Die Sitzung

Sie hat es zugegeben. 

Mutter hat endlich zugegeben, dass sie von mir anderes erwartet als von meinem Bruder.

So hat sie es natürlich nicht ausgedrückt. So etwas sagt man nicht gerade heraus, so etwas wird in Stehsätze  verpackt, in schwammige Entschuldigungen gehüllt und trotzdem punktgenau abgefeuert.

„Er kann diese Woche wirklich nicht bei mir vorbeikommen. Es ist so viel im Büro zu tun. Eine Sitzung jagt die andere. Ich brauche dringend Medikamente vom Hausarzt. Könntest du nicht …“

Büro? Sitzung? 

Ich habe eine kranke Enkeltochter vom Kindergarten vorzeitig abzuholen, einen pubertierenden Sohn mit gewaltigem Appetit aus der Schule kommend, einen alten Hund, der stündlich auf die Gasse muss weil sonst ein Mallheur am Teppich passiert und den Rohentwurf einer Bachelorarbeit am Küchentisch, die ich durchzulesen versprochen hatte. Das soll aber neben Einkäufen, Kochen, Waschen und Bügeln passieren. Und mein in ihrem Nebenhaus alleinlebender, kinderloser Bruder hat eine Sitzung.

„Er hat schon so viel Freizeit letztes Wochenende für mich geopfert. Ich kann ihn jetzt wirklich nicht belästigen.“

Geopfert? Belästigen?

Es sind die Mütter die die künftigen Männer erziehen. So hat es zumindest in den Anfängen unter den Feministinnen geheißen. Und sie wollten Söhne, die nicht die patriarchalen Züge ihrer Väter hatten. Sie wollten ihre Buben zu verständnisvollen, sensiblen aufmerksamen Mitmenschen erziehen. Das ist ja in vielen Fällen gelungen.

Es sind aber auch diese Mütter, die dann im hohen Alter wieder in die alten  Rollenbilder zurückfallen. Wo der Sohn dann in seiner Arbeit nicht gestört werden darf, wie einst der Vater, und die Tochter jederzeit zur Verfügung stehen soll. 

Ich mache es ja gerne. Ich hab sie unter meine Flügel genommen wie meine vier Kinder (und den alten Hund).

Ich sorge mich um ihr Wohlergehen und schau darauf, dass sie nicht nur  warme Mahlzeiten hat sondern auch lustige Geschichten, die sie von ihrem Alltag ablenken. 

Aber manchmal kommt mir in Erinnerung, dass meine Mutter nicht nur eine Tochter sondern auch einen Sohn hat. 

Und wenn ich wieder eine Woche praktisch im Alleingang bestritten habe, frage ich mich ob man den nicht belästigen könnte, ob er sich nicht opfern könnte…

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