Die Nachbarin

 

„Ich glaube, das macht sie absichtlich“

Meine Mutter ist erbost.

Ihre Nachbarin schwärmt von Rosen im Park, von der kleinen Konditorei in der sie bis zur Sperrstunde gesessen ist, weil es so nett und gemütlich war. 

„ Sie weiß, ich kann das Haus nicht verlassen und dann erzählt sie noch, sie sei drei Stunden spazieren gegangen. Man muss nur wollen, dann geht das schon- sagt sie auch noch zu mir!“

Mutter dreht mit weichen Knien einige Runden auf ihrer  Terrasse und beruhigt sich kaum. 

„Diese Selbstgefälligkeit…sie sieht ja, dass es mir heute schlecht geht. Da muss sie mir ja nicht auf die Nase binden, wie toll sie es hat. Als ob sie mich extra quälen wollte“.

Kann man in fortgeschrittenen Alter noch Freundschaften schliessen? 

Eigentlich freuen wir uns alle: Einen Stock darunter lebt auch eine Witwe, etwas älter und sehr rüstig. Die Annäherung ist zaghaft.

Meine Mutter hat ja nicht immer im Haus gelebt. Sie ist erst vor einigen Jahren hingezogen. Die Witwe war immer schon da. 

Irgendwie haben sie sich gefunden. Ein Kaffee am Nachmittag, ein Kartenspiel am Abend. Es wird Neujahr zusammen gefeiert und auch an den Geburtstagen stösst man auf den anderen an. 

Die Nachbarin schätzt die Terrasse. „ Ich komm auf Kur zu dir hinauf“ und Mutter freut sich über die Gesellschaft. Meistens.

Denn das Verhältnis ist nicht konfliktfrei.

„Sie glaubt, nur weil ich in meinen Bewegungen langsam bin, bin ich auch im Kopf langsam, bin ich irgendwie blöd“ lautet die Kritik meiner Mutter und sie resümiert: 

„Sie kennt mich ja nur krank“.

Ständiger Diskussionspunkt ist die Anzahl der Medikamente, die Mutter einnimmt. 

„Weißt, da sieht sie, wie zittrig und panisch ich bin und wie ich meine Tropfen suche und dann sagt sie „ Na, ich würde nie was nehmen. Nicht einmal wie mein Mann gestorben ist hab ich was geschluckt. Man muss sich halt einfach zusammenreissen.“

Ein wunder Punkt. Vor ein paar Jahren noch hätte meine Mutter vielleicht auch so gesprochen.

Hat Freundschaft Bestand, wenn man sich erst  alt und krank kennenlernt? Respektiert man seine neue Bekannte, auch wenn sie nicht  in die Konditorei  kann, wenn sie nicht stundenlang im Park mit flaniert?

Bringt man die gleiche Geduld auf, die man bei einer langjährigen Freundin hat, jemandem mit dem man quasi zusammen altert?

Ein immer wiederkehrender Vorwurf meiner Mutter lautet, die Nachbarin weiß ja gar nicht was für ein Leben sie vorher gelebt hat. Wie bunt und abwechslungsreich ihre Ehen, ihre Arbeit wirklich war. Sie sehe sie nur schwach und bedürftig, so, wie sie niemals war.

„Als ob sie spüren würde, da war einmal mehr als jetzt zu sehen ist. Ich könnte ihr viel erzählen. Aber statt an meiner Vergangenheit Interesse zu zeigen bohrt sie nur in meiner Gegenwart.“

Und in dieser Gegenwart hat Mutter das Gefühl nicht mithalten zu können. 

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