Die Hundertjährige

Es fühlt sich an wie ein erster Schultag: Dutzende Kinder gehen an der Hand ihrer Eltern auf das große Tor zu…..halt …dutzende Kinder nehmen ihre Eltern an der Hand und gehen auf das große Tor zu.

Neues, großes Gebäude, fremde Menschen, die Spannung und Nervosität sind spürbar. Und über allem die klassischen Fragen im Kopf:  „Werde ich den Ansprüchen gerecht?“ „ Schaffe ich alles, was verlangt wird?“ „Werde ich neue Freunde finden?“

Kein „Erster Schultag“, erster Besuch in einem Pflegeheim, in einem betreuten Wohnen, in einem Haus für Senioren.

Es reihen sich Rollstuhl an Rollator und wer besonders mutig und fit ist, braucht nicht einmal einen Stock. Daneben stehen, ein bisschen unsicher und verloren, die Kinder. Die erwachsenen Kinder, die zum Teil auch schon betagten Kinder.

Es wird kaum geschwätzt, höchstens geflüstert. Diszipliniert und fast in „Zweier Reihe“ fährt die Rollstuhl-Truppe  als erstes mit  dem Lift ins oberste Stockwerk zur Besichtigung eines leeren Zimmers. Dann kommen die „Rollatoren“ dran (das sind wir) und zum Schluss die rüstigen Rentner ohne Stock und Beiwerk. 

Mutter manövriert sehr konzentriert ihr Wagerl durch die Menschenmenge, die sich vor dem leeren Appartement versammelt hat. Einmal darf man durchgehen. Einen Blick durchs Fenster aus dem siebenten Stock werfen, kurz ins Bad an der Miniküche vorbei. Alles ist sehr hell, glatt, neu.

„Ich könnte die Kommode von der Tante Mitzi da ins Eck stellen“ höre ich, „Dem Horst sein Bett passt da nie hinein“ tönt es von der anderen Seite.

Meine Mutter sagt nichts, rollt schweigend aus dem Zimmer auf den hellen Gang. Die Mimik täuscht. Sie ist angetan, hat sich das alles viel kleiner vorgestellt.

Nach der Besichtigung geht es zum „Kleinen Saal“, dem Veranstaltungsort, wo dann Fragen beantwortet werden. Die Fragen sind zahlreich und  sehr unterschiedlich,großteils jedoch nicht von den zukünftigen Bewohnern sondern von den Begleitpersonen gestellt.

Die Kosten. Wichtiger Punkt. Aber nicht so wichtig wie die Mahlzeiten…..Ob es ja eh immer einen Kaffee und Kuchen nachmittags gäbe, ob das Abendessen im Zimmer eingenommen werden könnte und ob man sich das Menü aussuchen darf oder ob es vorgegeben wird.

Die  Vorschriften sind schnell abgehackt. Darunter die Wichtigste: „Kein Übernachtungsbesuch im Zimmer“.“ Senioren Sex ade“ höre ich neben mir ( „Mutter !“) und der kleine Saal lacht.

Die Atmosphäre entspannt sich und man geht leise tratschend zur vorbereiteten Jause in den Speisesaal.

„Niemals esse ist hier. Das lasse ich mir alles ins Zimmer bringen“. Ist auch wirklich der einzige Kommentar meiner Mutter, grad so als ob sie schon fix da wohnen würde. 

Ich muss zugeben: der Speisesaal ist auch wirklich ein Schwachpunkt in dem Ganzen. Riesig, unübersichtlich, grell beleuchtet, strassenseitig im Erdgeschoß, mit dem Flair einer Schulkantine, aber auf bemüht edel gemacht. 

Wir setzen uns zu einer Dame mit Hut und ihrer Großnichte, wie wir später erfahren. Ein nettes Paar. Die alte Dame redet ohne Punkt und Komma, schiebt sich dabei ununterbrochen trockenen Kuchen in den Mund und der Kuchen sprüht dann mit Spucke angereichert in Form von Brösel aus dem Mund direkt in meine Kaffeetasse.

So ist das eben.

Meine Mutter lauscht dem Redefluss, beeindruckt von der Tatsache, dass diese redselige kleine alte Dame fünfzehn Jahre älter ist als sie selbst also fast hundert Jahre alt.

Auf dem Heimweg besprechen wir die Für und Wider dieser Institution. 

Nun liegen die Unterlagen bei Mutter am Tisch. Man muss ein Formular ausfüllen, den Grund angeben, warum man nicht mehr alleine leben möchte, warum man nicht mehr alleine leben kann. Die Stadt prüft dann die Bedürftigkeit und verteilt die Zimmer.

Das kann Wochen aber auch Monate dauern.

Das Formular haben wir noch nicht ausgefüllt. 

Wir haben auch noch nicht wirklich darüber gesprochen.

Über diese Bedürftigkeit.

2 Kommentare

  1. Ein deja – vu für mich – erkenne eine ähnliche Situation in Zusammenhang mit meiner Mutter und erlebe wieder die gemischten Gefühle des Angehörigen mit dem Wechselbad der Gefühle…soll ich es forcieren / hab ich das Recht das zu, meine Mutter dahingehend zu beeinflussen / inwieweit muß ich es und unterstütze sie damit ein geregeltes sozialisiertes Leben zu erfahren…

    Dann die erste Zeit da, das Eingewöhnen in die neue Situation – und sehe ich da Unglück in ihren Augen? Dann plötzlich ein zufriedenes sich Einfinden in die neue Situation (und das ist wohl das Schönste)..

    Eine neue Situation wohl auch für die (gar nicht mehr so) Jungen, die nun federführend entscheiden müssen und das hoffentlich ausschließlich im sinne der Altvorderen.

    Eine berührende Schilderung jedenfalls.

    • Danke lieber Christian Jaufer. Genauso wie sie ihre Gefühle schildern ist auch bei mir gewesen. Nur wenn ich es richtig verstehe hat es bei Ihnen ein „zufriedenes Einfinden“ in die neue Situation gegeben.Daran arbeiten wir noch….

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.