Die Schönheit


„An meine Haut lasse ich nur Wasser und …“

Erinnert sich noch wer an diese Werbecampagne?

Wasser und Seife — Das mag ja für einige erstrebenswert sein. Für meine Mutter gilt das nicht. Sie schmiert und cremt für ihr Leben gern. 

Schon in jungen Jahren, so erzählt man sich, war ihr das Gemüse auf dem Bauernmarkt zu teuer.  Für die Cremes und Lotionen aus den Parfümerien und Apotheken  war immer genug Geld übrig.

Und der Aufwand hat sich gelohnt. Bis jetzt ins hohe Alter hat sie eine straffe, ziemlich faltenfreie Haut und ein beneidenswert jugendliches Aussehen. Das sind nicht die „guten Gene“ allein.

Das ist auch das Resultat von jahrzehntelangen eincremen, von einölen und von Masken und Seren. 

Kosmetik hat sie immer schon interessiert. Daran hat die schlechte körperliche und seelische Verfassung nichts geändert.

Eine durch ihre Krankheit vermehrte Talkproduktion lässt ihre Haut glänzen und prall wirken obwohl sie spannt und trocken ist.

Das bringt sie zur Verzweiflung. 

Hat sie im letzten Jahrhundert noch auf die neuesten Innovationen bekannter Kosmetikmarken geschworen, so sollten es heute, krankheitsbedingt sowieso mit Chemie vollgestopft, Naturprodukte sein. 

Selbst Pharmazeutin, möchte sie auf die fachkundige Beratung in der Apotheke vertrauen. 

Es ist ja nicht so, dass es in der Großstadt keine geduldigen Verkäufer gibt.

Aber ich habe das Gefühl, es ist ihr irgendwie peinlich, neben den lebenswichtigen Medikamenten in ihrer Stammapotheke plötzlich auch ein Schönheitsprodukt zu verlangen. So quasi, sie ist alt und krank, so wird sie wahrgenommen, so zart und mitfühlend bekommt sie die Pulver über die Theke gereicht. 

„Darf es außer ihren schweren Präparaten noch was sein?“…“Ja, etwas für jugendliches Aussehen und frische Ausstrahlung…“

Wie frivol ist denn das nun ? Wen will sie damit beeindrucken?

Zum Glück gibt es A. 

A. ist nicht nur eine kompetente Pharmazeutin. Sie ist auch einfühlsam und erfahren. Der großer Nachteil: Ihre Apotheke liegt rund 200 km entfernt in ländlichem Gebiet. 

Ich bin zufällig in der  Nähe und suche ihren fachlichen Rat. A. hat das Problem im Nu erkannt  und stattet mich mit diversen Fläschchen und Proben aus.

Das freut Mutter sehr.

Sie kann schon lange kein  Kosmetikinstitut mehr besuchen. Auch die Friseurbesuche werden für meine Mutter fast so unangenehm wie ein Zahnarzt Termin. Ewiges Sitzen, unnatürliche Körperhaltung und das Resultat unbefriedigend –  eine Kopie Ihres einstigen rotbraunen Haarschopf –  in wenigen Wochen wieder verblasst. 

Heute ist ihr fast ganz weißer Dutt bezaubernd anzusehen.

Sie gefällt sich( auch wenn sie sich oft nicht mag, aber das ist eine andere Geschichte) 

Das Hautserum aus A.‘s Apotheke trägt sie begeistert auf. 

Wen will sie damit beeindrucken? 

Sie möchte in den Spiegel schauen und darin das frische Gesicht von damals  erahnen. Umrahmt von weißem Haar. 

Sie kann nicht aus ihrer Haut heraus, auch wenn sie das oft genug versucht.

Sie soll sich darin zumindest wohlfühlen.

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