Die Schwestern

Schwestern.

Sie können die besten Freundinnen sein oder die härtesten Feindinnen.

Sie wissen alles und das, was sie nicht wissen, denken sie sich aus.

Diese Familienbande ist für immer, ob man es zulässt oder nicht; ob man nebeneinander wohnt oder meilenweit getrennt lebt. 

Und doch gilt: Wer die Ursprungsfamilie frühzeitig verlässt und dabei auch noch erfolgreich ist, der wird bestraft.

Oh nein, meist nicht sofort. Oft zeigt sich das Ausmaß der gegenseitigen Verletzungen viele Jahrzehnte später. Nämlich dann, wenn man mehr zurück als nach vor blickt und fest  überzeugt ist, die einzige und wahre Geborgenheit in der  Kindheitsfamilie findet. 

Mutter ist gegangen. Daß sie ihr Glück gefunden hat wird sie bestreiten. 

Zwei Schwestern sind zurückgeblieben und ja, man muss es schon sagen, von ihr Jahrzehnte vernachlässigt worden.

Jetzt sind sie alle alt. 

Sie haben die Kriegsjahre überlebt, die Nachkriegsjahre, das letzte Jahrhundert, die Nullerjahre. Sie haben geheiratet, Kinder bekommen, Häuser gebaut und Urlaube gemacht.  Zwei haben alles gemeinsam erlebt und nur eine, meine Mutter, hat diesen inneren Kreis schon sehr früh verlassen.

Jetzt wird sie bestraft dafür.

Glaubt sie. 

Ein runder Geburtstag ist ein Fest, dass man im Kreise lieber Mitmenschen feiern soll. Ab einem gewissen Alter wird der Freundeskreis kleiner. Wie gut, dass man immer auf die Familie zurückgreifen kann. 

Aber wie sag ich meiner Mutter, dass ihre zwei Schwestern nicht mit ihr feiern wollen. 

Oh, die beiden drücken es anders aus. Natürlich gratulieren sie ihrer großen Schwester an ihrem Runden, aber sicher nicht am Geburtstag persönlich. Selbstverständlich trinken sie ein Gläschen auf sie und mit ihr, aber irgendwann. Wann, das können sie noch nicht sagen. In ihrem Alter könne man nicht planen, da weiss man nie was passiert.

Die beiden Schwestern wohnen Haus an Haus in einer ländlichen Umgebung.Meine Mutter, die Älteste  hat sich für ein Leben in der Großstadt entschieden. Zwischen ihnen liegen ein Berg und eine Autobahn. Das ist nicht unüberwindbar. 

Die innere Entfernung ist offenbar einfach zu groß und so werden meine Kinder und ich alleine mit Mutter feiern. Ich bin stellvertretend für meine Mutter enttäuscht.

Schwestern.

Man bleibt ein Leben lang verbunden. Und vielleicht sehe ich diese Verbundenheit nicht, vielleicht urteile ich nur nach Äußerlichkeiten. 

„ Geh schau, die Zwei haben sich immer schon vor der Stadt gefürchtet. Glaubst du, das ist jetzt im Alter weniger geworden“. Entschuldigt meine Mutter ihre  um einiges jüngeren Schwestern erstaunlich gelassen.“Wir können froh sein, wenn sie zu meinem Begräbnis kommen. Obwohl, ich hab dann wahrscheinlich nicht mehr viel davon.“

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