Die Sommerfrische


Es gibt ein Haus in den Bergen, in dem schon Mutter als Kind ihre Ferien verbracht hat.

Meine Enkel sind nun die fünfte Generation die, eingebettet unter Fichten und Tannen, im Sommer Pilze und Beeren, im Winter Eis und Schnee genießen.

Jeden Sommer fahre ich mit Kind und Kegel, sprich,  mit dem alten Hund, meiner Mutter und den Kindern in dieses Haus. Die Älteste, eben meine Mutter und die Jüngsten, meine Enkel haben praktischerweise gleiche Essens- und Schlafenszeiten, die Tage sind angenehm kühl, das Haus groß genug für alle.

Die Idylle ist nicht immer ungetrübt: Spannungen unter den Generationen ziehen oft unvermutet wie Berggewitter auf und lassen die Luft erst flirren und dann kochen. 

Am häufigsten kracht es zwischen meiner Mutter und einer  meiner  Töchter. Beide buhlen um meine Aufmerksamkeit. Das sollte mich freuen. Tut es aber nicht. Ich flüchte dann in den Wald. 

Dieses Jahr ist alles anders.

Der jüngste Sohn pfeift auf Pilze ohne Internet, der Ältere bleibt in Afrika, die Töchter orientieren sich neu im Leben. Bleiben die Enkel, der Hund und – Mutter.

Sie möchte nicht mit. 

Erstmals hätte sie die Gelegenheit, meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben. Den ganzen Tag. Das Haus ihrer Kindheit mit all den Erzählungen und Erinnerungen wartet.

Sie möchte nicht mit.

Ich verstehe, dass in einem gewissen Alter ein Ortswechsel mühsam und unerwünscht ist…. aber sie kennt das Haus , länger als ich.

Ich verstehe, dass man in einem gewissen Alter auf Bequemlichkeit nicht verzichten möchte….aber sogar ein Krankenbett ließe sich da leihweise hinauftransportieren…

Was das schlimmste sei, das passieren könnte, bohre ich weiter. Ein Sturz? Wir wären schneller im nächsten Krankenhaus als die Rettung in  der Großstadt. 

Ich werde viele Wochen nicht da sein. „ Schrecklich,ich leide jetzt schon“ „ Dann komm doch mit“……

„Wenn du nicht willst, findest du immer einen Grund, wenn du willst findest du einen Weg“ zitiere ich.

Na, mehr hab ich nicht gebraucht.“ Deine Kalendersprüche kannst du dir aufmalen…“ kommentiert sie bissig.

Ich finde nicht heraus, warum sie nicht mit möchte. Erst als sie zaghaft andeutet, „ Was soll ich denn da oben den ganzen Tag machen…“ dämmerts mir ein wenig. Das Haus ist abgelegen. Es gibt keinen Fernseher, kaum Nachbarn. Bis jetzt war das für sie ein Pluspunkt.

Gibt es Lebensabschnittshäuser so wie es Lebensabschnittspartner gibt? Hat jedes Alter nicht  seine unterschiedlichen Bedürfnisse?  Bin ich ganz alleine mit meiner Vorstellung von einem generationsübergreifenden Leben, zumindest in den Ferien? 

„Was soll ich den ganzen Tag da oben machen?“ Gute Frage, zu der mir viele Antworten einfielen: Den Enkeln vorlesen, mit mir kochen, tratschen, in der Sonne sitzen, nicht alleine sein. Das ist ihr zu wenig.

Ich bin zwei Autostunden entfernt. Ihre Versorgung ist organisiert und  im Notfall bin ich schnell da. 

Aber nur Langeweile wird ab sofort kein Notfall mehr sein. 

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