hat sie noch die Kraft dazu?Und was dann? 

Ein Gespräch vor vielen Monaten fällt mir ein. Sie will nicht mehr leben. SO will sie nicht leben, hat sie gesagt. So eingeschränkt, so an die Wohnung gefesselt, so abhängig. Sie wisse um die Schmerzen die kommen werden, um die Beschwerden die ihre Krankheit mit sich bringt und die auch zum Ende führen. Ich war sehr hart: „So darfst du nicht reden. Wir bemühen uns alle daß es dir gut geht.“

Nun liegt sie eingepackt im Bett und flüstert: „Ich darf ja nicht sagen, daß ich nicht mehr will“. „Mutter, du darfst alles sagen…“

4 Kommentare

  1. Liebe Katja
    Ich wünsche Dir viel Kraft und auch für Deine Mutter!
    Es ist schwer und glaub mir ich weiß wovon ich schreibe 😪😪😪
    Lieb Grüße aus der Steiermark
    Alexandra

    • Liebe Alexandra. Danke für deine lieben Worte. Jeder Tag ein Kampf. Du kennst das. Aber nicht aufgeben…..
      Alles Liebe Katja

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