Die Kränkung

Ich möchte alles richtig machen.

Wenn es eine Unstimmigkeit bei den Medikamenten gibt, rufe ich Mutters Neurologen an um die richtige Dosierung zu erfahren.

Wenn meine Mutter eine schlecht heilende Wunde hat, berate ich mich mit der Apothekerin meines Vertrauens um eine adäquate Behandlung zu ermöglichen.

Und weil ich mit den Stimmungsschwankungen und ihrer Depression, die mit ihrer Krankheit einher geht, so schlecht zurecht komme, suche ich eine Selbsthilfegruppe auf. 

Im Sesselkreis werden Magensonden, Bettpfannen und Tipps zur  Vermeidung von Dekubitus( Wundliegen)erläutert. 

Ich schaue in die betroffenen Gesichter von Töchtern, Schwiegertöchtern und Nichten. Ich fühle mich  äusserst unwohl, fast wie ein Voyeur, eindeutig fehl am Platz. Die besprochenen Probleme treten bei uns nicht auf. Wir haben diese Sorgen noch nicht. 

Es gibt noch etwas das ich in Anspruch nehmen will: Eine  psychologische Beratung für pflegende Angehörige.  Von einer karikativen Organisation, finanziert nur durch Spenden.

Ich melde mich für ein Erstgespräch an und möchte die einzige Person, die meiner Mutter genauso nahe steht wie ich, mitnehmen: meinen Bruder.

Die Psychologin ist leise, weich, rund und – sehr jung. Mir kommen Zweifel. Es ist ein bisschen so wie mit den Kindern: Wenn man noch keine Kinder hat kann man sich die Sorge und die Liebe gar nicht vorstellen. Und es ist auch nicht vermittelbar. 

Weiß diese junge Frau um die Ängste die man um die eigene Mutter haben kann? Kann sie sich die tausend Tode vorstellen die man stirbt, wenn die Mutter nicht ans Telefon geht und auch sonst nicht erreichbar ist? Ahnt sie den Zwiespalt zwischen Tochterliebe und auch der Wut die einen oft überkommt? Kennt sie die Verzweiflung, wenn man wieder und wieder versucht, die eigene Mutter aufzurichten und doch immer wieder scheitert?

Wir geben der jungen Psychologin eine Chance. Mit zarter Stimme fordert  sie uns auf, erst unsere Beziehung zur Mutter in Kindertagen zu schildern. Was war gut. Was war nicht so gut. 

Die Erlebnisse und Erinnerungen meines Bruders decken sich nicht immer mit den meinen. Er ist viel jünger als ich. Er ist ein gewünschtes Kind. Für ihn hat sie sich in reiferen Jahren bewusst entschieden. Ich bin während ihres Studiums, kurz vor ihrer Diplomprüfung eher überraschend da gewesen. 

Aber viele Erinnerungen sind ähnlich. Plötzlich fallen uns beiden immer mehr bestimmte Situationen und Aussagen ein. Nicht nur aus vergangenen Tagen sondern erst kürzlich getätigte.

Mein Schlüsselsatz in dieser Sitzung:“ Ich habe mich so gekränkt, als  sie zu mir gesagt hat, sie würde mir wünschen, dass ich auch einmal solche Schmerzen hätte wie sie, damit ich weiß wie arm sie dran sei…“ Und die Psychologin hat ruhig gesagt:“ Ihre eigene Mutter hat ihnen also Schmerzen gewünscht. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?“

Und aus dem Mund der Psychologin hat es auf einmal noch viel schrecklicher geklungen als es für mich in der Situation damals war.

 Ja, es hat mich gekränkt, aber ich möchte trotzdem nicht, dass andere, fremde Leute schlecht von meiner Mutter denken. 

Ab da war es für mich eigentlich gelaufen. Ich möchte keine professionelle Unterstützung. Ich weiß um die Kränkungen aus Kindertagen. Ich kenne  ihre Sprüche, ihre Ansagen jetzt, im hilflosen Alter. 

Ich möchte alles richtig machen. 

Aber ich möchte mir auch vorbehalten, manchmal echt wütend auf ihre Aussagen zu sein. 

Denn wenn sie einmal gar nichts mehr sagt, bin ich nur mehr traurig. 

1 Kommentar

  1. Das olle Wort (kann´s schon nicht mehr hören) „BERÜHREND“ fällt mir diesmal ein …

    und: lass uns auf n Drink treffen und quatschen .. ich ersetze die ganze Selbsthilfegruppe mit links 😉

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