Die Entscheidung

„ Weißt du „ sagt meine Mutter „ Keine Tochter ist verpflichtet ihre Mutter zu pflegen. Aber als Kind hast du schon die Verantwortung und die Pflicht dafür zu sorgen, daß die Eltern rundum versorgt sind“. 

Ja eh

„ Bei deiner Großmutter hab ich das gut organisiert“ kommt schnell der Nachsatz .

Was soll ich antworten? Daß ihre Mutter äußerst pflegeleicht war? Mit großem Gleichmut , fast schon phlegmatisch, hat sie alles hingenommen,  jeden dankbar akzeptiert,  der für sie da war. Solange sie  täglich ihre Topfenknödel essen durfte und das Fernsehbild dank Zimmerantenne nicht grieselte.

„ Gut“ sage ich entschlossen und mit bemühtem Opportunismus in der Stimme. “Gut,dann kommt die Frau Hermi nun jeden Tag und hilft dir bei allem wo du Hilfe brauchst“. 

Schweigen. 

Die Frau Hermi gibt es natürlich ( noch) nicht. Aber sowas schwebt mir vor. Eine Frau Hermi, die kommt, wäscht ,  bisschen putzt ,  kocht und vielleicht auch noch Karten spielt und Spazieren geht. 

Das braucht sie nicht. Sagt Mutter. Und das will sie auch nicht.

Drei Wochen war meine Mutter im Sanatorium und nun ist sie wieder daheim. 

Drei Wochen hat sie , laut  eigenen Angaben, gut gegessen , hat geturnt geplaudert mit den Mitbewohnern, ihre Runden im Kaffeehaus gedreht, so manches Kartenspiel gewonnen und sich sicher und geborgen gefühlt.

„ Ich möchte in ein betreutes Wohnen ziehen“ sagt sie mit großem Ernst. 

„ Mutter ins Heim? Niemals ! “ schreit mein Bruder, “ Da gibt sie sich auf. Das ist das Ende“.

Während ich eine lachende Kartenrunde , Kaffe und Kuchen sehe sieht er Linoleumböden , Rollator- Fuhrparks und volle Windeleimer.

Wir haben beide recht und auch wieder nicht.

Ich schaue ein paar Häuser an. Sie heißen Fortuna, Wie daheim oder auch Residenzen. Mit dem Namen bekommt man gleich das Preisschild dazu .

Ich kann und ich möchte nicht entscheiden. Sie müsste mitgehen. Das will sie aber nicht. Unlösbar.

Soll sie nun einige Zeit alleine zu Hause bleiben um dann den Vorteil einer betreuten Wohneinrichtung zu sehen? 

Oder gewöhnt sie sich wieder an den Alltag, den wir ihr daheim organisieren?

Natürlich ist ihre Wohnung schön. Natürlich ist die Terrasse ein Traum, wenn erst der Frühling, der Sommer kommt. 

Aber wenn ich tief in mich hinein höre muss ich zugeben daß ich die letzten drei Wochen sehr fein fand ; zu wissen, Mutter ist versorgt und ich kann wirklich nur zu Besuch kommen war eine große Erleichterung. 

Natürlich kann ich meinen Bruder verstehen, der allein beim Wort „ Heim“ schon Magenweh bekommt. 

Fast fühle ich mich in die „ Abschiebe Rolle“ gedrängt.Als wollte ich sie loswerden. Nicht sie will ich loswerden; die Verantwortung, die Sorge will ich loswerden. Die tägliche  Angst um sie will ich loswerden. 

Sie will in ein betreutes Wohnen. Das hat sie selbst gesagt. Aber will sie das morgen noch? Nächste Woche? Will sie das wirklich oder ist es so wie mein Bruder befürchtet: Jetzt im Moment der Einsamkeit und Hilflosigkeit stellt sie es sich gut vor, aber wenn sie einmal dort ist, alle Brücken hinter ihr abgebrochen sind, die Wohnung weg ist, empfindet sie es als Endstation.

Dann ist es die Endstation. Die letzte Wohnstation in einem Leben . Gibt sie dann auf oder arrangiert sie sich?

Beim eigenen Kind trifft man täglich auch weitgreifende Entscheidungen. Aber bei meiner Mutter habe ich so eine Hemmung etwas in Gang zu setzen dass unwiderruflich ein Schritt weg ist. So empfinde ich es : Ein Schritt weg.


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