Die Motivation


„Im Gesicht fehlt mir ja nichts“ 

Das ist Mutters regelmäßige Antwort auf Komplimente wie gut sie aussehe. „Was die Leute immer glauben. Leider sieht mir niemand an der Nasenspitze an, wie schlecht es mir wirklich  geht“.

Sie sieht bezaubernd aus. Im hellgrauen Hosenanzug, die Haare zu einem Dutt gebunden, mit dezentem Schmuck, ähnelt sie mehr denn je einer bekannten Filmschauspielerin. Ich komme mir wie die arme aber geduldete Verwandte neben ihr vor. Die Einkäufe schleppend, den  Hund hinter mir herziehend, suche ich meine  Brille um ihren Schlüssel ins schmiedeeiserne Haustor stecken zu können. Das Tor ist schwer und einhändig fast nicht aufzudrücken. Sie zappelt, den Rollator fest im Griff neben mir, weil ich gar so langsam bin. Im Lift haben wir nicht alle Platz. Ich stapfe so schnell wie es mit dem hüftleidenden Hund nur geht, die fünf Stockwerke hinauf, während sie schon oben ungeduldig vor der Wohnungstür wartet.

„In deinem Alter hab ich vor dem Büro noch Tennis gespielt“. Kommentiert sie mein Schnaufen.

Das sind wieder so Momente, in denen ich zweifle und auch verzweifle.

Alles hinschmeissen und gehen? Aufstehen, Krönchen richten und lächeln wie es in einem Spruch heißt. Nur, dass ich nicht diejenige mit dem Krönchen bin.

Aber ist mir nicht lieber, sie ist munter und schlagfertig als müde und leidend?

Schlucke ich nicht lieber ihre Sprüche schweigend runter als an der Verzweiflung zu würgen die mich befällt wenn sie leidend ist? 

Aber an manchen Tagen kann sie es wirklich wieder: Ihre tapfere, kürzlich operierte jüngste Schwester lässt sich von einer gemeinsamen Cousine zu einem Besuch bei meiner Mutter überreden. Cousine W.  ist voller Tatendrang, voller Motivation und gewillt, alles aus dem Weg zu räumen was diesen Besuch in Frage stellen könnte. Nach den langen Vorplanungen sind die Bustickets besorgt, der Stadtplan samt U Bahn Karten griffbereit.Am Busbahnhof angekommen, stürzen sich beiden Damen Hand in Hand mutig in die Großstadt. Und kommen tatsächlich bei Mutter an, mit erheiternden Familiengeschichten und Kuchen  in der geräumigen Tasche.

Mutter nimmt freudig alles Dargebotene an.  

Ich möchte sie zu einem Gegenbesuch animieren. Sie müsste nicht mit dem  Bus sondern könnte bequem im Auto anreisen.

„ Das schaff ich nicht“ sagt sie. Zu meinem  Einwurf, sogar ihre frisch operierte Schwester hätte das geschafft meint sie nur :“ Die hat ja auch Cousine W. Wenn ich nur ab und zu auch so jemanden hätte, der mich so lieb motiviert, könnte ich viel mehr unternehmen. Aber ich hab ja niemanden…“.

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