Die Erholung

Zwei Seelen kämpfen in meiner Brust. Eine, die will dass bald alles wieder so läuft wie bisher, dass Mutter sich erholt, zu Kräften kommt und wir uns wieder wie bisher mit der Betreuung von Tag zu Tag hanteln. 

Und die andere Seele, die will abgeben, die sehnt sich nach einer Lösung, bei der Mutter glücklich und in guten Händen ist und der Alltag nicht immer von Tag zu Tag neu zu organisieren ist. 

Sie steht langsam wieder aus dem Bett auf, fühlt sich sehr schwach. Sie möchte ihren Hausarzt kommen lassen. Die Idee eines Sanatoriums, einer Art Kuraufenthalt schwebt im Raum. Sie möchte „aufgepäppelt“ werden. Er soll die nötigen Überweisungen machen.

Ich finde das eine gute Idee.

Der liebenswürdige Arzt kommt gerne zu Mutter. Er mag ihre großzügige Wohnung und schätzt sie als intelligente Patientin.

Wenn sie das wirklich möchte, schreibt er ihr gerne die Überweisung in ein Sanatorium, aber eine Notwendigkeit sieht er nicht. Ein paar kräftigende Mahlzeiten, tägliche Bewegung und die von ihm verordneten Medikamente sollten sie bald wieder fitter werden lassen. Sie ist glücklich. Sein Optimismus steckt sie an.

„Weißt, ich möchte möglichst lange meine Unabhängigkeit behalten“ haucht sie ins Telefon.

Ich schreie… innerlich laut, ins Telefon etwas leiser „Deine Unabhängigkeit ist abhängig von uns, von mir. Du bist nicht unabhängig.“ Und erstmals rede ich mir meine Sorgen von der Seele. Ich sage ihr, dass ich mich so verantwortlich fühle, dass es mich zerreißt vor Kummer sie nicht gut versorgt zu wissen. Ständig zu überlegen, wer geht wann einkaufen, was sie wohl essen mag und ob sie genug Besuch hat ist sehr belastend, dass ich leide, wenn ich höre, sie fühlt sich einsam und dass ich fast zornig werde bei dem Satz „Es geht ja niemand mit mir spazieren“. 

Sie hört sich alles still an. Schweigt. Und sagt dann mit Grabesstimme „Ich glaube du solltest jetzt ein paar Tage nicht kommen“, um dann hinzuzufügen „Damit du dich erholen kannst…“

Es ist Freitag Nachmittag und ich bespreche mit meinem Bruder seinen Wochenend-Einsatz. 

Samstag fragt er an ob sie etwas brauche. „Nein“. Kurz und bündig. 

Sonntag lässt er sich nicht abhalten und geht mit einer Suppe zu ihr. „Von deinen Suppen ist mir übel geworden. Deswegen war ich auch so krank die letzte Woche“. Peng

Fast habe ich Hemmungen, das so niederzuschreiben, weil mir mein Bruder schrecklich leid tut. Aber es kommt noch schlimmer: 

Sie fühlt sich elend und bittet ihn, einen Arzt anzurufen. Er gibt zu bedenken: Ein Notarzt am Sonntag Nachmittag wird sie wahrscheinlich in ein Krankenhaus bringen, aber wenn sie möchte, ruft er gerne an.

„Nein, auf keinen Fall“, sie ist ausser sich allein beim Gedanken daran . Sie geht in kein Spital, er soll auf keinen Fall anzurufen.

Ein wenig später fügt sie hinzu: „Und wenn ich jetzt sterbe, bist du schuld, weil du nicht angerufen hast“.

(Meine „Erholung“ ist übrigens Montag Vormittag zu Ende. )

2 Kommentare

  1. Mit Recht sollst du dich liebe Katja erholen… nicht nur du soll sich verantwortlich fühlen. So einfach geht es aber nicht oder?… Das ist echt nichts für Angsthasen… Liebe liebe Grüße…

    • Du weißt ja, leider kann man es nicht einfach abstellen…das Verantwortlich fühlen…weder bei den Kindern noch bei den Eltern..beste Grüße nach Frankreich

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.