Die Gurke

Vier Stunden und sechzehn Minuten. Genau solange glaube ich, alles richtig gemacht zu haben. Vier Stunden und sechzehn Minuten lang bin ich überzeugt, meine Mutter ist in besten Händen, erholt sich, um nach zwei Wochen gestärkt wieder nach Hause zu gehen.

„Kein Luxus, nur Preis.“

War die erste Nachricht die ich am Handy erhalte und die mich Schlimmere befürchten lässt. 

„Kann Lustspiel über Zimmernachbarin drehen“ war die Nummer zwei.

Sie hat sich für ein Zweibettzimmer entschieden, nach den guten Erfahrungen mit dem jungen Mädchen im öffentlichen Spital. 

Die Sanatoriumsleitung findet es eine gute Idee, die Frau Magister zu einer weiteren Frau Magister zu legen.

Aber die beiden „Alpha-Weibchen“ halten es nur eine Nacht miteinander aus.

Am nächsten Morgen bekomme ich einen Anruf von der Sanatoriumsleitung: „Ihre Frau Mutter ist sehr aufgeregt. Es hat einen Streit in der Nacht gegeben. Sie will verlegt werden.“ 

Ich sitze in dem wirklich schönen Kaffeehaus auf dem Dach des Sanatoriums mit einem Rundumblick auf die Stadt.

„So eine Gurkn“ fängt Mutter an ihrem Ärger Luft zu machen

„Dreht mitten in der Nacht alle Lichter auf und reißt mich mit Gebrüll aus dem Tiefschlaf. Ich hätte die Nachtkasterln verschoben“.

Ich muss grinsen, denn wir haben Mutters Nachtkästchen wirklich verschoben,  weil es links stand und sie aber gewohnt ist, rechts nach Tabletten, Buch und Brille zu greifen. Ich habe die ungeschriebene Rangordnung missachtet: Wer Erster im Zimmer liegt, hat das Sagen. 

Offensichtlich haben sich die beiden Damen mitten in der Nacht nichts geschenkt.  Die Nachtschwestern mussten eingreifen. Und ab sofort will Mutter ein Einzelzimmer.

Es ist geräumig mit einem schönen Blick auf alte Bäume gegenüber. Aber sie ist eben wieder alleine. Wie schon zu Hause. 

Hier ist nur der große Vorteil: Sie kann ohne Hindernisse jederzeit in das Kaffeehaus. Das nützen wir aus. „Schau, da sitzt sie, die Frau Magister“ zeigt sie mir ihre Kontrahentin . „So schöne Haare- sicher eine Perücke.Und niemals ist sie 97 Jahre alt…“

Ich freue mich, dass sie offensichtlich am Leben wieder teilnimmt.

Auch körperlich soll es aufwärts gehen:

Der Physiotherapeut kommt zweimal am Tag und animiert sie zur Bewegung. Sie ist noch sehr schwach aber willig. Und das ist das Wichtigste.

Ich bin erleichtert. Sie lobt das Essen, bemängelt die löchrige Bettwäsche, verschenkt Schokolade an die Pfleger und ist vom Arzt begeistert. 

„Du packst es nicht.“

lautet eine weitere Textnachricht am Abend.

„Seit zwei Tagen warte ich in diesem Luxusetablissement auf einen Flaschenöffner für mein alkoholfreies Bier vor dem Schlafengehen. Heute wieder nix.“

Ja, das sind die Probleme,die ich gerne höre! 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.