Die Terrasse

„Ich seh mich nicht.“

„Ich seh mich nicht dort zwischen all den Rollstühlen und all den Rollatoren. Ich seh mich nicht mit all den fast Hundertjährigen im Speisesaal sitzen und auch nicht mit den Alten dort im  Garten. Ich seh mich im siebten Stock beim Fenster rausschauen, allein, niemand der da ist um mich an die frische Luft zu holen.“

Mutter hat entschieden.

Es ist ein klassischer Ansatz vieler älterer Mitmenschen betreffend einschlägiger Betreuungseinrichtungen: Das ist noch nichts für mich, dort sind ja nur alte Leute.

Wir steuern auf eine  sonnige Bank im Stadtpark zu. Seit Monaten ist sie nicht so weit gegangen. Entschlossenheit demonstrierend stapft sie tapfer durch die Stadt  Sie hat ein bisschen Angst vor mir, vor dem Gespräch. 

„ Wenn es mich zu sehr aufregt, hören wir sofort auf zu reden“ versichert sie sich vorher. Doch es geht ganz gut. Sie erzählt von ihren Ängsten und Sorgen betreffend des „Heims“ und daß sie zu Hause bleiben will.

Langsam und behutsam gehen wir gemeinsam auf jeden Punkt ein, besprechen die Für und Wider eines Aufenthalts in einem betreuten Wohnen und vergleichen es mit einem Daheim – bleiben.

Die Mahlzeiten in einer Institution, mehrmals täglich frisch serviert  sind doch ein großes Plus: „Essen ist nicht mehr so wichtig“ kontert sie, „Das Bisserl, dass ich esse mach ich mir selber“.

Die Gesellschaft, die Mitbewohner, das Kartenspiel, kurz, die Unterhaltung.

„ Jeden Tag die gleichen alten Gesichter, das halt ich nicht aus. Ich bin gern allein.“

(Oha, das hat vor einigen Wochen noch anders geklungen…)

Der letzte Bonuspunkt für ein betreutes Wohnen wäre die regelmässige Möglichkeit eines Spaziergangs, aber das hat sie schon mit ihren Ängsten gleich zu Beginn weggewischt ( „Ich sitz im siebten Stock ohne Balkon und kann nicht alleine raus.“)

Mutter hat entschieden. 

Jetzt ist die Chance für mich doch ein paar Änderungen vorzunehmen.Ich stelle Bedingungen . Ich möchte fixe Tage. Bis jetzt hat sie das klar abgelehnt,weil sie mich jederzeit und immer auf Abruf verfügbar haben will. Und es muss mehr von der  offiziellen Betreuung her, nicht bloß zweimal eine Stunde in der Woche. Und wir müssen das mit dem Einkaufen und Spazierengehen klar einteilen damit sie auch wirklich gut versorgt ist.

„Weißt, ich möchte doch daheim bleiben. Ich habe doch so eine schöne große Terrasse  und jetzt wo es wieder wärmer wird ist die Gold wert.“

Dazu muss ich anmerken: Einen Tag nach unserem Gespräch musste der gesamte Holzboden der Terrasse entfernt werden, wegen eines Wasserschadens in der Wohnung darunter. Zwei Tage schleppten Arbeiter das morsche Holz durch die Wohnung. Meine Mutter hatte selbst den Tischler und den Spengler organisiert und sich mit einer nicht sehr entgegenkommenden Hausverwaltung auseinandergesetzt. Zur Zeit lebt sie umgeben von acht großen Pflanzentrögen, drei hochgewachsenen Koniferen und etlichen kleineren Blumenkisterln, die natürlich die Wege mit dem Rollator blockieren. Die Terrasse ist ein unbegehbarer Schutthaufen und wird es auch noch länger so bleiben. Sie hat Herzschmerzen, Kopfweh, Schwindel und ist eigenen Angaben zufolge ständig dem Zusammenbruch nahe. 

Aber ich sehe das viel entspannter als noch vor wenigen Wochen. 

Sie schafft mehr als sie glaubt.

1 Kommentar

  1. Alle Geschichten sind rührend und gleichzeitig lustig. Ich liebe sie und freue mich jedesmal auf einen neuen Beitrag.
    So stolz auf dich, weiter so !

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