Frau Troll

„Stell dir vor“, sagt meine Mutter „du wachst in der Früh auf und vor deinem Bett steht eine wildfremde Person.“

Erschreckende Vorstellung. Da stimme ich ihr zu (sagt irgendwer heute noch  „wildfremd“?)

Nach einem Sturz und einem längeren Krankenhausaufenthalt soll nun regelmäßig in der Früh jemand vorbeikommen um beim Waschen, Ankleiden und Frühstück machen zu helfen.“Und um zu sehen, ob ich die Nacht überhaupt überlebt habe“, sagt Mutter.

In der Stadt gibt es etliche Hilfsorganisationen und wir entscheiden uns für die Heimhilfe einer grossen, bekannten Organisation.

Beim Evaluierungsgespräch, bei dem festgestellt werden soll wieviel Hilfe sie wirklich benötigt, wirkt meine Mutter eloquent, wach und sehr selbstbewusst. Das ist mir fast peinlich. Sollte sie nicht irgendwie hilfsbedürftiger sein, abhängiger wirken?

Sie diktiert dem zuständigen Herrn ihre Vorstellungen: nicht zu früh, gegen neun Uhr, mit Frühstücksgebäck, fünf Mal die Woche.

An der Wohnungstür wird ein Schlüsselsafe montiert. Grundsätzlich eine gute Idee, auch für Familienmitglieder. So muss sie nicht jedesmal aufstehen, wenn es an der Türe klingelt.

Die meisten Heimhelfer holen mit dem Nummerncode den Schlüssel aus dem Safe, sperren in der Früh die Wohnungstüre auf, tasten sich durch die fremde, dunkle Wohnung zum Schlafzimmer vor und stehen eben abwartend vor dem Bett.

„Kennst du das“, fragt Mutter „wenn du spürst, daß da wer steht und dich anschaut?“

Nicht so bei Frau Troll. Bei Frau Troll ist alles anders.

Frau Troll schreit schon während des Türe öffnens laut und kräftig „Guten Morgen Frau Magistaaaaa“ in die stillen Zimmer hinein.

„Zum Tote aufwecken“, kommentiert Mutter trocken.

Frau Troll hat grosse Erfahrung in der Altenpflege. Mit geübten Handgriffen zieht sie meine zarte, kleine Mutter aus dem Bett, aus dem Nachthemd, ins Bad und in die Dusche in scheinbar einer einzigen fließenden Bewegung.

Und bleibt neben der Dusche im engen Bad stehen. Auf die Bitte meiner Mutter, ihr entweder beim Duschen zu helfen oder das kleine Bad zu verlassen, reagiert sie ungehalten. Helfen darf sie nicht, sie darf nur aufpassen. Und um die Zeit nicht unnütz vergehen zu lassen, wischt sie mit einem Putzfetzen am Waschbecken und an den Armaturen herum während Mutter versucht mit dem Rücken zu ihr in der schmalen Duschkabine mit Waschlappen und Seife zurechtzukommen. Das passt gar nicht.

Nach drei Troll-Tagen ruft Mutter bei der Organisation an und verringert die Heimhilfe auf zweimal die Woche. 

Ab und zu kommen Aushilfen, das heisst, in den Augen meiner Mutter schleicht eine „wildfremde“ Person ans Bett und schaut sie abwartend an. Erst wenn sie sich vom Schreck erholt hat, kann mit der Körperpflege begonnen werden.  Meist aber wird sie vom Kasernenton der Frau Troll aufgeweckt.

Die Nerven liegen blank. Sie braucht oft den ganzen Tag um sich von einem Troll-Morgen zu erholen. Das geht so nicht weiter.

Sie möchte anrufen und um eine Ablöse bitten. Jemanden nettes, jemanden, der leise und zart mit ihr umgeht; der sich langsam bewegt und der vor allem nicht immer so schreit. Nach langem Zögern greift sie zum Telefon.

„Das wird schwierig“ heisst es bei der Zentrale „weil aussuchen kann man sich die Heimhilfen nicht.“ Aber man wird versuchen jemanden anderes als die wirklich sehr erfahrende Frau Troll zu finden sagen sie. Zwischen den Zeilen aber kommt klar hervor: Das werden sie bitter bereuen.

Zumindest hört dies meine Mutter hervor, denn augenblicklich stellt sich Panik ein. Was ist, wenn jemand kommt, der noch weniger passt.

„Ich schmeiße die Scheiter weg und bekomme einen Prügel zurück.“

Und was ist das Ende dieser Geschichte? 

Sie will gar keine „wildfremde“ Person mehr in ihrer Wohnung haben. Keine Heimhilfe,  keine Duschhilfe, kein frisches Frühstückskipferl. Und der Schlüsselsafe vor der Wohnungstüre macht ihr auch Angst. Der Nummerncode ist so vielen Leuten nun bekannt befürchtet Mutter. Jeder könnte sich da in die Wohnung schleichen.

Also wird alles abbestellt und der Schlüssel aus dem Kästchen neben der Wohnungstür entfernt.

Trotzdem wacht sie oft noch auf mit dem mulmigen Gefühl: da ist wer, da steht wer vor ihrem Bett und wartet…

 

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