Die Mahlzeit

Kochen war nie Mutters Königsdisziplin. Untrennbar mit meiner Kindheit verbunden:

„Kochsalat mit Erbsen“ (kennt das noch wer?). Sie hat nie gern gekocht, stand aber doch fast jeden Tag notgedrungen am Herd.

Mit zunehmenden Alter hat aber ihre Lust, überhaupt zu kochen, abgenommen. Das ist verständlich. Es erfordert von einem kranken Menschen sehr viel Disziplin, sich jeden Tag selbst ein Essen zuzubereiten und es auch alleine zu essen.

Eine Zeitlang waren die Mittagsmenüs in diversen Gaststätten eine gute Alternative. Aber seit sie nicht mehr so gern außer Haus geht und der Mittagsschlaf unmittelbar nach dem Essen so wichtig geworden ist, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.

Die Einrichtung „Essen auf Rädern“ ist großartig. Frische Menüs, die man sich aussucht, werden direkt zugestellt. 

Wenn es doch so einfach wäre. 

Da ist erst einmal die Hürde des Bestellens zu überwinden. Die Wunschspeisen müssten online wöchentlich deponiert werden. Das kann ich für sie tun . „Ich weiß doch heute nicht, was ich übermorgen essen möchte “, jammert Mutter und überhaupt: Wohin mit den Speisen, die gekühlt einmal in der Woche geliefert werden. Ihr Kühlschrank ist klein, ihr Tiefkühler nur ein Eisfach. Es gibt auch die Möglichkeit einer täglichen Lieferung. Das bringt jedoch ein weiteres Problem mit sich: 

Die Zustellungszeit ist mit „von….bis“ angegeben. 

Mutter befürchtet, daß sie die Türglocke nicht hört. Das bedeutet dann, daß sie sich ab, sagen wir 10 Uhr, in den Vorraum auf einen Hocker setzt und wartet bis das Essen geliefert wird. Und wenn es dann endlich läutet, ist sie ein Wrack. Nervlich so am Ende, daß sie keinen Bissen hinunterbekommt.

Wir  beschließen die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Mein Bruder, der nur sonntags zeit zum Kochen hat, soll sie mit Vorgekochtem bis Mitte der Woche versorgen, dann übernehme ich.

Wir besorgen hübsche Glasbehälter, gut stapelbar und mit leicht zu öffnendem Verschluss.

Sonntag Abend wird der Kühlschrank gefüllt. Mit Linseneintopf. Den wärmt sie sich Montag Mittag auf. Dienstag: Linseneintopf. Mittwoch… ich höre es schon an der zaghaften Stimme am Telefon… „Linsen, zwar  gesund und nahrhaft, aber dreimal hintereinander, das kriegt kein Mensch runter“.

In der zweiten Woche probiert es mein Bruder mit Gemüse, variabel zu Nudeln oder Reis. 

Mitte der Woche finde ich einen sehr vollen Kühlschrank und eine sehr unglückliche Mutter vor. 

Dazu ist folgendes zu sagen. Ganz unüblich für ihre Generation sind für meine Mutter Vorräte äußerst belastend. Alles aufgebraucht, alles verwendet, keine Reste, ein leerer Kühlschrank, das ist der ideale Zustand. Da freut sie sich. „Wenn nichts da ist, kann auch nichts schlecht werden“.

In der dritten Woche ist mein Bruder schon ein bisschen weniger enthusiastisch was die Kocherei betrifft und ab der vierten Woche kommt nur mehr gelegentlich und auf Wunsch ein Glaserl  Vorgekochtes.

Ich habe es da ein bisschen leichter. Ich stelle mir vor, daß ich vom täglichen Mittagessen etwas abzweige und ihr bringe. Leider habe ich dabei nicht bedacht, daß meine Mutter nur zwischen halb zwölf und zwölf Uhr Mittagessen kann. 

Die strengen Essenszeiten sind von der Medikamenteneinnahme abhängig. 

An manchen Tagen gelingt es mir, bis elf Uhr ein Mittagessen zu kochen, aber nicht immer. Und vom Vortag Gekochtes soll die Ausnahme sein. 

Nun stehen wir wieder am Anfang. 

Die momentane Lösung ist nur eine vorübergehende. Wir hanteln uns von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Gelegentlich bringt mein Bruder was vorbei; dann wieder ich. Enkel kochen mit ihr in ihrer Küche und manches Mal wird eingekauft und sie bereitet sich selbst etwas zu. Das funktioniert im Moment ganz gut.

Aber das alles basiert auf einem fein gesponnenen Familiennetzwerk, daß nur solange hält solange die Fäden nicht reißen.

Ich schätze die Entlastung durch die Familie sehr, aber ich spüre auch das Gewicht dieses fragilen Netzes, in dem meine Mutter hängt und sich festklammert.

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